Beinahe zehn Jahre hat sich Team Ico (zusammen mit gen DESIGN und SIE Japan Studio) Zeit gelassen. Im Jahre 2007 für die PS3 angekündigt, in Vergessenheit geraten und dann 2014 erneut, diesmal für die PS4, angekündigt, feiert The Last Guardian Ende 2016 endlich seinen lang ersehnten Release. Aber wie das halt manchmal so ist, sind die am sehnlichsten gewünschten Titel, die über Jahre hinweg Hoffnungen schüren, am Ende dann nur mittelmäßig. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Duke Nukem Forever, das ganze 14 Jahre zwischen Ankündigung und Erscheinen auf der Weste stehen hat.

The Last Guardian erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der mit seltsamen Tätowierungen auf dem Körper in einer Höhle erwacht. Neben ihm ein schauderliches menschefressendes Biest. Ein Trico. Das Wesen wirkt wie eine Mischung aus einem Vogel und einer gigantischen Katze, die Wolfslaute von sich gibt. Von Minute eins an merkt man dem Spiel leider den veralteten Entwicklungsstand an. Nicht eine Sekunde lang, vom Intro bis zum Abspann, läuft das Spiel flüssig. Eine Framerate deutlich unter dem Wohlfühlstandard verursacht schon nach kurzer Zeit Kopfschmerzen. Gepaart mit dem Inputlag, das eine spürbare Verzögerung (von ca 400 – 500 ms) zwischen Controllereingabe und der tatsächlichen Umsetzung im Spiel erzeugt, führt dies zur absoluten Frustration. Immerhin ist The Last Guardian ein Rätselspiel mit einigen Sprungpassagen. Und wenn hier das Timing nicht stimmt, steht dem Spieler entweder ein langer Weg zurück zu dem Punkt, an dem man gescheitert ist bevor, oder der Bildschirmtod. Beides ist aufgrund eines technischen Versagens des Spiels nicht akzeptabel.

Dabei ist die Prämisse eigentlich ideal. Ein kleiner Junge, ein wildes Biest – Eine perfekte Kombintion um eine emotional mitreißende Geschichte zu schaffen. Zwar ist Trico in vielen Situationen ein sehr greifbarer Charakter, was aber vor allem an seinen tollen Animationszyklen liegt und weniger an der erzählten Story, geschweigedenn an der KI. So wirklich greifen will das Verhältnis zwischen den beiden Figuren nicht. Denn vor allem die künstliche Intelligenz, die im Katzenvogel-Biest verbaut ist, trägt dazu bei, dass ich mehr als ein Mal den Controller beiseite legen und eine Spielpause einlegen muss. Zwar kann man Trico im späteren Spiel Anweisungen geben, aber irgendwie scheint das alles nicht so echt zu funktionieren, so dass man auf scheinbar zufällige Gefällligkeiten des Spiels angewiesen ist. Dieser eklatante zusätzliche Mangel an Kontrolle reduziert das Gameplay auf das, was bei einem Spiel, das eigentlich genau diese Kontrolle als grundlegendes Gameplayelement bieten sollte, auf das Gegenteil. Unglaublich nervig.

Mir ist es nicht wichtig, wie Spiele aussehen, solange sie Spaß machen. The Last Guardian hätte großes Potenzial gehabt, gerade das zu bieten. Ein typisches „Es sieht zwar mittelmäßig aus, aber das Gameplay ist erste Sahne“-Spiel sozusagen. Leider wirkt der Hype-AAA-Titel mehr wie ein zu schnell veröffentlichtes Indie-Game, das zwar einige gute Ansätze hat, diese aber zu keinem Zeitpunkt zuende gedacht hat. Die Rätsel sind (obschon zum Teil etwas frustrierend) allesamt gut umgesetzt, leider wird hier zu sehr darauf gesetzt, dem Spieler unter keinen Umständen unter die Arme zu greifen, sei es bei der Lösungsfindung (versteckte Schalter, ho!) oder bei der Automatisierung von Bewegungsabläufen. Viel zu häufig stürzt man in den unvermeindlichen Tod, weil die Steuerung mal wieder nicht mitgespielt hat.

Dabei ist das entwickelnde Studio eigentlich bekannt dafür, mittelmäßige Spiele durch die herausragende emotionale Ebene auf ein neues Level zu hieven. Die hauseigenen Spiele Shadow of the Colossus und Ico, die auf der PlayStation 2 quasi die zu spielenden Titel waren, haben es vorgemacht, verständlich dass da die Messlatte für The Last Guardian höher lag, als der Sprung jemals hätte werden können.

Ich schwanke zwischen „gerade deswegen“ und „trotzdem“, wenn ich sage, dass The Last Guardian nur ein mittelmäßiger Titel geworden ist. Zumindest in der Version, die wir zu Release bekommen haben. Vielleicht werden noch Performance-Patches nachgereicht, die das Spiel für mich spielbar machen, denn ich kriege schon wieder Puls, wenn ich daran denke. Vielleicht ist das aber alles Absicht und auf der Metaebene bringt dies die Bedeutung mit sich, dass das Leben ja selbst auch nicht einfach ist, man für Freundschaften kämpfen muss und jedes Lebewesen seinen eigenen Kopf hat. Oder so. Glaube ich aber irgendwie nicht dran.

Schnelle Spieler, die sich in der Welt des Guardians auskennen, schaffen es, nach ca fünf Stunden die Credits zu sehen, alle anderen brauchen bis zu 15 Stunden. Zwischendrin gibt es noch zwei zugegebenermaßen ziemlich coole Bosskämpfe, die den Spieler zwingen, um die Ecke zu denken. Ich habe fest vor, das Spiel ein zweites Mal zu spielen, damit ich mich vielleicht mehr auf die Atmosphäre als auf die Performanceprobleme und konstant auftretenden Clippingfehler konzentrieren kann. Das werde ich allerdings nachholen, sobald The Last Guardian technisch so funktioniert, wie ich mir das wünschen werde. Neuen Spielern empfehle ich, mit dem Kauf etwas zu warten, denn immerhin wird Sonys neuestes Schätzchen zum Vollpreis angeboten.

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The Last Guardian was last modified: Dezember 12th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.