Steep war ja eines dieser Spiele, die mich zunächst (Wortspiel beabsichtigt) absolut kalt gelassen haben. Ein Open-World-Online-Sportspiel ist eigentlich nichts, was mich hinter dem Ofen hervorlockt. Als ich dann aber auf der Ubisoft Fantastic Xmas Tour dieses Jahr endlich mal den Mut fasste, und die dort spielbare Demo anspielte, war klar, dass ich das Ding unbedingt haben muss. Und nach der Open Beta Ende November blieb kein Zweifel mehr, dass Steep ein Titel werden würde, der mir die kalten Monate etwas versüßen würde.

Grundsätzlich bin ich ja kein Freund von Sportspielen. Die obligatorische Runde FIFA, Madden oder NHL lasse ich mir natürlich nicht entgehen, aber sobald Hipster-Kram, verpackt in Snowboardfashion mit witzigen Sprüchen und Neonfarben auf den Plan treten, nehme ich die Beine in die Hand. So ähnlich wie beim Ubisoft-eigenen Watch_Dogs 2. Aber auch hier lag ich völlig daneben, was ja eigentlich sonst nie (nie nie nie) passiert.

Geschwindigkeit im Tiefschnee

Denn Steep haut einiges raus. Das Grundfeeling erinnert an Klassiker wie 1080° Snowboarding und SSX, allerdings mit einem wesentlich simulationsartigen Touch. Kein Raketenantrieb, keine absolut lächerlichen Moves, vielmehr wird hier ein Lebensgefühl vermittelt. Die Jagd nach Fame, Fans und den besten Abfahrtspisten sind die Faktoren, die den Spieler dazu animieren sollen, weiterzuspielen. Das klappt nur so mittelmäßig, denn wirklich erklärt wird das Scouting im Spiel nicht und wird somit zu keinem wirklichen Gameplayelement. Denn den meisten Spaß machen die tatsächlichen Abfahrten. Einfach das Snowboard unter die Füße schnallen und von jeder beliebigen Stelle in der offenen Welt lossausen, die Geschwindigkeit genießen, ein, zwei Tricks machen. Wer will da schon stehenbleiben und die Gegend per Fernglas absuchen?

Wer genug hat vom sinnfreien Umherdüsen, der kann sich in den vielen Challenges und Rennen messen, die überall im riesigen Schneegebiet rund um den Mont Blanc verteilt sind, und zu denen man ohne jegliche Ladezeiten blitzreisen kann. Das ist mehr als erstaunlich, denn die Landschaft ist nichts, was man grundsätzlich „langweilig“ nennen würde. Schneebedeckte Bäume, Schneehütten, verschneite Hänge, das ist alles selbst bei der schnellsten Abfahrt noch hübsch.

Das Mittel der Wahl

Das Besondere an Steep ist, dass man sich das Gerät, das man zum Meistern der jeweiligen Challenge benutzen möchte, selbst aussuchen kann. Zumindest, was die Abfahrten angeht, denn man kann im Spiel jederzeit zwischen Skiern, Snowboard, Fallschirm und Wingsuit wechseln. Entsprechend sind die Events aufgebaut: Rennen, Trickpunktejagd, Paragliding-Zeitrennen, Wingsuit-Challenges… Alles in Allem bekommt man hier ein homogenes Potpourri aus allem, worauf Schneehipster so stehen.

Wer mehr machen möchte, als nur den Stick seines Controllers nach vorne zu drücken, um Geschwindigkeit aufzubauen, der kann seine Abfahrt mit etwas Style garnieren und ein paar Tricks machen. Die Steuerung hier ist aber sehr gewöhnungsbedürftig und gerade Anfänger werden Probleme haben, Flips, Turns und Grabs zu landen. Denn hier muss der perfekte Absprungpunkt gefunden werden, damit man überhaupt Airtime bekommt, mal davon abgesehen, dass die Bedienung der jeweiligen Tricks zum Teil zu einem Glücksspiel wird, wenn man anfängt, einfach panisch wild irgendwelche Knöpfe zu drücken. Aber das ist alles eine Frage der Gewöhnung, die leider viel zu lange dauert und bei oben genannten Genrekollegen wesentlich besser und intuitiver funktioniert.

Ungeliebtes Multiplayer-Steepkind

Ein Problem, das viele Titel haben, die als Prämissengerüst den Multiplayerpart hervorheben ist, dass viele Features gar nicht genutzt werden. Als Paradebeispiel aus jüngster Zeit ziehe ich gerne Ubisofts Eagle Flight heran. Hier verwaist der Mehrspielermodus seit Release. Dieser gehört zwar in Steep zum Pflichtteil – ähnlich wie The Crew es vormacht – wird aber nach meiner Erfahrung kaum in Beschlag genommen. So kann man sich mit Spielern in der Nähe zusammenrotten und gemeinsam die Skipisten unsicher machen. Hier bekommt man aber weder Einladungen noch werden Einladungen an andere Snowboarder angenommen. Ich möchte gar nicht wissen, wie verwaist die digitalen Pisten im Januar aussehen werden. Die Schnellebigkeit heutiger Titel, die sich eher im Nischensegment bewegen und nicht unbedingt „Battlefield“ oder „Call of Duty“ auf dem Cover stehen haben, verursachen diesen Umstand. Im Gegenzug bedeutet das, dass ich das Spiel schnellstmöglich auf Platin (PS4) bringen sollte um die ganzen Multiplayer-Trophies schaffen zu können.

Fazit

Spaß macht das Ganze aber allemal. Und grafisch wird hier ein kleines Highlight geboten. Steep sieht einfach atemberaubend aus, die dynamischen Tag- und Nachtszenerien, die man individuell für sich selbst bestimmen kann, zaubern wunderbare Farben in die ansonsten überwiegen weiße Landschaft. Die Rennen sind schwierig genug um herausfordernd zu sein, kratzen aber zu keinem Zeitpunkt an meiner Frustrationsgrenze, da dem Spieler gänzlich selbst überlassen bleibt, welchen Weg durch die schneebedeckte Landschaft er als seinen optimalen auserwählt. Das verschafft Neuversuchen eine neue Tiefe und macht jedes Rennen einzigartig. Auch die ein oder andere unfreiwillig witzige Überraschung ist dort vorprogrammiert, wenn die Schlucht plötzlich eine unerwartete Kurve bereithält. Wintersportenthusiasten sollten wahrscheinlich schnellstmöglich zugreifen, wer schon genug mit dem Vorweihnachtsprogramm der Publisher zu tun hat, kann Steep erstmal im Regal stehen lassen. Zwar wird man später bestimmt gänzlich alleine auf der Strecke sein, aber das ist ja auch nicht verkehrt. Virtuelle Nebensaison, sozusagen.

Steep gibt es hier zu kaufen.

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Steep was last modified: Dezember 5th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.