Sommer! Jeder anständige Mensch verbringt jetzt seine Freizeit Sonnenbaden am Baggersee, Eisessen oder Schwimmen gehen. Nicht, dass ich das nicht auch liebend gerne machen würde, hält mich doch eine bestimmte Sache davon ab, meine winterblasse Haut endlich im goldenen Glanz der Sonne zu bräunen. Zugezogene Vorhänge, zittrige Hände, zögerliche Mausklicks: Der Steam-Summer-Sale ist da.

Der totale Ausverkauf
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Gabe Newell Bildquelle: Kotaku

Dieses eine Mal im Jahr räumt Gabe Newell, höchstselbst Chef der Spieleschmiede Valve und einhergehend ebenso Chef des Gaming-Portals Steam, die Lager leer und ruft lächerlich geringe Kurse für einstige Vollpreistitel auf. 60, 75 oder sogar 90 Prozent Rabatt auf ohnehin bereits reduzierte Spiele lassen die Brieftaschen kaufwilliger User aufspringen und sämtlichen Inhalt in Richtung Bellevue, Washington transferieren.

Und genau hier muss ich kritisch eine Augenbraue gen Himmel schnellen lassen: Wer soll das denn alles spielen? Ich persönlich kaufe sehr, sehr selten Steam-Games und dennoch beläuft sich meine Spielebibliothek auf unglaubliche 347 Spiele (während ich diesen Artikel schreibe)! Das muss man sich mal wegtun: Knapp 350 Games, die ich mir innerhalb von ungefähr dreieinhalb Jahren zugelegt habe.

Meister Milchmädchen rechnet: Nehmen wir an, dass jedes Spiel – im Schnitt – sechs Stunden Spielzeit liefert (hier rechne ich Games, die man mal kurz anspielt und Titel, in die man mehrere hundert Stunden investieren kann gegen), dann könnte ich theoretisch ungefähr drei Monate am Stück spielen, ohne, dass mir langweilig wird. 24 Stunden am Tag.

Ein Zimmer voller Spiele

steam_saleMit 350 Videospielen wäre ich vor 25 Jahren der unbestrittene König auf dem Schulhof gewesen. Jeder hätte mit mir befreundet sein wollen, nicht einen Nachmittag nach dem Unterricht hätte ich Ruhe daheim gehabt, weil mein Kinderzimmer überfüllt gewesen wäre mit Gästen. Und Videospielen. Ein unübersichtlicher Berg von Cartridges, durch die ich wahrscheinlich hätte durchtauchen können wie einst Dagobert Duck durch Scheine und Münzen in seinem Geldspeicher – Wobei 350 Spiele im Jahre 1989 höchstwahrscheinlich eben jeden Betrag gekostet hätten, den sich  die oben genannte Comicente über die Jahre mühsam ersparen musste.

Im Jahre 2014 gibt gefühlt kaum jemand mehr viel Geld für Videospiele aus, und Platz nehmen sie auch nicht mehr weg, vielmehr wird das Netz nach digitalen Schnäppchen durchforstet. Über die Höhe eines Releasepreises von ca. 70 Euro lässt sich sicherlich streiten, doch Aussagen wie „Das Game kaufe ich mir, wenn es fünf Euro kostet.“ definieren klar die vorherrschende Erwartungshaltung: Preisdumping bei Videospielen.

Selbstverständlich freut es auch mich, wenn ich ein Spiel, das ich nicht unbedingt sofort haben möchte und auch ebenfalls nicht unbedingt durchspielen möchte. Aber bei der Masse an Spielen, die in allen möglichen Bundles, Specials, und Angeboten auf mich hereinprasselt, ist ein Durchspielen ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit. Zumindest für den Großteil der digitalen Schätzchen, die ich in der Steam-Cloud horte.

Damals™ war alles pixeliger
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Ein Stück Kindheit: Der Atari 2600 Bildquelle: Wikipedia

Es scheint fast, als sei ein Dumping-Ausverkauf von PC-Spielen etwas geworden, mit dem man fest rechnet. Im direkten Vergleich divergiert der preisliche Unterschied zwischen PC- und Konsolenversionen der gleichen Titel gewohnt jährlich mehr, fast gratis bekommt man Triple-A-Games von namhaften Herstellern gewaltsam in die Inbox gestopft, der plündernde Mob erfreut sich derweil an dem Betrag, den er im Vergleich zur UVP von Steam gespart hat. Vergessen wird hier oft, wie viele Spiele man erst gar nicht gekauft hätte (und somit noch mehr Geld gespart hätte), ginge nicht mit dem Namen des begehrten Objektes ein grünes Rabattschild einher. Da wird fast ohne Ausnahme der Einkaufswagen bis zum Anschlag befüllt, betrachtet man den Schlussverkauf über seine gesamte Länge.

Dabei sind meine 350 Games etwas, worüber andere Schnäppchenjäger und Spielesammler nur lachen können, deren Library 1000 Titel und mehr umfasst. 1989 waren die drei Cartridges, die neben dem Familien-Atari-2600 im Keller standen, die absolute Offenbarung. Es gab stärkere und bessere Spielekonsolen, aber ich war stolz auf meine drei Spiele, die ich – ohne, dass mir langweilig wurde – täglich hätte spielen können, hätte ich gedurft. Die Wertschätzung der Dinge war zu dieser Zeit der Antennenkabel und Röhrenfernseher eine andere – ich wage fast, das Wort „richtigere“ in den Raum zu werfen – als heute. War damals alles besser? Vielleicht. Aber definitiv gesünder.

steam_screenSpiele sind zum Wegwerfartikel geworden, der Markt ist überschwemmt davon wie die Strandläden Gran Canarias von billigen Flip-Flops und bunten, sommerlichen Tüchern. Kein Wunder also, dass die allgemeine Qualität abnimmt; Fast könnte man glauben, dass sich Entwickler keine Mühe mehr geben – oder vielmehr „geben können“ mit dem steten Produktionsdruck der ihnen im Nacken sitzt. Zwischen Blitzangeboten und täglichen Topsellern steht dem Spieler ein Spießrutenlauf bevor, nicht den Blick für das Wesentliche zu verlieren und darauf zu achten, worauf es beim Zocken überhaupt ankommt. Es ist nicht das Besitzen, nicht das Durchspielen, nicht die Sammelwut und erst recht nicht das möglichst preiswerte Erhaschen digitaler Kopien ewig gleicher Spielkonzepte. Es geht um Spaß, Genuss, Leidenschaft. Entschleunigung statt dem ständigem Stress, noch mehr und noch günstigere Spiele zu besitzen. Denn letzten Endes steht immer noch die Frage im Raum: Wer soll das denn alles spielen?

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Wer soll das denn alles spielen? was last modified: Juni 23rd, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.