Bei kleineren Videospielproduktionen, vor allem im 3D-Bereich, bin ich ja meistens etwas skeptisch. Das Konglomerat der Grausamkeiten, das sich mittels Steam ein Portal direkt auf die Erde geschaffen hat, transportiert die schrecklichsten Dämonen in Form von Asset-Flips und schlechtem Writing. Dieser Habitus macht auch vor dem PlayStation-Store mittlerweile nicht mehr Halt, weswegen ich mit einer vorsorglich hochgezogenen Augenbraue meine erste Runde Theseus starte. Gute PSVR-Titel sind ja bekanntermaßen rar gesät, weswegen jedes mögliche verborgene Juwel stets willkommen ist.

So sitze ich also auf der heimischen Couch, trinke noch schnell einen Schluck Apfelschorle und setze mir die PlayStation VR auf die Murmel, die mich umgehend ins antike Griechenland beamt. Das jedenfalls habe ich so erwartet, denn der Name Theseus ist wohl jedem ein Begriff. Der Held, der in das Labyrinth auf Kreta eindrang, den Minotaurus erschlug und zurück zu seiner Liebe Ariadne gelang. Was ich nicht erwartete war, dass das Spiel tatsächlich Spaß macht und zudem noch atemberaubend gut aussieht.

PSVR-Titel haben mitunter das Problem, dass weder die Auflösung der Brille oder die Leistung der PlayStation 4 es erlaubt, wirklich gut aussehende Grafiken vorgesetzt zu bekommen. Alles wirkt übermäßig pixelig, unscharf oder es mangelt an hübscher Texturierung. Theseus schafft es allerdings, trotz der enormen Limitierung, die die Hardware mit sich bringt, ein atemberaubend gut aussehendes Bild auf meine Netzhaut zu zaubern, dass ich bei Spielbeginn kurz sprachlos bin. Und das passiert nicht häufig. Tolle Texturen, flüssige Wiedergabe, bezaubernde Lichteffekte und dies alles so scharf, wie die PSVR es halt erlaubt. Toll. Allerdings bin ich auch ein wenig verdutzt, denn anders als andere VR-Titel verfrachtet mich Theseus nicht in den Körper des Protagonisten, sondern verleiht mir eine beobachtende Funktion, entweder in der klassischen Third-Person-Perspektive oder als Kamera in einer Ecke des Levels, ähnlich wie bei God of War.

Der Vergleich hinkt nicht, auch wenn ich bei Theseus nicht wirklich kämpfen muss und die Kletterpassagen sich auf ihre rudimentärste Form beschränken. Vielmehr rätselt man vielmehr, wo die nächste Tür ist, welchen Vorsprung man benutzen kann und wie zur Hölle man den Minotaurus besiegen soll. Dieser tritt nämlich schon relativ früh im Spiel auf und ist ungefähr 7 Meter hoch. Klar, letztlich ist Theseus nicht viel mehr als ein interaktives Klicki-Bunti-Feuerwerk, als non-immersives VR-Erlebnis allerdings kann der Titel hier voll punkten. Ich kann einfach nicht oft genug erwähnen, wie gut hier alles aussieht. Wirklich toll!

Das verantwortliche Studio Forge Reply hat hier wirklich ganze Arbeit geleistet. Zwar schleicht man nur circa zwei Stunden durch die hübsch gestalteten aber auf Dauer etwas eintönigen Gänge und klickt sich durch Quick-Time-Events, alles in allem hinterlässt Theseus aber einen eindeutig positiven Nachgeschmack. Das liegt vielleicht nicht am Gameplay selbst, auch nicht an der etwas einfallslosen Erzählweise, vielmehr trägt die packende Atmosphäre und (ich wiederhole mich an dieser Stelle) die tolle Grafik dazu bei, dass man den Titel nach dem Beenden mit Sicherheit bald noch ein Mal spielen wird.

Bei einem Preis von 19,99 Euro (zu Release bekommen PS-Plus-Mitglieder etwas Rabatt) stellt sich natürlich die Frage, ob die kurze Spielzeit dies rechtfertigt. Die Antwort ist, wie immer, ein klares Jein. Wer das Ding möglichst fix durchspielen möchte und Fan von griechischer Mythologie ist, der greift natürlich zu. Alleine aus Mangel an guten PSVR-Titeln ist dies vielleicht empfehlenswert. Wer warten kann, wird beim nächsten Indie- oder Themensale mit Sicherheit einiges an Geld sparen können. Denn gerade bei solchen Nischentiteln ist Sony sehr häufig und sehr früh nach Release sehr spendabel.

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Theseus was last modified: August 1st, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.