B.J. Blazkowicz hat ein Problem: „Das Regime“. Bereits seit einiger Zeit (und einigen Spielen) bekämpft der amerikanische Hüne die Nazi-Truppe rund um Kanzler Heiler und General Engel – Ein steiniger Weg, der mit nicht wenigen Opfern auf beiden Seiten gepflastert ist. Wolfenstein II: The New Colossus knüpft nahtlos an den Vorgänger The Old Blood an, den ich zwar gespielt, aber nie beendet habe. Bestens also, dass MachineGames, verantwortlich für die jüngste Nazi-Schnetzelorgie, der eigentlichen Story noch eine Kurzzusammenfassung vorschaltet. Dabei lerne ich, wie der Vorgänger für B.J. endete und dieser nun von Granaten zerfetzt äußerst geschwächt den Kampf gegen das Regime fortsetzen muss.

Recap mit schwangerer Kämpferin

Die Story von The New Colossus hat einen weitaus ernsteren Ton als The Old Blood. Sicher, die üblichen Gags finden sich immer noch hier und da, primär dreht sich aber alles um Gedanken über den nahenden Tod, Vergebung und Angst. B.J. weiß, dass er seinen Verletzungen auf kurz oder lang erliegen wird, auch der mechanische Kampfanzug von Caroline Becker ändert daran nichts. Dazu ist seine Frau Anya Oliwa schwanger. Eine echte emotionale und körperliche Herausforderung für den sonst mit allen Wassern gewaschenen Soldaten. Es ist schön zu sehen, dass mit B.J.s Frau Anya eine weitere starke weibliche Figur das Schlachtfeld betritt. Trotz ihrer Umstände zieht sie in den Krieg, ballert Nazis um und beschwert sich nicht ein einziges Mal darüber. Zwar dominiert Blazkowiczs Charakter als Protagonist immer noch über allem, aber auch Anya liefert einige Szenen, von denen eine ganz besonders in Erinnerung bleiben wird.

Als Operationsbasis des Widerstandes dient das U-Boot „Hammerfaust“, welches sich die Kämpfer in Laufe der Geschichte zu eigen gemacht haben. Leider ist das Gefährt als Missionshub vollkommen ungeeignet. Die Laufwege sind extrem lang und die Verteilung der verschiedenen Locations und NPCs trotz Beschilderung äußerst unübersichtlich. Die Idee ist an sich nicht schlecht, ich bin aber sicher, dass dies auch anders hätte gelöst werden können.

Mit den Augen eines Aspergers

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Singleplayer-Shooter – Heutzutage fast schon eine Seltenheit. Zwar kaufe ich Call of Duty immer nur, um alleine die Kampagne zu spielen und das Game dann in die Ecke zu legen, aber so wirklich gut ist das, was aus der Activision-Ecke kommt, nicht wirklich. Oft kriegt man nur noch eine Alibi-Kampagne, die irgendwie um einen toxischen Mehrspielermodus gestrickt ist. Ich erwähne diesen Fakt über mich in beinahe jeder Aspie-Sektion in meinen Reviews, was ihn natürlich nicht unwichtiger macht. Pure Mehrspieler-Games (und Schleichspiele) sind die Hölle für mich.

Umso schöner, wenn ich mir einfach mal die Zeit nehmen kann, die ich brauche, um das Spiel zu genießen. Mein Tempo, meine Regeln. Ich schaue mir gerne Texturen an. Gerade Dinge, die auf der Erde liegen oder Schriftzüge an Wänden oder auf Kontrolltafeln fesseln mich nach den obligatorischen Feuergefechten am meisten. Und davon hat Wolfenstein II: The New Colossus einige zu bieten. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert von deutschen Worten, suche nach Rechtschreibfehlern, kontrolliere die Grammatik.

Aber auch die Kämpfe selbst empfand ich als sehr angenehm. Auf der einfachsten Stufe sind die Bösewichte allesamt nur Kanonenfutter, was mir das virtuelle Leben ungemein erleichtert. Ich muss nicht zwanghaft herumschleichen, entdeckt werden und dann sterben; Ich kann, wenn mein kläglicher Stealth-Versuch fehlschlägt, ganz einfach die dicke Wumme auspacken und alles zu Brei schießen. Toll!

Neue Engine mit Framedrops

Der Wechsel der Grafikengine von einer modifizierten id Tech 5 zur neuen id Tech 6, die mit dem Doom-Reboot eingeführt wurde, bringt massive grafische Upgrades in die Welt von Wolfenstein. Am gravierendsten fällt hier der Wegfall der vorgerenderten Lichtverhältnisse auf, denn sämtliche Beleuchtung agiert nun dynamisch und lässt das Spiel noch großartiger aussehen als zuvor. Dazu tragen auch die vielen Post-Processing-Effekte, wie zum Beispiel Film Grain, Bokeh-Tiefenunschärfe und neuem Anti-Aliasing bei. Fast alles sieht aus, wie ein großartig produzierter Hollywood-Streifen mit tollem Color-Grading und beeindruckenden Kontrasten.

Besonders die Partikeleffekte, die bei Querschlägern und beim Zerstören von soliden Metallwänden auftreten, in Verbindung mit der neuen dynamischen Beleuchtung, lassen das Spiel noch realistischer wirken. Die Platztangst, die die kompliziert gestalteten Level mit hohem Risiko des Verlaufens hier hervorrufen, wird dadurch fast wieder wettgemacht. Dabei versucht MachineGames stets die 60 Frames pro Sekunde zu erreichen um dem Ganzen noch eine visuelle Schippe draufzulegen. Die PS4 Pro schafft eine native Auflösung von 2560 x 1440 (1440p) Pixeln (sofern der 4K-Output aktiviert ist), was ziemlich großartig ist und das Bild knackescharf aussehen lässt. Die normale PS4 schaufelt Full-HD (1080p) auf den Bildschirm. Von einer dynamischen Auflösung ist in der Konsolenversion, anders als in der PC-Version, nichts zu sehen.

Die PS4 Pro schafft nicht nur eine höhere Auflösung, sondern profitiert auch von verbessertem Texture-Filtering, beispielsweise auf Bodentexturen. Dieses ist allerdings nur im Game selbst zu sehen, da die Zwischensequenzen fast zur Gänze aus FMVs bestehen, die aber mit 1080p und 30 Frames keine besonders gute Qualität aufweisen und einen klaren Kontrast zur Ingame-Grafik darstellen. Schatten- und Texturqualität bleiben beim Pro-Modell unangetastet.

Man sollte meinen, dass sich diese leichte Sparversion einer Pro-Fassung des Spiels signifikant positiv auf die Framerate auswirken sollte. Die Antwort ist ein klares „Jein“. Wie man von der id Tech 6 erwarten sollte, läuft das Spiel in der ersten halben Stunde fast vollständig auf 60 Frames. Sobald die Levelgeometrie allerdings zunimmt und die eben erwähnten Partikeleffekte auf den Bildschirm gezaubert werden, fällt die Framerate bei beiden PS4-Versionen in den 50er-Bereich. Der Motion-Blur bei schnellen Drehung hilft zwar, diese Frameratedrops zu kaschieren, schade ist es trotzdem. Switch-Besitzer sollten sich deswegen vor dem Kauf der angekündigten Nintendo-Fassung von Wolfenstein II: The New Colossus ganz genau schlau machen, ob das Spiel eingermaßen performant läuft.

Motion-Sickness in der Dialogregie

Die Synchronsprecher sind die Reihe durch „okay“. Als Flagschiff hält hier Johannes Berenz als Stimme für B.J. Blazkowicz den Kopf hin. Der gebürtige Berliner hat bereits Ben Affleck, Val Kilmer und Owen Wilson synchronisiert, im Spiel aber oft klingt wie eine Reaper-Imitation (Overwatch). Leider hat hier an vielen Stellen die Dialogregie geschlampt. Es scheint, als könne sich keiner der deutschen Sprecher für eine durchgängige Aussprache des Namens des Protagonisten entscheiden. Hier heißt er ein Mal „-witz“, ein Mal „-witsch“ und ein Mal „-witch“. Von den üblichen Betonungsfehlern, die nun mal auftreten, wenn man Sprecher nicht im echten Dialog aufnimmt, mal abgesehen, ist die deutsche Fassung aber doch irgendwie gelungen.

Während sich Terror-Billy, wie unser Nazischreck genannt wird, nun blutig (!) durch Gegnermassen metzelt, muss ich ab und an das Spiel pausieren. Denn in alter Wolfenstein-Reboot-Manier ist das Kameragewackel zum Teil kaum auszuhalten. Gerade in den engen Gängen und Räumen von deutschen U-Booten und Luftschiffen wird das Suchen des richtigen Weges oft zu einer Motion-Sickness-Orgie, die seinesgleichen sucht. Etwas weniger hätte den Spiel bestimmt nicht geschadet, auch wenn dies wahrscheinlich am „Film“-Effekt knabbern würde.

Fazit

Wolfenstein II: The New Colossus ist eine grafisch bezaubernde Nazi-Metzelparty, die nur von kleineren Macken befleckt wird. Ein schnelles, blutiges Gameplay, gepaart mit einem Hollywood-Splatterfilm-Look machen den Shooter zu einem Must-Have für alle über 18, die gerne mal mit Anlauf durch einen Faschisten rennen möchten, der dann in einer blutigen Wolke verpufft. Die Schnitte im Deutschen belaufen sich auf verfassungsfeindliche Symbolik und sämtliche nationalsozialistische Referenzen. Wer im Ausland kauft, riskiert hier übrigens keine Freiheitsstrafe, solange er die dargestellten Inhalte nicht verbreitet. Dennoch würde ich im Sinne des gesunden Menschenverstandes davon abraten. Nur weil dann Hakenkreuze im Spiel sind, gewinnt niemand etwas.

Selbst für Spieler, die noch nicht in die Welt von Wolfenstein eingetaucht sind, lohnt sich das Game. Endlich mal wieder ein spaßiger Single-Player-Shooter mit einer packenden Story und genialer Grafik.

Prädikat: Besonders awesome!

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Wolfenstein II: The New Colossus was last modified: Oktober 31st, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.