Ab und zu wage ich mal ein Experiment und kaufe ein Spiel, von dem ich bisher so gut wie nichts gehört habe. Wie zum Beispiel die Neuerscheinung Virginia. Lediglich zwei oder drei Promo-Tweets vom Publisher 505 Games haben mich dazu gebracht, den Einführungspreis von 8,99 Euro (statt 9,99 Euro) im PSN zu berappen und das Ding mal anzutesten.

Sobald die ersten Minuten des Spiels über den heimischen Bildschirm flimmern, fallen mir vier Dinge auf:

1. Grafischer Stil

Virginia wirkt wie eine Mischung aus Aquarellgemälde und Mid-90s-Low-Poly-3D. Sehr farbenfroh aber gleichzeitig in seiner Darstellung sehr eingeschränkt oder besser gesagt: Auf das Wichtigste beschränkt. Die Objekte, mit denen es zu interagieren gilt, sind immer sofort erkennbar (bis auf eine Ausnahme), der Weg zum Abschnittsziel ist immer klar. Lediglich die Mimik der Charaktere und die Darstellung von Händen fallen negativ auf. Gerade Gesichter spielen hier eine wesentliche Rolle, denn Virginia verzichtet auf ein wesentliches Feature, nämlich… (Bei Punkt 2 weiterlesen!)

2. Dialoge

Virginia verzichtet komplett auf Dialoge. Sowohl im gesprochenen, als auch im geschriebenen Wort. Das bringt die Story um die junge FBI-Agentin und die Suche nach einem verschwundenen Jungen zwar schneller vorwärts, durch die Erzählweise, die oft durch Halluzinationen, Träume und Jumpcuts funktioniert, ist das, was da aus der PlayStation purzelt allerdings etwas schwer nachzuvollziehen. Dies kommt dem Wiederspielwert zugute, denn um wirklich nachvollziehen zu können, was das jetzt genau passiert, sollte man das Spiel mit seinen knapp zwei Stunden pro Durchgang mehrmals bis zum Schluss durchlaufen lassen.

3. Soundtrack

Der Soundtrack ist die Bombe! Was das Prager Sinfonieorchester hier eingespielt hat, ist einer der besten Soundtracks in diesem Jahr. Tolle Komposition von Lyndon Howard, die großartig umgesetzt und produziert wurde. Unglaublich atmosphärische Sinfonien, die die Führung übergangslos and jazzige Rhythmen übergeben.

4. Performance

Leider schafft meine PlayStation 4 es nicht, die Geschehnisse ruckelfrei auf den Bildschirm zu zaubern. Die äußert niedrige Framerate (ich tippe auf den oberen Zehnerbereich) in Verbindung mit dem sehr lebhaften und sprunghaften First-Person-Betrachtungspunkt sorgen selbst bei mir als hartgesottenen VR-Enthusiasten für eine ordentliche Motion-Sickness. In den Außenarealen, die vollgepackt (!) sind mit Gras-Sprites (das ist wirklich etwas übertrieben) kann ich das ja irgendwie noch nachvollziehen, aber wenn das Ganze selbst bei Szenen, die in einer Wohnung spielen in ein fast unspielbares Daumenkino abdriften, hört bei mir das Verständnis auf.

Sicher – Das Teil ist keine Triple-A-Produktion, aber zumindest eine Teiloptimierung für den Konsolenport hätte ich schon erwartet. Die verwendete Unity-Engine, die bereits Spiele wie Firewatch (an das mich Virginia konstant erinnert), Broforce, Grow Home und Ori and the Blind Forest befeuerte, kann hier nicht Schuld sein, denn genannte Spiele liefen auf Konsolen eigentlich immer perfekt. Und wo Geld da ist, um das Prager Sinfonieorchester zu bezahlen, da ist auch Geld für eine weitere Runde Quality-Assurance.

Abgesehen von diesen technischen Problemen macht Virginia aber eigentlich alles richtig. Ob man die Erzählweise so mag, muss man selbst wissen, auch, ob einem das etwas sehr merkwürdige Ende so gefällt. Fest steht, dass Variable State zusammen mit 505 Games hier einen echten Kracher gelandet haben, der fernab des gewohnten ein bizarres Adventure in die Wohnzimmer der Welt bringt, das seine Inspirationen an keiner Stelle verleugnet und gleichzeitig etwas Neues kreiert, das Inspiration für nachfolgende Entwickler sein wird.

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Virginia was last modified: September 26th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.