Nathan Drake ist zurück! Und während ich diese Zeilen schreibe läuft im Hintergrund das fantastische A Thief’s End aus dem gleichnamigen Soundtrack und ein wohliger Schauer überläuft mich ob der orchestralen Inszenierung und der cineastischen Anmutung alleine schon des Titelsongs dieser wohl erfolgreichsten PlayStation-exklusiven Serie um den Abenteurer/Schatzsucher/Grabräuber Nathan „Nate“ Drake. Waren die früheren Uncharted-Teile für mich der einzige Grund überhaupt, eine PlayStation zu besitzen, so freut es mich nun umso mehr, den vierten Teil und das zu erwartende Feuerwerk auf meiner „neuen“ Standard-Konsole genießen zu dürfen. Dass der Creative Director von The Last Of Us, Neil Druckmann, seine schöpferischen Kräfte in ebendieser Rolle nun auch in Uncharted 4: A Thief’s End spielen lassen konnte, liess mich darüber hinaus noch auf eine (positive) Entwicklung der Serie hoffen. Vielleicht auch, wie im Soundtrack, auf ein paar leisere Töne?

Meine Erwartungshaltung an eine Spiel der Uncharted-Reihe? Action gepaart mit Humor. Also „mehr vom Altbekannten“…? Irgendwie schon, denn die Mischung hat in der Vergangenheit gut funktioniert, aber natürlich auch Ermüdungserscheinungen gezeigt. Gerade der schwächste Teil der Spiele – die „Kämpfe“ – wird hier zurecht kritisiert. Und im dritten Teil begann der Deckungsshooter-Anteil dann auch unangenehm Überhand zu nehmen. Der „Massenmörder-Nate“ passt einfach nicht in das Abenteurer-Setting der Serie und hinterliess einen üblen Nachgeschmack. Das gehört nun hoffentlich der Vergangenheit an? Leider nicht ganz.

Gerade zu Beginn des Spiels, also so in den ersten vier oder fünf Stunden gibt es doch kaum etwas Neues zu berichten. Von allem ein wenig: Story, Erkunden, Klettern, Rätseln, Ballern. Alles optisch und musikalisch einwandfrei präsentiert, eben gewohnt Hollywood-reif. Sehr positiv überrascht haben mich aber dann doch die Alltagsszenen von Elena und Nate, die dem Spiel tatsächlich einen ganz neuen, „entschleunigten“ Touch geben und trotzdem zur positiven Entwicklung der Charaktere beitragen. Geradezu schizophren wirkt es daher, wenn die zwei eben noch Crash Bandicoot um den Abwasch spielen und schon kurze Zeit darauf reihenweise Söldner mit Kopfschüssen niederstrecken. Diese ludonarrative Dissonanz ist im Grunde aber auch mein einziger Kritikpunkt an Uncharted 4, denn es ist offensichtlich unnötig und wirkt deplatziert. Und das nun schon zum vierten Mal.

Die entschleunigten Elemente im Spiel haben stark zugenommen, sehr zu meiner Freude. Denn der Mittelteil von Uncharted 4, beginnend auf der Insel Madagaskar, dreht dann vollends auf. Endlich kommt der Abenteurer „richtig“ durch und kann riesige Areale auf eigene Faust mit dem Jeep erkunden. Aussteigen, wo ich will und erkunden, was mich interessiert. Viele Gegner in Sicht? Fast alle kann ich schleichend und kreativ aus dem Rennen nehmen und muss nicht hinter einer Deckung warten, bis alle Moorhühner vor meine Flinte gelaufen kommen. Auch stellen sich die Gegner etwas cleverer an und versuchen, mich zu flankieren. Und so bekommen selbst die vielen Kämpfe in Uncharted 4 dann doch die gesunde Abwechslung zwischen Schleichen und Ballern um mich nicht zu schnell zu ermüden. Noch eine Ruine am Wegesrand? Schnell den Eingang suchen, sicherlich wartet dort ein Schatz darauf, gefunden zu werden. Die Kommentare von unserem alten Freund Sully versüssen mir dabei noch die Suche nach dem richtigen Weg und auch beim Manövrieren in eine Sackgasse kann der alte Haudegen seine große Klappe nicht halten. Gut, dass unser Jeep eine Seilwinde dabei hat.

Die meiste Zeit aber ist Nates Bruder Sam unser Sidekick, um dessen Vergangenheit sich die spannende Story in A Thief’s End dreht. Es geht nämlich um die Suche nach einem riesigen Piratenschatz und tatsächlich wurde die Hauptstory dieses Mal mit so viel Hintergrundmaterial aufgepeppt, dass sie total schlüssig und in sich stimmig wirkt. Die Präsentation ist dabei tadellos, beginnend in den Kindheitstagen der beiden Brüder. Leider ist Sam von der Charakterzeichnung her ein unsympathischer Abklatsch seines kleinen Bruders, was mich an der Stelle ein wenig enttäuscht hat. Denn verglichen mit zwei Ex-Freundinnen (Uncharted 2) als Sidekicks kann der große Bruder Sam hier nur verlieren. Aber natürlich lässt die Beziehung von Nate zu seinem Bruder tief blicken und so manches erscheint in einem anderen Licht. Auch der Gegenspieler/Bösewicht ist ein „Freund“ der beiden jungen Drakes und bleibt im Vergleich eher blass. Dennoch überzeugt der neue, einfühlsam emotionale Erzählstil auf ganzer Linie. Und so wirkt Uncharted 4 das allererste Mal „richtig rund“ und lässt einen höchst zufrieden nach Beenden eines jeden Kapitels zurück.

Angekommen in der neuen „offenen“ Welt von Uncharted 4 entfaltet das Spiel dann seine ganze Pracht. Grafisch ist es der Oberhammer und lässt einen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Hier hat Naughty Dog dem Rest der Welt ganz eindeutig gezeigt, wo der Hammer hängt: Nämlich noch ein ganzes Stückchen höher als vermutet. Der Soundtrack untermalt sowohl die atemberaubenden Landschaften wie auch die actiongeladenen Szenen gewohnt geil. Ein Genuss zu jeder Zeit. Der Wechsel zwischen den eher ruhigeren und den rabiateren Spielszenen ist angenehm und so kommt in weit mehr als 15 Spielstunden doch niemals Langeweile auf. Was für ein unglaublicher Haufen Arbeit diese Detailverliebtheit für Naughty Dog gewesen sein muss, vermag ich gar nicht zu fassen. Wohl aber das Ergebnis zu huldigen, denn Uncharted 4: A Thief’s End ist der mutmasslich krönende Abschluss einer meisterhaften Serie. Und obwohl das hervorragende The Rise of the Tomb Raider vielleicht ein paar mehr Rätsel und einige Schiessereien weniger hat, so kann es als Gesamtwerk Uncharted 4 nicht das Wasser reichen. Gefühlt würde ich sagen, haben beide Reihen in jüngster Zeit aber stark voneinander profitiert.

Die Steuerung wurde perfektioniert und hier gibt es wirklich gar nichts mehr zu meckern. Die Third-Person-Perspektive ist gekonnt umgesetzt und Springen, Klettern und Ballern gehen so angenehm und vor allem flüssig von der Hand, dass mir stellenweise gar nicht mehr bewusst ist, einen Controller zu bedienen. Die Motion-Capture-Animationen sorgen dann aber für den letzten Tropfen, der die Immersion perfekt macht. Nate bewegt sich mit einer unglaublichen Eleganz durch die Umgebung, stützt sich mit Händen an nahen Wänden ab, kratzt sich gelangweilt am Kinn, beobachtet stets aufmerksam die Umgebung und berührt im Vorbeigehen fast zärtlich einen wertvollen oder schönen Gegenstand. All das wirkt so lebensecht, dass einem die Tränen in die Augen steigen (vor Freude). Der meist nahtlose Übergang in die Zwischensequenzen toppt das ganze dann ein weiteres Mal. Man achte nur einmal auf die nachdenkliche Elena und ihre Mimik. Diese Detailverliebtheit macht aus den Creative Directors waschechte Regisseure. Hut ab!

Naughty Dog liefert mit Uncharted 4: A Thief’s End zur Mitte des Spieljahres 2016 einen absoluten Knaller. Im Wechsel fällt mir aufgrund der umwerfenden Präsentation die Kinnlade runter und flutet Adrenalin meinen Körper, wenn ich gerade wieder durch eine kinoreife Actionsequenz gescheucht werde. Die Atmosphäre des Spiels ist zu jeder Zeit fesselnd und schlägt mich ein ums andere Mal in seinen Bann. Wer eine PlayStation 4 zuhause stehen hat, der muss Uncharted 4 – am besten vorher noch die Nathan Drake Collection – spielen. Und wie schon bei den Vorgängern ist Uncharted ein absoluter Kaufgrund für ein aktuelles PlayStation-System*!

* = Dem Rezensenten wurde hierfür keine Gegenleistung angeboten, er schreibt dies aus purer Überzeugung!

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Uncharted 4: A Thief’s End was last modified: Mai 25th, 2016 by Ralf-Jürgen Stilz

Eigentlich ist Ralf-Jürgen ja schon zu alt und tatterig um Videospiele zu spielen. Dafür ist er aber schon von Anbeginn dabei und kennt und liebt (fast) jedes Spiel.