Ich sage so etwas wirklich nicht häufig, aber „Oh mein Gott, ist das niedlich!„. Selten habe ich ein knuffigeres Spiel gesehen als Unravel, welches auch unverzüglich auf einen der Top-Plätze meiner bisherigen Spiele des Jahres rutscht. Gut, es ist erst Februar, aber ich bin sicher, dass sich der Puzzler des kleinen schwedischen Studios Coldwood auch lange dort oben halten können wird.

Komm hol das Lasso raus

Besonders der kleine Protagonist, Yarny, der – wie der Name schon sagt – aus rotem Garn (englisch: „yarn„) besteht, hat es mir angetan. Vollkommen wortlos erobert er ab der ersten Sekunde auf dem Bildschirm mein Herz, dazu steuern die liebevollen Bewegungsabläufe und die realistische Darstellung maßgeblich bei. Yarnys Aufgabe im Spiel ist es, verlorengegangene Erinnerungen einer alten Lady wiederzufinden und in einem Fotoalbum zu sammeln.

Dabei ist das Abenteuer des Garnknäuels anfangs noch wirklich einfach zu bewältigen. Im Garten des Hauses geht es los, über Steine, kleine Pfützen, über Äste. Dabei wickelt sich Yarny immer weiter ab und hinterlässt einen roten Faden auf seinem Weg. Ziel ist es, unbeschadet am Ende des Levels anzukommen und noch genug Faden übrig zu haben, um eben jenes Ziel zu erreichen. Dabei ist der Faden aber nicht nur Hindernis, sondern entscheidendes Gameplayelement. Durch das lassoähnliche Schwingen seines Garns kann der kleine Hauptcharakter sich an bestimmten Stellen in der Umgebung hochziehen, daran baumeln und herabgleiten. Das ist in späteren Spielabschnitten unglaublich schwierig und erfordert einiges an Hirnschmalz, was Unravel zu einem waschechten Puzzler macht. Inklusive hervorragend versteckter Collectibles und unglaublich schwierig zu erreichenden Trophäen (gespielt wurde auf der PlayStation 4, Unravel gibt es aber auch für PC und Xbox One) in diesem Downloadtitel.

Augenschmaus und Ohrenkrebs

fluffyBei allem Spaß, den ich bei dem Spiel hatte, kam ich zum Teil nicht aus dem Staunen heraus. Es ist unfassbar, wie ein so kleiner Nischentitel so gut aussehen kann. Offenbar läuft Unravel auf 1080p mit 60 Frames und bietet dennoch teils fotorealistische Darstellungen der Umgebung. Durch den sehr krassen Unschärfeeffekt entsteht ein immersiver Eindruck von Größe und unterstreicht, wie klein Yarny eigentlich ist. Mäuse, Vögel, Kieselsteine – Das alles sind Gefahren, mit denen sich der rote Held auseinandersetzen muss. Ich mochte besonders die Abschnitte, in denen Yarny einen Berg erklimmen musste und einen, in dem ein Bagger gesteuert wurde. Tolle, abwechslungsreiche Ideen komplettieren das Gesamtbild.

Einzig die Musik, die unablässlig nervig im Hintergrund dudelt, knabbert etwas an der B-Note. Keine Ahnung, wer so etwas durchwinkt, ich fühlte mich jedenfalls im Stress, der bei einem schwierigen Rätsel inklusive einiger Tode aufkommt, nahezu belästigt und musste während des Durchspielens, was insgesamt ungefähr 10 Stunden in Anspruch nimmt, ein oder zwei Pausen machen.

Zwei Jahre hat das kleine Studio an dem Titel gearbeitet und bedankt sich in einem Startbildschirm für das entgegengebrachte Vertrauen und wünscht viel Spaß beim Spielen. Auch hier merkt man deutlich, wie sehr die Schweden ihr Spiel mögen. Unravel ist bisher nur in einer digitalen Download-Version erhältlich (wer weiß, ob das Teil irgendwann auf Retail-Disc kommt?) und kostet um die 20 Euro. Das klingt vielleicht etwas viel, für solch einen Titel ist das aber vollkommen angemessen. Wer nicht warten kann und das tolle Abenteuer unbedingt jetzt schon spielen möchte, hat meinen Segen. Wer nur mal reinschnuppern möchte, wartet auf einen Sale, muss dann aber rechnen, von mir als knausriger Geizhals tituliert zu werden.

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Unravel was last modified: Februar 12th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.