Hände hoch, Überfall! Böse Außerirdische landen auf der Erde und lasern alles weg, was nicht bei „3“ auf den Bäumen ist.

Wo man hinschaut: Remakes, Fortsetzungen und alte Ideen in halbfrischen Gewändern. Das ist nicht nur öde, sondern letztlich auch die unkreativste Abzocke, die sich ein Entwickler/Publisher/Studio leisten kann. Mit skeptischem Blick schaue ich also in Richtung XCOM: Enemy Unknown. Die jüngeren Leser fragen sich jetzt, was der alte Mann meint – die Sprache ist selbstverfreilich von der UFO/XCOM-Reihe, die schon seit 1994 Bestand hat und bis vor 11 Jahren noch die Hobbystrategen an den heimischen Monitoren begeistern konnte. Der erste Teil der Reihe, UFO: Enemy Unknown, wurde nun komplett neu aufgesetzt und dabei sehr stark vereinfacht.

Hände hoch, Überfall!

Im Grunde kann man die Storyline auf einen Satz herunterbrechen: Aliens überfallen die Erde und der Spieler ist der Einzige, der das verhindern kann. Klingt superaufregend. Fireaxis Games macht auch keinen Hehl daraus, dass man hier wirklich nicht viel mehr erwarten kann, das muss man den Nordamerikanischen Ostküstlern lassen. Aliens sind schlicht „Aliens“ und verkörpern das absolut Böse. Der Spieler schlüpft in die Rolle des Kommandanten über das sogenannte „XCOM-Team“ und darf seine Soldaten über das Schlachtfeld schicken, Außerirdische töten und seine Basis aufstocken. Doch dazu später etwas mehr. Doch so vorhersehbar der Spielverlauf auch sein mag – so uneinsichtig zeigt sich das Gameplay. Der Spieler wird nach einer Für-Blöde-Anleitung direkt ins Spiel geworfen und steht dafür später mit einem arschvoll Fragezeichen über dem Kopf vor einer gefühlten Bazillionen Möglichkeiten, den wirtschaftlichen Spielverlauf zu ändern.

XCOM ist seit jeher ein rundenbasiertes Strategiespiel. Was jetzt für Neulinge auf diesem Gebiet merkwürdig klingt, ist in seiner theoretischen Form ganz einfach. Wie bei einem Gesellschaftsspiel ziehen zwei Parteien abwechseln jeweils ihren gesamten Kader an Spielfiguren über das Feld. Dabei gelten bestimmte Bedingungen wie Anzahl der Felder, die man ziehen darf, Deckung, Schussgenauigkeit, Fähigkeiten oder Items. Dabei ist die Steuerung per Gamepad besser geraten als die Maus-/Tastaturquälerei am PC. Dies ist vor allem der Reduzierung der eins vorherrschenden Komplexität auf ein fast minimalistisches Niveau zu verdanken. Dabei wird mit wenigen Buttons agiert; Die Sticks arbeiten hier sehr genau – Eine eingängige Bedienung des Titels ist also gegeben. Doch entgegen der totalen Kontrolle über das Kampfgeschehen wird Anfängern aufgrund der mangelnden Erklärung (auch das sehr dünne Handbuch gibt keine Hilfestellung) die wirtschaftliche Situation schnell aus den Fingern gleiten.

Zwischen Politik und Schlachtfeld

So muss man nicht nur seine Basis mittels gefühlten hundert verschiedenen Ressourcen aufrechterhalten und erweitern, nein, die komplette Erde möchte vor Panik und Angriffen von bösen, bösen Alienraumschiffen bewahrt werden. Das ist leichter gesagt als getan, denn der halbe Kader ist regelmäßig krank oder verletzt, was den enormen Schwierigkeitsgrad nur noch weiter nach oben drückt. Wer hier nicht regelmäßig selbstständig speichert (die Autosave-Funktion muss erst manuell aktiviert werden) wird den Arsch voll kriegen und einen guten Soldaten nach dem anderen über den Jordan gehen sehen.

Game Over? Jawohl.

XCOM: Enemy Unknown ist wahrscheinlich eines dieser Spiele, die man entweder hasst oder abgöttisch liebt. Es gibt die Theorie, dass Spieler, die schon in den Neunzigern ihre Freude an diesem Titel hatten, werden jetzt begeistert jubeln und den Controller nicht mehr aus der Hand legen, während Casual-Gamer und jüngeres Publikum gefrustet das Gamepad in die Ecke feuert, da weder Soldaten noch Geld übrig ist. Es ist außerdem eines dieser Spiele, die den Spieler erst nach 12, 15 oder 20 Stunden Spielzeit merken lassen, dass dieser total versagt hat und das Ende nicht erreichen kann. Jawohl. Ein klassisches Game-Over. Heutzutage nur noch selten in freier Wildbahn gesehen…

Grafisch ist der Titel voll okay. Die Unreal-Engine feuert polygonarme aber faszinierend realistisch texturierte Modelle auf Fernseher und Monitor, die Effektpracht hält sich aber in Grenzen und wird hauptsächlich durch hübschhässliche 2D-Shader realisiert. Da man aber zum Großteil ohnehin aus relativ überschaubarer Position auf das Kampfgeschehen blickt, fällt dies nur bei gelegentlichen Zooms mit merkwürdigen Kamerafahrten auf. Aber auch hier möchte XCOM kein Bombastgrafikmonster sein. Hier wird kompromisslos gesagt, was Sache ist: „So sieht’s aus, mehr gibt’s nicht.“ Wenn man den Fokus klar auf das Gameplay legt, dann ist das absolut zu verzeihen – Grafik ist schließlich nicht alles. Dass dennoch einige schwerwiegende Bugs auftreten (z.B. werden Events zum Teil nicht vernünftig getriggert) ist allerdings ärgerlich.

Fazit

Alles in Allem bringt Fireaxis / 2K hier ein solides Spiel für Fans der alten Schule und alle Spieler mit ausreichend Nerven und einem niedrigen Frustlevel. Ein würdiges Remake des Klassikers in neuer, hübscher Verpackung und einem an die heutige Zeit angepassten Gameplay. Ich finde es durchaus okay, auch wenn es sicherlich mehr Zeit frisst als manch anderer Titel, denn mitunter dauern die Runden relativ lange. Taktiker, Strategen und Freunde des überlegten Handelns kommen hier voll auf ihre Kosten. Objektiv betrachtet ein wirklich guter Titel.

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XCOM: Enemy Unknown was last modified: Oktober 18th, 2012 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.