Hallo Kinder! Habt ihr auch alle an eure Schwerter, Schilde und Kampfäxte gedacht? Fein, dann kann es ja losgehen – wir metzeln uns durch’s Mittelalter!

Zugegeben: Mittelalterliche Schwerterklopperei in Spielen stimmt mich immer skeptisch. Meist handelt es sich hierbei um langweiliges Nachstellen historischer Ereignisse, ellenlange Dialoge und hakelige Polygonhaufen, weil sich kein anständiger Sponsor findet. Das Ergebnis sieht aus wie hingekackt und hingeschissen, spielt sich so wie es aussieht und macht Spaß wie Omas Achzigster.

Das ist auch der Grund, warum ich The Cursed Crusade nur mit spitzen Fingern aus der Verpackung nahm und mit meinem patentierten „What-the-Fuck“-Gesicht™ in die arrcade-Xbox einlegte. Wo sonst nur digitale Terroristen ins Jenseits befördert werden zieht jetzt das späte dreizehnte Jahrhundert ein. Wenn das so sein muss, dann will ich mich auch nicht dagegen wehren.

Entgegen aller Erwartungen bin ich begeistert. Ob das jetzt an der niedrigen Erwartungshaltung in Relation zur Spielpräsentation liegt oder am Spiel selbst, möchte ich noch nicht beantworten. Grafisch akzeptable Mittelaltersahne und spielerisch ein Bastard aus Rollenspiel und Hack-and-Slay – was möchte man mehr? Eine Story? Bitte schön:

Denz de Bayle hat ein Problem. Nicht nur, dass er Franzose ist, nein, ein Fluch lastet auf ihm, der ihn zwar um einiges stärker macht, aber den Tod höchstpersönlich auf seine Fersen heftet. Jener ist ziemlich scharf auf Denz‘ Seele und verfolgt ihn in dessen Träumen. Denz hat natürlich überhaupt keinen Bock auf den Tod und meldet sich freiwillig für einen Kreuzzug, da sein Vater, der aus dem vorherigen Kreuzzug nie aus Jerusalem nach Hause gekommen ist, ihm vielleicht helfen könnte, das lästige Anhängsel loszuwerden. Alleine hier zeigt sich schon der Unterschied zu fast sämtlichen anderen Mittelaltergames – eine Story, die aus einem Fantasy-Bestseller entsprungen sein könnte. Gepaart mit dem trotz seiner Komplexität relativ eingängigen Gameplay und der akzeptabel guten Grafik haben wir hier einen potentiellen Oberhammer vor uns. Doch was kann man in der Welt von The Cursed Crusade überhaupt alles anstellen?

Traumberuf: Metzger

Das Prinzip ist einfach: Gescriptete Storysequenzen abklappern indem man sich durch medievale Gegnermasse metzelt. Jawohl: metzelt. Jegliche Waffenart, die seinerzeit State-of-the-Art war, kann benutzt werden, um die bösen Schergen aufzuspießen, zu zerkloppen oder schlichtweg zu köpfen. Die Animationsphasen sind dabei erschreckend gut umgesetzt, Zeitlupen und Heranzoomen an die Szenerie unterstützt das Schlachtfest-Feeling. Jede Waffenart, sei es Schlägel, Schwerter oder Armbrust, die in jeder Kombination (linke Hand: Knüppel, rechte Hand: Schwert – in beiden Händen ein Schwert – zweihändige Schwerter – Schwert oder Axt mit Bombastschild…) kann hierbei im RPG-Stil durch zusätzliche Kombo- oder Finishing-Moves aufgewertet werden, wobei beim Prügeln, ähnlich einem Devil May Cry die Combopunkte gezählt werden, die dann am Ende eines jeden Levels auf die Gesamtwertung Einfluss nehmen. Intelligentes Feature: Waffen zerbrechen bei intensiver Benutzung und müssen durch Aufheben von fallen gelassenen Schwertern und Äxten getöteter Schergen ersetzt werden, da sowohl Reichweite als auch Schaden reduziert wird.

Im Grunde kann man sich mittels zwei Knöpfen (horizontaler und vertikaler Schlag) durch die Spielwelt schlachten; wer es komplexer mag, kann noch Ausweich- und Blockbreaker-Moves einsetzen. Unterschätzt wird definitiv der Fluchmodus, denn der auf Denz lastende Fluch kann per Knopfdruck aktiviert werden – und dann wird’s so richtig funky. Dieser ist schnell eingeschaltet und verwandelt die Spielwelt in eine brennende Höllenlandschaft und die Gegner in zombieähnliche Skelettwesen, die in diesem Modus per Feuerzauber gebrutzelt werden können. Auch können so sonst unüberwindliche Hindernisse wie hölzerne Türen einfach weggebombt werden. Cooles Feature, aber für meinen Geschmack ein bisschen zu wenig effektiver Nutzen.

Die Sprecher sind unglaublich gut – relativ bekannte Stimmen begleiten den Spieler durch das Geschehen. Zwar sind, wie so oft bei deutscher Lokalisierung, die Betonungen nicht immer richtig gesetzt und die Sätze werden teils kurz vor Ende abgehackt wie Finger bei der Mafia, aber die Untertitel verraten, was gesagt worden wäre. Trotzdem hochwertige Sprecher mit Wiedererkennungswert und Erfahrung. Bonuspunkte!

Der Koop-Modus, entweder via Live oder Lokal im Splitscreen macht nicht unbedingt Sinn, aber gemeinsam auf Kopfjagd ist’s doch viel romantischer! Zwei Spieler dürfen sich durch die Geschichte knüppeln und einander die Bösewichte im Schwitzkasten halten, damit der Partner das Hackebeil ansetzen kann. Detailverliebtheit: toll.

Auf der anderen Seite…

Natürlich ist nicht alles Klingenstahl was glänzt – auch über die Schwächen des Spiels muss gesprochen werden. So macht die sonst akzeptable Grafik stellenweise den Eindruck, als hätte man 32-Bit-Material hochskaliert – merkwürdig, dass der Spieler sich trotzdem mit kopfschmerzverursachendem Tearing und teilweise starken Rucklern rumplagen muss. Zudem verhält sich die Gravitation zum Teil sehr seltsam, beispielsweise wenn die Spielfigur gegen bewegliche Gegenstände wie Fässer oder Bretter läuft, welche dann in der Luft rumwirbeln wie Konfetti auf einem Kindergeburtstag. Die KI ist strunzdumm und schlägt den Spieler (fairerweise) nicht, wenn er sich mitten im Geplänkel befindet. Viele Clippingfehler lassen Charaktere in Wänden verschwinden und flimmernde Kanten entstehen. Auch das eigentlich sehr gute Gameplay könnte ein wenig mehr Geschwindigkeit gebrauchen, aber das ist nur meine Meinung.

Fazit

Alles in Allem ist The Cursed Crusade aus dem Hause Atlus allerdings ein echter Überraschungshit. Das Gameplay ist flüssig, die etwas zu oft eingesetzten Cutscenes trüben den Speilspaß nur unwesentlich. Eine gute Story wechselt sich mit actionreichen Sequenzen ab, die in sich sehr unterschiedlich sind. Punktabzug gibt es für die grafischen Fehler und die mangelhafte Portierung auf die Microsoft-Konsole. Der Releasetermin von The Cursed Crusade wurde mehr als einmal nach hinten korrigiert – eine weitere Verschiebung hätte dem Spiel gut getan. Dennoch: 7 Stunden episches Mittelaltergemetzel mit toller Inszenierung sind drin. Überraschend gut!

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The Cursed Crusade was last modified: Oktober 24th, 2011 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.