Es schmerzt mich, den Titel meines Reviews zum neuesten Captain-America-Streifens über den Beitrag zu schreiben, denn Disney bekleckert sich (mal wieder) mit dem deutschen Titel nicht gerade mit Ruhm. Ich wüsste ja wirklich gerne mal, wer da im Büro sitzt und krampfhaft wild mit dem Rotstift über sämtliche Filmposter kritzelt. Da wird „Thor: The Dark World“ zu „Thor: The Dark Kingdom„, Guardians of the Galaxy bekommt einen blöden Untertitel („Ist hier noch was zu retten?“ – Leben wir in den Achtzigern?) und Captain America: Civil War wird im altbekannten Usus zu The First Avenger: Civil War. Wirklich überdurchschnittlich schwachsinnig. Aber das hier soll kein Rant über die Lokalisation Disneys werden, sondern ein Review zum eigentlichen Film.

Normalerweise beginne ich Marvel-Reviews immer mit den Worten „Ich bin ja riesiger Marvel-Fanboy“, und auch diesmal möchte ich meinen Text nicht ohne Erwähnung dieses Faktes lassen. Denn was hier aus dem Schnittraum purzelt ist auch im Jahre 2016 immer noch großartig. Eine der größten und epischsten Marvel-Geschichten (Civil War) wird zwar durch die Prämisse des Marvel Cinematic Universe aufs Heftigste beschnitten, kann aber durch seine Kontinuität und die gekonnte chronologische Eingliederung in die Filmreihe gehörig punkten. Denn erstmalig hat Sony, die in der damaligen Marvel’schen Krisenzeit günstig die Filmrecht an der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft schießen konnten, erlaubt, Spider-Man in einem offiziellen MCU-Streifen einzusetzen. Ich hatte etwas Angst davor, dass Tom Holland durch sein junges Alter (im Vergleich zu einem sehr reifen Spidey in der Comicvorlage) den Charakter etwas versaut, allerdings passt Peter Parker perfekt in den Kontext, den die Russo-Brüder in ihrer Rolle als Regie-Doppel hier schaffen.

Während The First Avenger: Civil War nämlich in den ersten 90 seiner knapp 150 Minuten (ca. 2.5 Stunden) die Anmutung eines Bourne-Movies hat, wird anschließend merklich ein Schalter umgelegt, der den Tenor wieder in gewohnte Bahnen lockt und den Mittelteil als klassischen Superheldenfilm präsentiert. Eine umfangreiche Materialschlacht zwischen dem gesamten Aufgebot, das hier akquiriert werden konnte: Auf der einen Seite Iron Man mit seiner Überzeugung, die Aktionen von Helden unter die Aufsicht der UN zu stellen und damit die Handlungsfreiheit einzuschränken. Seiner Meinung und damit im Kampf mit dabei sind Black Widow, Black Panther, Spider-Man, War Machine und Vision. Captain America, der die gegenteilige Meinung vertritt und deswegen als Verbrecher gesucht wird, hat Scarlet Witch, den Winter Soldier, Hawkeye, Ant-Man und Falcon auf seiner Seite. Das gewohnte Marvelbild aus dummen One-Linern, Witzchen und einer ordentlichen Portion „Aufs Maul“ ist mein persönliches Highlight des Films, welches viel zu schnell vorüber geht und den Film in einem uninspirierten Brei aus Pathos und angekündigtem Reveal enden lässt, ohne wirklichen Abschluss oder befriedigender Endschlacht.

Dabei dilettiert ab und an Daniel Brühl, den ich ja überhaupt nicht leiden kann, als Bösewicht-Surrogat durchs Bild. Schrecklich, dieser Typ. Warum muss Hollywood immer die Schauspieler wollen, die in Deutschland höchstens noch auf der Resterampe funktionieren? Ich schiele hier in Richtung Diane Krüger oder Franka Potente. Glücklicherweise agiert Baron Zemo hier nur als Initiator für einen Streit (Avengers Teil 1 anyone?) und führt nicht selbst das Schwert, denn das hätte dem Ganzen die Krone aufgesetzt.

Ich finde es etwas schade, dass Spider-Man nicht die tragende Rolle zugeschrieben bekommt, die er in der Vorlage hat. Als zunächst vollends dedizierter Kämpfer, der „für die Sache“ sogar seine Identität preisgibt, zum Überläufer, der sich den „Rebellen“ anschließt. Ebenso ist es schade, dass Marvel sich nicht dazu entschieden hat, neben Peggy Carter einen weiteren Marvel-Seriencharakter einzupflegen, der – ähnlich wie Spidey – eine ähnlich große Rolle hat: Der Punisher. Da wurde die unsägliche Filmversion endlich von einem ordentlichen Charakter in der Daredevil-Serie abgelöst, und dann wird das Potenzial verschenkt! Sicher passt ein traumatisierter Massenmörder kaum ins familienfreundliche Bild, das mit einer FSK12-Freigabe vereinbar wäre.

Außerdem schade: Charaktere, die nicht Captain America, Bucky Barnes oder Iron Man sind, kriegen viel zu wenig Screentime. Es ist halt einfach kein Avengers-Streifen und trotzdem: Joe und Anthony Russo sind ursprünglich Serienregisseure, die es gewohnt sein sollten, ähnlich wie Joss Whedon das 2012 geschafft hat, viele kleine Plots unterhalten zu können, ohne, dass der Hauptplot verloren geht. The First Avenger: Civil War konzentriert sich allerdings ausschließlich auf den Zwist zwischen rot und blau, so dass negativ auffällt, dass die Seitencharaktere, die für einen völlig überflüssigen Kampf zurate gezogen werden, ohne ein Wort auf Nimmerwiedersehen verschwinden und auch nicht mehr erwähnt werden.

Positiv überrascht war ich von den teilweise gemäldeartigen Kameraeinstellungen, die fast wirken, als hätte Zack Snyder hier Hand angelegt. Etwas, was ich von dem Serienregisseur-Duo niemals erwartet hätte. Leider erhascht man so einen Shot zwischen Wackelkamera und gewohntem Schuss-Gegenschuss-Prinzip viel zu selten, den Kontrast zwischen Standardschraddel und Extravaganz macht aber deutlich, wie satt ich vom ewig gleichen Verfolgungsjagd-Quark bin.

Alles in Allem muss ich sagen, dass ich mich gut unterhalten gefühlt habe. Trotz der vielen Mängel ist The First Avenger: Civil War immer noch ein besserer Film als der erste Teil der Reihe, kommt aber an The Winter Soldier nicht heran (welcher ein wirklich hervorragender Actionfilm war). Ein Kinobesuch lohnt sich aufgrund des tollen Sounds und der oben erwähnten Epic-Shots allemal. tut euch aber den Gefallen und (falls ihr das nicht schon längst gemacht habt) holt alle bisherigen Marvel-Streifen nach, da so langsam die kritische Phase erreicht ist, in der man kaum noch etwas versteht, wenn man nicht voll informiert ist.

Prädikat: Awesome!

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The First Avenger: Civil War was last modified: April 25th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.