Wenn ich an Watch_Dogs denke, denke ich zuerst an das damalige Fiasko, an das wir uns wahrscheinlich alle erinnern. Gefakete Trailer die deutlich von dem abwichen, was das letztendliche Spiel leisten konnte. Der Titel selbst war zudem eher von mittelmäßiger Qualität und ebenso mittelmäßigem Spielspaß. Immerhin konnte man sich super darüber lustig machen. Vom zweiten Teil, der jüngst in die Händlerregale der Welt flatterte, hielt ich mich immer fern. Keine Trailer, keine Demos, keine Infos. Die unvermeidlichen Informations- und Bildfetzen, die ich aufschnappte, ließen mich das Schlimmste befürchten: Ein mittelmäßiges Spiel mit Hipster-Anarchie-Thema.

Flache Videospiel-Hipster

Nach einiger Zeit, die ich mittlerweile mit Watch_Dogs 2 verbringen durfte konnte ich meine Sorgen vollständig ablegen. Naja, nicht vollständig, denn das Spiel wirkt immer noch wie ein Hipster-Anarchie-Gebilde, aber immerhin macht es Spaß. Und zwar in einem Ausmaß der Selbstironie, dass ich mich regelmäßig an GTA V erinnert fühle. Eine überdrehte Story, in der man in jeder Mission mit etlichen populärkulturellen Referenzen zugeschmissen wird. Ob das jetzt Knight Rider, das A-Team, Memes, Filme, Musik, Serien, andere Videospiele oder Ubisoft im Allgemeinen ist – Hier wird keine Gelegenheit ausgelassen, um ordentlich die Witzekeule zu schwingen. Erstaunlicherweise tut dem Spiel das unglaublich gut. Keine pathosgetränkte Selbstgeißelung eines Aiden Pearce, keine krampfhaft eingeflochteten Doge-Memes, keine Pseudodialoge – In Watch_Dogs 2 geht es den Protagonisten vorrangig um Spaß.

Denn die DedSec-Crew aus San Francisco ist ein bunter Haufen Jugendlicher (oder junggebliebener Menschen), die in Outfits, die zum Teil an postapokalyptische Hollywoodstreifen erinnern, sind nur zum Teil Idealisten. Vorrangig geht es darum, das Leben zu genießen und frei zu sein. Und so stößt Retr0, der im echten Leben Marcus Holloway heißt, zu der illustren Truppe und erweitert diese um seine Hacking-Skills. Aber hier geht schnell die Ludonarrative in die Knie, sobald Marcus anfängt, wild ballernd, auf einem Reifen Motorrad fahrend, Sachen in die Luft sprengend Menschen zu ermorden. Ohne Gewissensbisse, als wäre es… naja, als wäre es ein Videospiel.

Grafisch grandioser Spaß

Zum Glück ist Watch_Dogs 2 genau das. Ein Videospiel, das Spaß machen soll. Darum sind die Bildschirmtode hunderter Schergen und Passanten nicht blutig, in Kombination mit der sehr farbenfrohen Sprache allerdings Grund genug, das Spiel als „Ab 18“ einzustufen. Alles ist heillos übertrieben und erinnert nicht ohne Grund an den großen Branchenkollegen mit dem „G“, allerdings wird es nie so schlimm wie in Saint’s Row. Watch_Dogs 2 bleibt an jeder Stelle mit beiden Füßen auf der Erde, was dem Spaß, den man in der riesigen Spielwelt haben kann, allerdings keinen Abbruch tut.

Grafisch ist der Open-World-Titel ein gewaltiger Schritt vorwärts, nicht nur für die Serie, sondern für Ubisoft im Allgemeinen. Knackige Farben, tolle Gesichtsmodelle, grandiose Animationen. Die SnowDrop-Engine, die erstmalig in The Division zum Einsatz kam, entfaltet hier ihr ganzes Potenzial. Alles sieht so unglaublich gut aus, vom großen Wolkenkratzer bis hin zum winzigen Grashalm. Die Weitsicht ist einfach unfassbar gut und die verschiedenen Wettereffekte, die von Regen über Nebel bis zum strahlenden Sonnenschein reichen, helfen immens dabei mit, die Welt von Watch_Dogs 2 noch lebendiger zu gestalten.

Denn die ist ziemlich dicht bevölkert. Nicht nur mit allerhand NPCs, die, wie man es vom Vorgänger gewohnt ist, um Geld erleichtert werden können und deren Nachrichten man mitlesen kann, sondern vor allem mit Nebenzielen. Der typische Ubisoft-Tenor schlägt hier wieder mit geballter Kraft zu und pflastert die Karte mit Nebenmissionen, Collectibles, Driver-SF-Transportquests (als Ubisoft-interne Referenz), Geschäften und vielem, vielem mehr. Das sind wieder etliche Stunden an Zusatzcontent, die man immer in die Berechnung des Preis-Leistungs-Verhältnis einbinden muss. Und die Zusatzmissionen sind vom Umfang her nicht ohne. Keine dämlichen „Sammle 10!“-Quests, sondern mehrteilige, umfangreiche Storymissionen, die neben der Hauptgeschichte noch zusätzlichen Witz und Tiefe einbringen. Man merkt in der Qualität keinerlei Unterschied, im Gegenteil. Manchmal war ich verwirrt, warum ich jetzt zum Beispiel E-Kart-Rennen fahren muss – Dem Spielspaß hat dies aber zu keiner Sekunde geschadet.

Es müsste immer Musik da sein.

Großer Vorteil von Watch_Dogs 2 gegenüber GTA V ist, dass man jederzeit im Spiel Musik hören kann. Das klingt vielleicht banal, macht aber viel aus. Marcus ist Hacker und hackt, genau wie seinerzeit Aiden Pearce, mit seinem Handy. Ob das jetzt Ampeln, Stromkästen, Autos oder Türen sind – Das Handy (und die In-Ear-Kopfhörer) sind immer dabei. Super gelöst! Allerdings hat Marcus Holloway als Charakter ein großes Problem: Er ist absolut austauschbar. Anders als Aiden hat Marcus keine Hintergrundgeschichte, die ihn als tragischen Helden dastehen lässt. Keinen von vornherein ersichtlichen Grund, warum er als Retr0 die Hackerwelt unsicher macht. Kein greifbares Motiv, welches ihn antreibt. Das ist ein allumfassendes Problem von Watch_Dogs 2: Ihm fehlt der Sinn, die Bestimmung. Sicher, hier und da zeigt DedSec es den „Machern“, im Gesamtbild bleibt aber eher ein Haufen Post-Hipster in Nietenklamotten im Gedächtnis, die Follower in Social Networks sammeln.

Nehmen wir zum Beispiel Wrench, der tatsächlich komplett nietenbesetzt mit den schlechtesten und schwachsinnigsten Tattoos am Körper ständig stimmverzerrt mit lächerlicher Maske auf dem Kopf herumläuft und ständig überreagiert wie eine 13-jährige Cosplayerin. Das ist einer der schlimmsten und gewolltesten Charaktere der letzten Jahre, stellt aber einen willkommenen Kontrast zum sehr blassen Protagonisten. Dieser fungiert quasi als Spielball der Questgeber und ändert sogar innerhalb einer Mission unbemerkt seine Meinung zu einem Thema.

Für die deutsche Synchro konnten zum Großteil großartige Sprecher gewonnen, unter anderem habe ich einen meiner Favorites, Tobias Kluckert (Gerard Butler, Liev Schreiber, Seth Rogen, Edward Kenway…) als transsexuelle Politikerin erkannt. Leider sind viele Nebendarsteller, Passanten und bestimmte Questgeber absolut unterirdisch besetzt, wahrscheinlich durften hier mal wieder irgendwelche YouTuber ran. Die Verbindung von Stimmen (die bei mir einmal komplett ausgefallen sind), Geräuschen (außer das Elektroauto, das nervt ohne Ende) und Musik auf verschiedenen Radio-Channels (außer dem Hirntod-Techno, der geht gar nicht) verbindet sich im Gesamtgefüge zu einer Wand aus Schall, die die großartigen Visuals, die da (auf der PS Pro sogar in 4K) auf die Netzhaut treffen.

Fazit

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Watch_Dogs 2 für die Reihe das ist, was Assassin’s Creed 2 für Assassin’s Creed war. Die Reihe hat mittlerweile das Potenzial, zum „GTA-Killer“ zu werden. Tolles Gameplay in einer liebevoll gestalteten Spielwelt mit einem tollen Soundtrack. Wenn Ubisoft jetzt noch die Charaktere ordentlich hinbekommt, sehe ich kein Problem mehr, dem Rockstar’schen Genreführer den Rang abzulaufen, zumindest vom Spielspaß her. Nach meiner anfänglichen Skepsis muss ich Watch_Dogs 2 nach exzessivem Spielen mit in meine Top-Liste des Jahres aufnehmen.

10/10 Punkten, weil man Hunde streicheln kann.

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Watch_Dogs 2 was last modified: November 16th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.