Als ich das erste Mal von Yonder: The Cloud Catcher Chronicles (seine Freunde dürfen das Spiel auch einfach nur „Yonder“ nennen) hörte, war ich entzückt. Eine Ästhetik, die an eine Mischung aus The Legend of Zelda: The Wind Waker und an die des jüngsten Zelda-Teils Breath of the Wild erinnert, gepaart mit einer niedlichen offenen Welt weckte sofort mein Interesse. Allerdings verlor ich das Spiel relativ schnell aus den Augen und widmete mich dem Abenteuer erst wieder, als ich die Disk in meine PlayStation 4 einlegte.

Keine Story, viele Quests

Nach einer kurzen Charaktererstellung mit einigen wenigen Optionen werde ich auch direkt ins Geschehen geworfen, bin aber verwirrt, weil der Storyfetzen, der hier in gefühlt zwei Zeilen Dialog über den Bildschirm flackert so ziemlich das einzige ist, was ich an Geschichte bis zum Abschluss der finalen Quest kredenzt bekomme. Denn Yonder, so sehr der optische Anschein diesen Eindruck auch erwecken mag, birgt in seinem Inneren keine Aussage. Vielmehr beschränkt sich der Titel darauf, das Erlebnis des Entdeckens, Helfens und Sammelns zu vermitteln und macht dabei eine verdammt gute Figur.

Leider wird der Spieler hier an vielen Stellen alleine gelassen. Besonders die kurze Hauptquest, die mich mehrmals quer durch die überraschend große Welt laufen lässt bietet so gut wie keine Hilfestellung. Lediglich grobe Richtungsangaben lassen mich nach einigem Suchen die NPCs finden, die mich die letzten Ersatzteile für den „Cloud Catcher“ sammeln lassen. Wieso genau ich dies aber mache, ist mir selbst nach Ablauf der Endcredits immer noch ein Rätsel.

Grundsätzlich ist Yonder nicht viel mehr als eine große Sammelquest. Alles, was zum Erreichen meiner wenigen Hauptziele und meiner unzähligen Nebenaufgaben nötig ist, kann durch Herumlaufen, Sammeln, Abbauen und Handeln geschafft werden. Kämpfe fehlen im Spiel völlig, was meine Reisen über Grasebenen, verschneite Berge und Küstenlandschaften um einiges erträglicher macht. Dabei sieht der Titel aber hervorragend aus. Auf der PS4 Pro flimmern hier regelmäßig 60 Frames über den Bildschirm, nur in Ausnahmesituationen ruckelt das Spiel hier, wird aber an keiner Stelle nervig langsam oder gar unspielbar.

Mit den Augen eines Aspergers

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Fehlende Gegner, kein Zeitdruck – Yonder: The Cloud Catcher Chronicles ist ein Spiel wie für mich gemacht. Während ich es genieße, in anderen Spielen möglichst viel in die Luft zu jagen, hatte ich in Yonder viel Spaß mit beinahe meditativem Sammeln und Craften. Der Stress, den ich mit immer wiederkehrendem Respawn, Bosskämpfen und doppelten Wegen aufgrund von unerwarteten Bildschirmtoden habe, bleibt hier vollkommen aus. Vielmehr kann ich hier beim mehrmaligen Durchqueren der Spielwelt immer wieder Neues entdecken und mich vollständig auf die kleinen Geheimnisse und Besonderheiten konzentrieren. Der pupsende Sumpf, das Sonnenlicht, das durch Baumkronen scheint oder die kleinen Witzchen, die die Entwickler versteckt haben. So finde ich auf einer Erkundungstour die folgenden Worte in Stein gemeißelt: „You are not supposed to be here“. Die kleine Abkürzung, die ich an dieser Stelle nahm, war wohl so nicht eingeplant, zeigt aber, wie viele Gedanken sich Prideful Sloth hier gemacht haben.

Stardew Valley Light in offener Welt

Die offene Welt von Yonder kann ab dem Start sofort ohne Einschränkungen betreten werden. Lediglich die Insel im Norden der Karte versteckt sich hinter einer kleinen Questreihe. Die Werkzeuge, die man benötigt, um wichtige Ressourcen zu sammeln, erhält man nicht nur durch Quests, man kann sie auch einfach bei Händlern erwerben. Sämtliche Handel basieren hier auf einem Tauschprinzip. Ich kann zum Beispiel nicht einfach mein gesamtes Inventar an einen Händler verscherbeln, sondern muss Gegenstände gegen andere Dinge mit ungefähr gleichem Wert tauschen.

Wer Lust hat, kann sich den optionalen Bauernhöfen widmen, die man als Spieler an vorgegebene Stellen bauen kann. Aber auch hier ist das Spielprinzip eher rudimentär ausgelegt. Sämtliche Objekte, die man hier errichten kann – dazu gehören Tierbehausungen, Futtertröge und Beete – erschafft man durch bestimmte Professionen, die Gildenlehrer in der ganzen Welt lehren. Schreiner, Konstrukteure, Brauer, Köche – Wer hier viel craftet, wird durch neue Rezepte belohnt. Die Objekte, die man hier herstellen kann werden entweder auf besagten Bauernhöfen, in der offenen Welt oder für bestimmte Quests benötigt. Dies aber ist absolut keine Pflicht, denn so ziemlich jedes Objekt kann ebenso durch Tauschhandel erworben werden. Dies lässt einen eigenen Playstyle zu und zwingt den Spieler nicht in eine Form, in der er nicht stecken möchte.

So niedlich Yonder: The Cloud Catcher Chronicles auch ist, so sehr mangelt es dem Spiel an Abwechslung. Dessen sollte man sich bewusst sein, bevor man sich auf die stundenlange große Sammelquest einlässt, die das Spiel darstellt. Kein Zelda und kein Stardew Valley, dafür ein kleines Abenteuer mit eigenem Charme. Durch die fehlenden Kämpfe ist Yonder vor allem für Menschen geeignet, die sich leicht ablenken lassen oder für solche Spieler, die einen Einstieg ins Gaming suchen. Die Steuerung ist eingängig und der fehlende Stressfaktor lässt ein schnelles Erlernen des Handlings eines Controllers zu. Jüngere Kinder sind hier wahrscheinlich besonders gut aufgehoben. Leider werden Kids hier Probleme haben die vielen NPCs aufgrund ihres oft gleichen Aussehens auseinanderzuhalten. Für 30 Euro Releasepreis kann man hier absolut nicht meckern. Ein wenig meditative Ruhe und das gute Gefühl, einem netten Dorfbewohner geholfen zu haben reichen manchmal aus, um ein gutes Spiel zu machen.

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Yonder: The Cloud Catcher Chronicles was last modified: August 18th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.