Irgendwo zwischen die beiden „großen“ Shootertitel 2016, Battlefield 1 und die jährliche Call of Duty-Installation  gequetscht, hat Electronic Arts heimlich einen Titel herausgebracht, der wohl unter den erstplatzierten meiner diesjährigen Lieblingsspiele landen wird: Titanfall 2.

Nachdem der erste Teil zwar unglaublich viel Spaß gemacht hat, leider aber unverständlicherweise sehr schnell viele Spieler verlor, war ich skeptisch, of Respawn als entwickelndes Studio mit einem zweiten Teil den Karren aus dem Dreck ziehen kann. Ähnlich wie die Situation momentan mit Watch_Dogs 2 ist, dessen erster Teil auf eine etwas andere Art und Weise gescheitert ist. Als besonderes Gimmick kommt Titanfall 2 mit einer Kampagne, was genau das ist, was ich im ersten Teil vermisste. Denn Respawn hat unendlich viel Arbeit in das Design des 2014 erschienenen Parkourshooters gesteckt. Fremde Planeten und dessen florale und faunale Bevölkerung, sogar gescriptete Story-Charaktere, die sich „für die Sache“ opferten. Leider war das Storykonstrukt des reinen Multiplayerspiels dermaßen dünn gestrickt, dass Spieler sich nicht weniger für das Drumrum interessieren konnten, was dann wahrscheinlich auch zur letztendlichen Abwanderung der Spielbelegschaft führte.

Aus Fehlern gelernt

Der Storymodus in Titanfall 2 soll diesen Makel beheben, die Furcht allerdings, die Kampagne könnte ein ähnliches Flickwerk werden wie so mancher angeflanschter Mehrspielermodus kampagnenlastiger Titel bleibt zumindest so lange bestehen, bis man in die Tröphäenliste (PS4) des Spiels schaut. Lediglich drei Mehrspielertrophäen sind hier zu finden, die zudem innerhalb eines einzigen Matches gewonnen werden können – und das ohne Aufwand. Das verspricht bereits im Vorfeld Gutes (oder zumindest, das die Kampagne mehr wird, als lieblos zusammengesetzte Storyfetzen, die dem Schreiberling auf dem Weg ins Büro eingefallen sind).

Ich schlüpfe in die Rolle von Jack Cooper, einem Klasse-3-Schützen der Miliz, die gegen das IMC kämpft. Das IMC ist ein gewaltiges industrielles Konglomerat, das interstellare Kolonien gewaltsam um ihre Ressourcen bringt. Bei einem Einsatz auf dem Planeten Typhon überlebe ich als einziger einen Angriff auf meinen Trupp, bei dem auch Titanpilot Captain Lastimosa ums Leben kommt. Sein Titan namens BT-7274 (kurz „BT“ genannt), ein gewaltiger Kampfroboter, wählt daraufhin meine Wenigkeit als seinen neuen Piloten aus. Und hier beginnt das Abenteuer.

Ein Junge und sein Titan

Nach anfänglichen stupiden Besorgungsaktionen, bei denen mir die grundlegende Steuerung des neuen Pilotenanzugs erklärt wird, darf ich dann endlich erstmalig in meinen Titan steigen. Die Steuerung geht direkt in ein „Ja, kann ich!“ über, die Kämpfe sind actiongeladen und bringen eine willkommene Abwechslung ins Spiel. Dadurch, dass die lineare Story von mir verlangt, des öfteren zwischen Titan-Fights und Kämpfen zu Fuß zu wechseln, kommt hier keine Langeweile auf.

Die Körperlichkeit des Spiels ist der Wahnsinn. Wo bisher Spiele wie Thief oder Battlefield geglänzt haben, setzt sich Titanfall 2 mit Mirror’s Edge Catalyst mit links an die Spitze. Doppelsprünge, Wallruns – die Präzision von Titanfall 2 in puncto Sprungpassagen ist ungeschlagen. Leider geht hier oft die Übersicht verloren und ich weiß nicht genau, in welcher Richtung mein Questziel liegt. Durch die Möglichkeit der freien Bewegung, die dem Spieler gegeben wird, muss das Leveldesign angepasst werden. Vertikal angebrachte Lüftungsöffnungen und Felsspalten verlieren sich etwas in der sehr detailreichen und bunt beleuchteten Spielwelt.

Technisch top

Besonders grafisch brilliert Titanfall 2. Die erwähnte bis ins kleinste durchgestlyte Welt in Kombination mit tollem Spiel- und Leveldesign überzeugt von Sekunde eins an. Eine liebevoll gestaltete Spielwelt mit fein ausgearbeiteter Levelgeometrie und scharfen Texturen lassen das Titanfall-Debut auf der PS4 an keiner Stelle in Framerateeinbrüche abrutschen. Definitiv ein Referenztitel, der nicht ein Mal billig konstruiert schien oder sich Pfusch hat anmerken lassen. Die dynamische Auflösung sorgt dafür, dass die Framerate nach Möglichkeit stets auf 60 Frames pro Sekunde bleibt.

Die Kampagne ist trotz seiner durchdachten Story leider viel zu kurz. Knapp 5 Stunden habe ich bei meinem ersten Durchgang gebraucht, der Wiederspielwert ist dank der Trophäen und vielen Sammelobjekte relativ hoch, auch wenn hier die Warnung ausgesprochen werden muss, dass Zwischensequenzen nicht übersprungen werden können. Besonders die Vermenschlichung von Jack Coopers Titan BT-7472 gelingt dem Team von Respawn ausgezeichnet gut. Mitunter sogar in einem Ausmaß, dass die räumliche Trennung im Spiel Verlustängste hervorruft. Mit einfachen Mitteln schafft das Team hier die Verbindung zum Protagonisten als Statthalter und damit auch zum Spieler. Trockener Humor und viele, viele Explosionen runden das Storytelling zu einem unterhaltsamen Rodeo in einer abwechslungsreichen Umgebung ab. Einzig diese kleinen Roboter, die bei Annäherung explodieren, sind etwas, was nicht unbedingt hätte sein müssen. Ich hasse die Dinger.

Besonders erwähnen muss ich die DLC-Politik von Titanfall 2. Anders, als man es innerhalb der letzten Dekade von Electronic Arts gewohnt war, sind sämtliche DLCs zum Spiel kostenlos. Kein Season Pass, kein Bullshit. Dieser Fakt ist in der Berichterstattung meiner Filterblase irgendwie etwas zu kurz gekommen, was ich erstaunlich finde.

Mehr Spieler = mehr Spaß?

Der Multiplayermodus macht verdammt viel Spaß. Hier wurde das Grundgerüst des Multiplay-Only-Vorgängers genommen und aufgrund des Spielerfeedbacks aus dem ersten Teil ordentlich aufgemotzt. Hier kann der Spieler entweder als schneller und wendiger Doppelsprung-Walljump-Pilot unterwegs sein oder sich (je nach Spielmodus) in seinen Titan schwingen und (je nach Loadout) Raketen und Laser auf seine Gegner abfeuern.

Der Enterhaken, den jeder Pilot im Repertoire hat, ist eine Neuerung. Damit kann man sich schnell aus Gefahrenzonen bringen oder von Hausdach zu Hausdach schwingen. Oder die sogenannten Ticks, die kleinen explodierenden Roboter aus der Kampagne (wir erinnern uns…), denen man nicht nur ausweichen und Flüche entgegenschleudern muss, sondern diese auch selbst als Waffe einsetzen kann.

Insgesamt neun Maps gibt es zum Start, die vom Setting her an den Gebieten des Storymodus ausgerichtet sind. Hier werden, dank oben erwähnter fairer DLC-Politik. bald neue Maps nachgereicht werden.

Die Loadouts und Waffen werden, wie es bei solchen Spielen üblich ist, mit Levelaufstiegen freigeschaltet, wobei selbst das Standardrepertoire vielseitig verwendbar ist und nicht unbedingt einen Nachteil mit sich bringt. Letztlich entscheidet das Aufleveln hier nur darüber, welchen Playstyle man als Spieler bevorzugt.

Fazit

Kauft euch das Teil! Ich spreche selten absolute Kaufempfehlungen aus, aber beim Rollen der Credits über den heimischen Bildschirm dachte ich: „Das war ein gutes Spiel.“ Es ist vielleicht etwas zu kurz, aber wer alle Geheimnisse und Trophäen sammeln möchte, kann das Teil ein zweites Mal in der höchsten Schwierigkeitsstufe rocken. Aufgrund einiger etwas übertriebenen Szenen (Titan „tritt“ einen Menschen wie eine Zigarettenkippe aus) ist Titanfall 2 erst ab 18 Jahren freigegeben. Das ist vielleicht etwas hoch angesetzt, lässt sich aber nicht ändern. Grafisch eines der schönsten und am besten laufenden Spiele auf dem Markt mit einer tollen Kampagne und einem schnellen, actionreichen Mehrspielermodus. Wer nur Mehrspielergefechte möchte, ist bei Battlefield 1 wahrscheinlich besser aufgehoben, die bessere Kampagne hat allerdings Titanfall 2.

Prädikat: Besonders Awesome!

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Titanfall 2 was last modified: November 2nd, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.