Mein bunt bemalter Rennbuggy baumelt, an einem Hubschrauber hängend, viele Meter über dem Boden. Die Startnummer 16 reflektiert die brennende Sonne und verwandelt den Lack meines Autos in ein gleißendes Licht. Ich starre auf eine Rampe, die meinen Sturz bremsen und die Geschwindigkeit, die mir die Erdanziehungskraft verleihen wird, in die Horizontale lenkt, wobei die Zweifel, dass das tatsächlich funktionieren könnte, das laute Pochen meines Herzens übertönt. Ich höre das Rauschen meines Blutes in den Ohren während die Vibrationen des Motors, das mein Vehikel auf über 600 Stundenkilometer beschleunigen wird, die letzte Hoffnung, dies zu überleben, aus mir herausschütteln. Ich gebe das vereinbarte Zeichen um zu zeigen, dass ich bereit bin. Bin ich das wirklich? Egal, denn ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr.

Der Lärm des Motors und meiner eigenen Angst wird plötzlich in den Hintergrund gerückt. Eine fremde Stimme erklingt, es scheint, als würde sie einen Countdown herunterzählen, allerdings in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Ein englisches Wort lässt meine Versuche, zu erkennen, wie weit die Stimme bereits gezählt hat, schlagartig erlöschen.

„GO!“

Mein Herz setzt aus, genau wie die Erdgravitation. Ich fühle mich schwerelos und für einen kurzen Augenblick ist die Aufregung, die Angst, die aufkeimende Panik, vollkommen verschwunden. Durch dieser Moment der Befreiung hält nur so lange, bis ich erkenne, dass es passiert. Ich falle. Ich sitze festgeschnallt in einem Auto, das gerade mit ungefähr 150 Stundenkilometern fallengelassen wird. Ich trage Schutzkleidung und einen Helm, jedoch bezweifle ich, dass dies genug sein wird, sollte mein Wagen auf dem Asphalt zerschellen und die Karosserie auf die Dicke eines Versandkataloges zusammengedrückt werden.

Die Sekunden meines Falls werden in meinen Gedanken zu endlosen Stunden, gefüllt mit den schlimmsten Visionen, welchen Einfluss die kommenden Ereignisse auf das Fortbestehen meines Lebens haben könnten. Dabei nähert sich die Rampe langsam aber stetig und ich erkenne, dass ich nichts mehr tun kann, um meinen Fall zu bremsen. Ich erkenne die Maserung des Holzes, bete, dass es robust genug ist. Ich erkenne die kleinen Steinchen, die auf dem Asphalt liegen.

Die anthrazitfarbenen Gummireifen meines Buggy treffen auf walnussfarbenes Holz. Ein lautes Quietschen bestätigt das Aufeinandertreffen der Materialien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Biegung der Rampe, die meine Geschwindigkeit um 90 Grad umlenken soll, so dass ich mit hoher Geschwindigkeit in den kurzen Parcours starten kann, den ich seit Tagen verinnerliche. Viele Stunden des Grübelns über die optimale Geschwindigkeit, Driftpunkte, Sprünge. Keine einfache Aufgabe, das steht fest, jedoch ist die Time-Attack-Liga, an der ich teilnehme, ein hartes Pflaster. Jeder Bruchteil einer Sekunde zählt, jeder Fehler wird mich um viele Plätze zurückwerfen. Ich will die Goldmedaille – darunter geht nichts. Nur der Sieg ist gut genug für mich.

Während ich noch darüber nachdenke, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, die Startsequenz überlebt zu haben, treffen meine Reifen auf den heißen Asphalt. Die Rampe hat gehalten. Meine Tachonadel steht mittlerweile bereits auf über 200 km/h, mein Fuß drückt das Gaspedal meines Buggys mit solcher Kraft nach unten, dass ein Wunder ist, dass das Bodenblech hält. Aber heute ist wohl so ein Tag, an dem alles zu klappen scheint und selbst die unwahrscheinlichsten Begebenheiten sich in Wohlgefallen auflösen. Der Motor heult, als die Drehzahl höher steigt. Ich fahre die Gänge voll aus, finde den optimalen Schaltpunkt und gebe weiter Gas. Während die Nadel auf meinem Tacho steigt, und mit ihr meine Geschwindigkeit, kommt die erste Kurve in Sichtweite. Ich kenne das Procedere, um hier schnellstmöglich, ohne von der Strecke abzukommen, ein- und wieder auszufahren.

Ich tippe leicht auf das Bremspedal und reiße das Steuer rum. Mein Wagen stellt sich quer und rutscht, ohne dabei wesentlich an Speed zu verlieren, in die Biegung. Mein Fuß landet wieder mit voller Wucht auf dem Gas und ich erhalte die Kontrolle über den Buggy zurück, so dass ich problemlos in die Gerade drifte. Weißer Rauch erscheint im Rückspiegel, als meine Reifen einen Teil ihrer Substanz auf der Straße hinterlassen, als Folge der Reibung.

Auch die zweite Kurve meistere ich durch das Driftmanöver, das ich wohl viele hundert Male geprobt haben muss. Der Simulator kann zwar nur annähernd das wiedergeben, was Mensch und Material in der echten Welt durchmachen müssen, aber wo Bits und Bytes weder den Schweiß, der mir die Schläfe herunterrinnt und auf der Haut kitzelt, noch den Geruch des Öls, das auf dem heißen Motorblock qualmend verdunstet, imitieren können, reichte die Maschine dennoch aus, um mir die fahrerischen Grundlagen zu vermitteln.

Auch auf das, was jetzt folgt, konnte mich der klobige, muffig riechende Raum mit den vielen Bildschirmen nicht vorbereiten: Der Sprung.

Ein übergroßes, rotes Schild, auf dem gelbe Lettern in Kapitalen prangen, warnt mich: BIG JUMP.

Mein Körper wird in den Sitz gedrückt, als ich über die Beschleunigungsmarkierungen fahre, die pures Distickstoffmonoxid direkt in den Verbrennungsprozess meines Motors einspeisen. Die Tachonadel schnellt in den roten Bereich und ich merke, wie die Welt um mich herum beginnt, zu verschwimmen. Die Unschärfe  vor meinen Augen verläuft zu einem unidentifizierbaren Brei aus Farben, während meine Maschine aufheult und mich mit 700 Stundenkilometern in Richtung eines Abgrunds schießt. Die leichte Steigung der Straße, bevor diese abrupt in einem tiefen Loch im Wüstensand endet, katapultiert den Buggy in die flirrende Luft, die Brise, die mir dabei gegen das Visier meines Helmes weht, schafft es kaum, mir etwas Abkühlung zu verschaffen. Die Hitze, die vom Sand und vom laut röhrenden Verbrennungsmotor vor mir ausgeht, ist mörderisch. Während ich in unglaublicher Geschwindigkeit in fast noch unglaublicherer Höhe bei ebenso unglaublicher Hitze in einem grellbunten Buggy sitze, denke ich darüber nach, ob der Ruhm die Strapazen wert ist. Jeder Faktor dieses Zeitrennens kann mich töten. Jederzeit. Unerwartet. Schmerzvoll. Es ist zwar nicht so, als würde irgendjemand auf mich warten und mich in den Arm nehmen, wenn ich das Rennen beende, aus dem Auto steige und den Helm abnehme, keine Parade, kein Konfetti, nur mein Name auf einer Anzeigetafel neben unzähligen anderen Namen anderer Rennfahrer, jedoch wird mir gerade klar, dass ich sehr an meinem Leben hänge.

Mein Wagen landet unsanft auf der anderen Seite des Canyons. Ich scheine es tatsächlich geschafft zu haben. Auf dem Display meines Armaturenbretts wird meine Abschlusszeit eingeblendet. Ich bremse den Wagen ab, bis er vollkommen zum Stillstand gekommen ist, öffne das Visier meines Helmes und wische mir den Schweiß aus den Augen, um etwas sehen zu können. Kein Gold. Meine Zeit war zu schlecht. Ich war zu schlecht. Nicht ausreichend, so wie ich es befürchtet hatte. So wie ich es immer war.

Eine Meldung erscheint im Display. Ich blinzle, da die Sonne mittlerweile tiefer steht und mich blendet. Ich entziffere die Frage auf dem Bildschirm. Ob ich es erneut versuchen und meine Zeit verbessern möchte.

Ich lasse die letzten Minuten vor meinem geistigen Auge Revue passieren. Schmerz, Angst, Panik, Hitze.

Ich drücke auf „Ja“.

Ich will die Goldmedaille. Denn nur der Sieg ist gut genug für mich.

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Trackmania Turbo was last modified: April 12th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.