Der Traum eines Jungen wird wahr: Er bekommt die Chance, ein Magier zu werden. Ist das neue Daedalic-Game bezaubernd oder böses Voodoo?

Ich bin wirklich froh, dass es wieder einen Entwickler gibt, der sich darauf konzentriert, das urspüngliche Herz der Videospiele zu reanimieren. Der Geist der neunziger Jahre mitsamt seinem Charme und Witz lebt in den Point-And-Click-Adventures von Daedalic weiter, wie beispielsweise im abgedrehten Deponia. Hierbei steht nicht die technische Komponente im Vordergrund, was man zwar zu spüren bekommt, ob des warmen Gefühls im Bauch aber oft mit Missachtung straft.

Neuester Streich der Hamburger Spieleschmiede: The Night of the Rabbit. Die Story eines Jungen, der in eine magische Welt gelangt und dort seine Ausbildung zum Zauberer absolviert lässt mich erstaunt aufhorchen. Bereits 1993 kredenzte Adventure Soft mit Simon the Sorcerer eine ähnliche Geschichte, was mich skeptisch an die Sache herangehen lässt. „Das ist doch jetzt hoffentlich kein ‚Reboot‘!“, denke ich bei mir und starte zögerlich das Spiel.

Kein Simon – Vorteil oder Nachteil?

Ich atme erleichtert auf. Kein Reboot. Kein rebellischer Teenager, der widerwillig in eine abstruse Welt gezogen wird, vielmehr ein Schulkind, dessen großer Traum erfüllt wird und ein Abenteuer in einer fantastischen Welt erlebt. Die Parallelen zum 93er Kulttitel sind dennoch nicht von der Hand zu weisen und sonderlich innovativ klingt das auch nicht, macht aber trotzdem großen Spaß, nicht alleine aufgrund der Tatsache, dass ich mich um 20 Jahre zurückversetzt fühle.

Wie man es von Daedalic-Games gewohnt ist, protzt The Night of the Rabbit mit handgezeichneten, wunderhübschen Grafiken und tollen Zwischensequenzen. Auch die Sprecher können sich hören lassen, auch wenn man den Nebendarsteller das entsprechende Budget anhört. Besonders aber sticht die Stimme des zwölfjährigen Protagonisten Jerry Haselnuss positiv hervor; Da sitzt fast jede Betonung richtig – Da kann sich Monty Arnold, der dem Hauptcharakter in Deponia (und Deponia 2) seine Stimme lieh, noch eine dicke Scheibe von abschneiden.

Rätselspaß im Mauswald

Das Gameplay wurde auf eine Ein-Button-Bedienung heruntergebrochen, jede Aktion wird wie von Entwickler beabsichtigt ausgeführt. Das Inventar lässt sich ebenfall perfekt handlen und bietet keine Angriffsfläche für Kritik. So abgedreht und ergo unlogisch die Rätsel der hauseigenen Konkurrenzprodukte ausfallen, so eingängig – aber trotzdem nicht gänzlich einfach – präsentieren sich die Denksportaufgaben in Daedalics neuestem Schätzchen. Ein (überspringbares) Tutorial erklärt flugs die Steuerung und die ersten trivialen Aufgaben – hier noch ohne Hotspot-Möglichkeit, die kommt erst später hinzu – erwarten den Spieler. Wer nicht weiterkommt, kann einen Blick ins praktische Questlog werfen oder sogar seinen Mentor, den Marquis (ein sprechender Hase) um Rat fragen. Das erspart oft den mühsamen Blick in eine externe Komplettlösung. Aber wer mit Walkthrough spielt, hat ohnehin keinen Spaß am Spiel.

Das „zuckersüße“ Café

Von Zeit zu Zeit fällt die zum Teil unnötig dramatische Hintergrundmusik negativ auf, die sogar ab und an die Sprecher übertönt. Wer sich die Mühe macht, im Menü den entsprechenden Regler um ein Viertel nach links verschiebt, der wird keine derartigen Probleme haben. Ebenso nervig ist das ständige Hin-und-Her während der storyschwachen Teile des Spiels, in denen Botengänge absolviert und Gefälligkeiten erfüllt werden müssen, wie man sie sonst nur aus Online-Rollenspielen kennt. Ohnehin verfolgt nur ein kleiner Teil des Spiels den Hauptstrang der Geschichte, der Rest wird mit halbherzigen Gesprächen gefüllt, worüber man allerdings aufgrund der oben genannten formidablen Sprecher hinweg sehen kann.

Fazit

Alles in Allem: Zum Release bekommt man The Night of the Rabbit bereits für 30 Euro. Die sind durchaus gut angelegt, denn nicht nur alte Adventurehasen, sondern auch – und das kennt man ja von Daedalic – 14-jährige Fangirls, die ihre kreative Energien in das Nachzeichnen der Spielcharaktere investieren – kommen voll auf ihre Kosten. Ein Machwerk, das nicht nur hübsch aussieht, sondern (zumindest zum Großteil) auch noch gut klingt und das Hirn des Spielers zumindest auf halber Fahrt laufen lässt.

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The Night of the Rabbit was last modified: Juni 2nd, 2013 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.