Ist das jetzt echt schon fast acht Jahre her, dass Street Fighter IV das Licht der Welt erblickte? Ich werde wirklich alt. Auf der anderen Seite erinnere ich mich immer noch sehr gut an meine ersten Gehversuche im Genre der Beat-Em-Ups, auch wenn ich damals, mit zehn Jahren (also 1991), noch nicht wusste, dass Street Fighter II – seinerzeit noch auf dem SNES – dahingehend klassifiziert wurde.

Spaß ohne Controller

Damals waren meine Bemühungen, meinen besten Freund Sebastian in die Knie zu zwingen, auch eher auf Zufall gebaut, mehr als die üblichen Ryu-Spezialmoves konnte in meinem Freundeskreis niemand. Nur Sebastian, dessen Super Nintendo wir regelmäßig belagerten, wusste voll bescheid. Nicht nur spielte er offensichtlich mehr als wir anderen, er hatte auch einen (für Zehnjährige) faszinierenden Trick. Denn wenn er zu viel spielte, nahm ihm seine Mutter die Controller weg und sperrte sie in einen Schrank. Was sie nicht wusste: Die Konsole konnte auch ohne Eingabegerät betrieben werden, nur das Spielen war dann nicht möglich. Und so kam es, dass Sebastian stundenlang vor den Spieldemos saß, sich Bewegungsabläufe und Charakterdetails, wie Alter und Gewicht, einprägte und quasi so eine Art gottgleiches Wesen für uns wurde.

Die Zeiten sind hoffentlich jetzt vorüber. Nicht nur hoffe ich, dass Sebastian nicht immer noch vor dem Nintendo sitzt und Zahlen auswendig lernt, auch hoffe ich, dass er mittlerweile einen anständigen Job hat und schlechter im just erschienenen Street Fighter V ist als ich. Ich muss nämlich ehrlich zugeben, dass ich, seit die Prügelreihe in 3D erschien, etwas skeptisch war – erachtete ich doch Street Fighter II als höchstes der Gefühle. Besser konnte ein Beat-Em-Up nicht werden. Klar habe ich hier und da mal Hand an einen Controller gelegt, aber die Leidenschaft und die Hingabe, wie sie mein zehnjähriges Ich erlebte, kam nie wieder auf.

Round V! FIGHT!

Ich liebe alle Arten von Prügelspielen. Ob das jetzt ein Marvel vs Capcom war, ein Injustice oder ein Tekken – großartig! Einziges Manko: Ich bin nicht wirklich gut in solchen Games. Mein erster Start in Street Fighter V wäre am besten von einem Sitcom-Publikum begleitet worden, das sich vor Lachen ob meiner jämmerlichen Versuche, einen anständigen Treffer zu landen, weggeschmissen hätte. Dabei hatte ich innerlich schon gejubelt, weil das Tutorial, das mir meinen Lieblingscharakter Ryu vorgab, das Einfachste der Welt werden würde. Denn was hier abgefragt wird, ist selbst für ein Fighter-Greenhorn wie mich fast lächerlich. Denn das eigentliche Kampfsystem und die Neuerungen, die SFV mit sich bringt, werden hier nicht im Ansatz erklärt. Hinzu kommt, dass ich ein ernstzunehmendes CPU-Match vergeblich suche, da Capcom den Fighter als reines Onlinespiel behandelt. Sprich: Ich darf mich zwar durch das Tutorial boxen, werde dann aber ins kalte Wasser geworfen und muss mich online vernichten lassen.

Sicher, die Street-Fighter-Community scheint eine der stärksten (wenn nicht sogar die stärkste) aller Beat-Em-Ups zu sein. Durch seinen Rang als angesehenes Kompetitiv-Wettbewerbsspiel gibt es hier mehr Profis, als irgendwo anders. Und selbstverständlich finden die eine tiefere Einführung fast so lächerlich, wie ich das eben erwähnte Tutorial. Aber wieso kann ich nicht gegen den Computer spielen? Bei FIFA klappt das doch auch? Naja. Vielleicht wird das ja nachgereicht, denn Street Fighter V kommt in kleinen Dosen nach Hause, das hat Capcom schon versprochen. So erhält der Titel nämlich im März tägliche Herausforderungen, im Mai einen Challenge-Mode, und nach und nach Bonuskämpfer. Das Besondere hierbei ist, dass der Baukasten nach und nach „kostenlos“ komplettiert werden soll. „Kostenlos“ deswegen in Anführungsstrichen, weil Capcom ein internes Bezahlsystem ausgeklügelt hat. So bekommt man Ingame-Währung, wenn man spielt, die man dann gegen Content eintauschen kann. Wer nicht viel spielt und lieber nur die Inhalte besitzt, um dann zu spielen, der kann sich Ingame-Credits für Echtgeld kaufen. Bis dahin, also März 2016, bleibt der Online-Shop allerdings noch geschlossen und fristet als ausgegrauter Menüpunkt seinem Dasein.

Online, schmonline

Zum Start waren die Server nicht in der Lage, meine Verbindung länger als zwei Minuten aufrecht zu erhalten, wobei die zwei Minuten schon lang waren. Das ist aber leider mittlerweile normal, weswegen ich noch keinen Schreikrampf bekam. So konnte ich nämlich die Zeit nutzen, um die einzige Möglichkeit, ein bisschen Aufregung in mein neues Leben als Straßenkämpfer zu bringen, zu packen, und die „Story“ zu spielen. Zwar darf ich hier gegen den Computer kämpfen, allerdings ist die „Story“ der 16 Kämpfer auf jeweils zwei bis vier Kämpfe beschränkt, und der Computer spielt wie ein blindes Makoäffchen. Außerdem merke ich, nachdem ich alle Kämpfe bestritten habe, dass ich eigentlich Erfahrungspunkte dafür hätte bekommen sollen, was aber nicht möglich ist, weil ich mich nicht zu den Servern verbinden kann. Hasskrawatte. Aber, wie gesagt, das ist normal – und wer bei Release schon spielen möchte, ist heutzutage ja leider selbst schuld. Mittlerweile hat sich das mit den Server eingerenkt, und man kann auch vernünftig online spielen. Ein richtiger Storymodus, mit allem Schischi kommt im Juni 2016, bis dahin kann ich auch ordentlich online trainieren und/oder mir den Arsch versohlen lassen.

Schluss mit dem Gemeckere.

Denn bei allem Gemeckere über die Serverprobleme und das lausige Tutorial, ist Street Fighter V, wie zu erwarten war, ein hervorragendes Spiel. Wirklich großartig. Nicht umsonst ist der Prügler die Referenz in Sachen Kampfspiele und wurde sehnsüchtig von Fans aus aller Herren Länder erwartet. Denn das, was Capcom hier abliefert, ist unglaublich ausbalanciert und responsiv – Vor dem Hintergrund eines Wettkampfes ist das auch absolut empfehlenswert. Die Kämpfer sind in sich unglaublich unterschiedlich, da sollte wirklich jeder Playstyle bedient werden. Ich z.B. war ja immer ein Ryu-Typ. Klar, jeder liebt Ryu, aber das wilde Herumstochern in der Kämpferauswahl, hat mir eine neue Lieblingsfigur beschert: Rashid. Nicht nur ist sein Theme allererste Sahne (siehe Video), der Kerl spielt sich auch unglaublich flüssig und scheint, in meiner Findungsphase, erstmal der perfekte Charakter für mich zu sein. Zumindest im anspruchslosen Story-Mode habe ich einige Tricks drauf, die mir das Leben erleichtern. Auch im lokalen Kampf auf der heimischen Couch (dieser Modus wurde zum Glück nicht weggekürzt) konnte ich mit Rashid die meisten Siege einfangen.

Oh, zum Thema „Themes“: Wow! Da hat Capcom auch wieder tief in die Trickkiste gegriffen, altbekannte Tunes in neuem Gewand und bisher unbekannte Songs neuer Figuren ergeben ein stimmiges, zum Teil überraschend rockiges Bild. Als Fan von Gitarrenmusik überzeugen mich die händisch eingespielten Melodien und kräftigen Drumsounds voll und ganz. Ein solches Feature ist leider nicht selbstvertständlich, obschon es die Integration „seines“ Spiels in den Alltag erleichtert. Der OST von Street Fighter V ist einer, den man auch getrost im Büro auf den Ohren ballern lassen kann. Just, als ich diese Zeilen schreibe, frickelt sich der Gitarrist im Ken-Theme durch das geniale Solo. Super!

V-System: Rise Up!

Street Fighter V ist vollgepackt mit Neuerungen. Vor allem setzt das Beat-Em-Up wieder auf Altbewährtes, nämlich die Riege aus acht der 16 Kämpfer, die wir bereits aus dem vorangegangen Teil der Serie kennen und vier Kämpfer, die lange Zeit verschollen schienen, bilden mit den vier vollkommen neuen Kämpfern eine ausgewogene Charakterauswahl. Zusammen mit dem V-System, welches das Ultra-System aus Street Fighter IV ersetzt, feuert das Gamedesign-Department aus allen Rohren. Denn bevor die für jeden Kämpfer einzigartigen V-Angriffe, die benötigt werden, um V-Spezialangriffe auslösen zu können. Dies macht die Kämpfe um einiges unberechenbarer und spannender, und zwar für beide Seiten. Dafür sorgen auch die Überarbeitungen, die altbekannte Kämpfer erfahren haben. Vega zum Beispiel. Der spanische, selbstverliebte Matador kann jetzt mit oder ohne seine Klaue kämpfen. Mit Krallenhand sind die Angriffe zwar langsamer, verursachen aber mehr Schaden und erhöhen die Reichweite seiner Schläge. Ohne die Klaue agiert er wesentlich schneller, kann andere Combos nutzen und ist auf geringere Distanz deutlich gefährlicher.

Die Attacken des blonden Nash beispielsweise wurden von zeitintensiven Charge-Attacken zu flinken Bewegungsabläufen umgewandelt, was ihn unerwartet von einem reaktiven zu einem aktiven Charakter transformiert. Er muss nicht erst die Schläge des Gegners abwarten und blocken, um dann mit Spezialmoves zu kontern, sondern kann sofort angreifen, ähnlich wie damals Ryu oder Ken. Diese Variabilität sorgt dafür, dass kein Match dem anderen gleich und jeder Spieler noch härter für seine Rolle trainieren muss.

Starke Angriffe sind wesentlich riskanter geworden, und ein Block hält längst nicht jedem Angriff stand. Somit ist es wichtig, dass man den Gegner lesen kann und seine Angriffe antizipiert. Eine Fähigkeit, die unter Profispielern selbstverständlich ist, im heimischen Wohnzimmer selbstverständlich nicht. Aber auch unerfahrene (und sogar unerfahrenere Spieler als ich!) haben schnell den neuen Rhythmus des Blocken und Angreifens raus. Feinheiten, die die neue Version des Titels so besonders machen, die Liebe zum Details ist hier deutlich zu erkennen.

Die neuen Figuren, beispielsweise mein Liebling Rashid oder die brasilianische Laura, bieten eine ausgewogene Ergänzung zu bekannten Inhalten. Normalerweise sind neue Charaktere in Spielen, vor allem Prügelspielen und MOBAs, oft nicht besonders ausbalanciert. Doch da, wo normalerweise Lücken entstehen und Reibungen am Originalcontent spürbar sind, fügen sich die Neulinge nahtlos in das Roster ein. Bei vorangegangenen Street-Fighter-Spielen hatte ich nie große Lust, jemand anderen, als meinen Liebling (damals, wir erinnern uns, Ryu) zu spielen. Aber das aufgebohrte Kampfsystem und die unglaubliche Wandlungsfähigkeit vieler einzigartiger Kämpfer, hat mich lächelnd alle Figuren durchprobieren lassen.

Über den Artstyle der Serie kann man sich streiten. Während Teil 2 noch halbwegs realistische Körperproportionen der Figuren darstellte, wandelten sich die Kämpfer ab dem dritten Teil der Reihe in deformierte Muskel- und Brustberge, die kaum eine Ähnlichkeit mit ihrem Animekonterfeit haben. Davon mal abgesehen, zaubert Capcom hier wunderhübsche wasserfarbenartige Grafiken auf den Bildschirm. Besonders die Critical Arts, die ca drei bis fünf Sekunden dauern, einfach durchzuführen sind und dem Spieler das wirklich gute Gefühl geben, es dem Gegner ordentlich gezeigt zu haben, sind wun-der-hübsch! Lediglich die dunklen Bereiche der Spielerfiguren flimmern merkwürdig, fast so, als wären wir wieder bei 16-Bit-3D-Grafiken angekommen, deren Transparenzen gedithert dargestellt werden. Die Ps4 ruckelt an keiner Stelle, sämtliche Bewegungen werden subito umgesetzt, was dem Spiel natürlich zu Gute kommt. Die Ladezeiten im Vorfeld sind unverhältnismäßig hoch, besonders in Relation mit der letztendlichen Dauer des eigentlichen Kampfes, aber das ist ein Problem, das man sicher noch in den Griff bekommen kann.

Fazit: Kaufen, prügeln, freuen!

Ich nehme an, dass Street Fighter V seine Kinderkrankheiten alle sehr bald abgelegt haben wird, und spätestens wenn die neuen Inhalte kommen, stimmt auch das Drumrum. Denn im Inneren ist das Teil ein großartiges Spiel. Von den Spielmechaniken der fortschrittlichste und am besten spielbare Prügler überhaupt. Vielleicht hätte ein weiterer Monat im Brutkasten dem Ding ganz gut getan, umso besser, dass Capcom ihr Baby gut behandelt und spätestens Mitte des Jahres ein vollwertiges Spiel vorzuzeigen hat, das nicht nur den leckeren Schokokern, sondern auch die Eiscreme drumherum im Becher mitbringt. Bis das soweit ist, lasse ich mir online noch ein paar auf die Glocke geben. Für Prügelfans ein Pflichtkauf (exklusiv für PC und PS4!). Oh, und die alten PS3-Fightsticks werden auch unterstützt!

Hadouken!

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Street Fighter V was last modified: Februar 23rd, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.