Wenn ich an die PlayStation 1 denke, denke ich vor allem an eine Sache: Adrenalin. Die Aufregung, die Spannung… ob die Konsole auch wirklich anspringt. Die verschiedensten Tricks und Kniffe haben meinem 16-jährigen Ich oftmals nicht helfen können, die graue Kiste ans Laufen zu bringen. Reinpusten (ein Trick, den wir noch aus Cartridgezeiten kannten) brachte oft genauso viel, wie die Konsole in einen 45-Grad-Winkel zu lehnen. Nämlich gar nichts. Die Momente, in denen ich dann Spiele tatsächlich zu Starten brachte, waren der Inbegriff der Erleichterung. Sobald das PlayStation-Logo verschwand und der Ladebildschirm der schwarzen Disc im Laufwerk erschien. Meistens war das bei mir ein Tony-Hawk-Game oder eine Demo-CD (Ich war jung und hatte kein Geld!). Die begrenzte Demo-Zeit in WipEout habe ich dabei ganz besonders genossen.

 

Von Lärmklumpen und knalligen Farben

1996 waren Anti-Schwerkraft-Rennen noch etwas ganz besonderes. Die Grafik erschien mir mehr als realistisch, der Sound aus den schäbigen Boxen meines Röhrenfernsehers wirkte bombastisch. Treibende Techno-Beats verkamen zwar zu einem breiigen Lärmklumpen, das war mir aber alles egal. WipeOut, auch in der Demo-Version, war „der Shit„. An das Feeling kamen auch die HD-Remakes, N64-Ableger oder Fortsetzungen merkwürdigerweise niemals heran. Das letzte WipEout-Game erschien erst 2012 (WipEout 2048 für die PS Vita), konnte mich aber irgendwie zu keiner Zeit wirklich vom Hocker hauen. Ob das an der PS2-Grafik oder am winzigen Vita-Bildschirm lag, der nicht annähernd Immersion erzeugen konnte, lasse ich mal unbeantwortet im Raum stehen.

Umso genialer also von Sony, die WipEout Omega Collection auf den Markt zu schmeißen. Wie der Name bereits vermuten lässt, kann man als Fan der Reihe nicht darauf hoffen, einen gänzlich neuen Teil in den Händen zu halten, vielmehr beschränkt sich die Collection darauf, drei alte Spiele zu remastern. WipEout 2048, WipEout Fury und WipEout HD sind hier enthalten und können einzeln im Hauptmenü der Kampagne ausgewählt werden. Dabei fällt schnell auf, wie unterschiedlich die Spiele sind. Ein realistisch anmutendes, sehr schnelles, knallhartes 2048 spielt sich völlig anders als das quietschbunte und dennoch fast beklemmende WipEout Fury. Das führt schnell zu Brüchen innerhalb des Gameplays, wenn man zwischen den einzelnen Ablegern wechselt. Wer also vorhat, viel Zeit auf der Rennstrecke zu verbringen, dem sei das sukzessive Durchspielen der Kampagnen ans Herz gelegt. Durch die Kombination von drei Spielen stehen dem Spieler allerdings insgesamt 26 Rennstrecken, 46 Fahrzeuge und neun Spielmodi zur Verfügung. Neben den normalen Zeit- und Kampfrennen gibt es hier beispielsweise Eliminator-, Detonator- und Zone-Battle-Rennen. Für Abwechslung abseits des ewig Gleichen ist also gesorgt.

Mit den Augen eines Aspergers

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Rennspiele sind immer so eine Sache bei mir. Gerade Grafikmonster wie Need for Speed sehen zwar atemberaubend aus, überladen meine Sensorik aber enorm. So viele Eindrücke, wie die Entwickler versuchen, mir ins Hirn zu drücken, kann ich oft gar nicht mehr verarbeiten, weswegen längere Rennen für mich ein Ding der Unmöglichkeit sind. Das 12-minütige Finalrennen von NFS oder die Hatz um die ganze Weltkarte in Spielen wie Forza Horizon oder The Crew sind für mich nicht zu schaffen. WipEout 2048 in seiner remasterten Fassung kratzt haarscharf an der Grenze des Erträglichen. Zwar ist das Rennen unglaublich schnell und man muss sich neben dem Fahren auch noch aufs Schießen konzentrieren, die Rennen an sich sind aber angenehm kurz gehalten, kommen ohne unberechenbaren Gegenverkehr aus und finden auf sich stets wiederholenden Strecken statt, so dass nach einer Weile hier ein gewisser Automatismus bestimmte Aufgaben übernehmen kann. Gleich kommt ein Boostpad! Jetzt kommt ein Sprung! Nur noch eine Runde! Die Berechenbarkeit von WipEout ist seine größte Stärke. Das hört beim Multiplayer für mich aber auch schon wieder auf. Online-Rennspiel-Lobbys verursachen bei mir absolute Schreikrämpfe. Online-Sessions lassen mich oft auf dem letzten Platz landen, denn menschliche Mitspieler verhalten sich völlig anders als die gewohnten Bots und stressen mich über alle Maße.

Ich bin in den meisten Fällen ein Kampagnenspieler und lasse die Mehrspieler-Modi der meisten Spiele aus. Die sind oft ohnehin nur lieblos angeflanscht (auch wenn es hier Ausnahmen und krasse Gegenteile gibt), überfordern mich aber zusätzlich auch nur. Dies ist auch der Grund, warum ich in meinen Texten oft nur auf den Einzelspielermodus eines Spiels eingehe.

Grafisch auf Überschall

Das, was die WipEout Omega Collection so besonders macht, ist das „echte“ Remaster. Sony hat hier großen Wert darauf gelegt, das wohl beste 4K-HDR-Spiel auf den Markt zu bringen. Das Teil läuft auf der PlayStation Pro konstant mit flüssigen 60 Frames und sieht einfach fantastisch aus. Gerade ein großer Fernseher kann hier das Gefühl zurückbringen, dass der ein oder andere – genau wie ich – Mitte der Neunziger bereits hatte. Besonders WipEout 2048 sieht grafisch einfach hervorragend aus, die Geschwindigkeit des Spiels unterstreicht den bekannten WipEout-Effekt sogar noch. Die fehlende Immersion, die ich noch bei WipEout 2048 auf der Vita bemängelte, wird auf einem 4K-Fernseher dank der satten Farben, der starken Kontraste und der mehr als flüssigen Darstellung ins Gegenteil verkehrt und zieht mich als Spieler direkt ins Geschehen.

Neben der Action ist für ein Rennspiel auf der Soundtrack entscheidend. Im Falle von WipEout waren das schon immer elektronische Beats, die das futuristische Setting aufgreifen und durch hohe BPM-Zahlen zusätzlich die Peitsche in puncto Geschwindigkeitsrausch schwingen. Auch die WipEout Omega Collection fährt wieder einen starken Soundtrack auf, der auf Hifi-Geräten, die im Jahre 2017 wohl jeder Spielenthusiast oder Cineast an seinem Flatscreen hängen hat, der – wie man so schön sagt – ordentlich „ballert“. Von Boyz Noize über Swedish House Mafia bis hin zu den Chemical Brothers sind hier insgesamt 28 Songs vertreten, die jedes Rennen ab dem Startschuss in ein fast psychedelisches Gebilde aus Farben, Bewegung und Musik verwandeln.

Fazit

Die WipEout Omega Collection ist vollgepackt mit Features, Strecken und Schiffen. Das 4K-HDR-Remaster sieht einfach fantastisch aus und lässt kaum vermuten, dass es sich hierbei um lediglich aufgemotzte alte Kamellen handelt. Das beste am Spiel ist aber sein Release-Preis; knapp über 40 Euro ruft Sony für das Schätzchen auf, Tendenz – wie immer – fallend. Für so viel Inhalt ist das ein mehr als fairer Preis, der hoffentlich nicht nur alteingesessene Piloten auf den Plan ruft, sondern auch neue Rekruten zum Controller greifen lässt.

Prädikat: Awesome!

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WipEout Omega Collection was last modified: Juni 15th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.