Mit Vorbildern wie „Apocalypse Now“ begibt sich ein deutsches Entwicklerstudio auf eine Anti-Kriegsreise durch ein zerstörtes Dubai.

„Anti-Kriegsszenarien“ – ein leidiges und zurecht totdiskutiertes Thema. Meines Erachtens nach gibt es ja so etwas gar nicht, da Krieg eben Krieg bleibt. Und so ist selbst der kritischste Anti-Kriegsfilm immer noch ein Kriegsfilm. Und so ballert man sich auch in Spec Ops: The Line durch Soldatenmassen als gäbe es kein Morgen. Mit Vorbildern wie Apocalypse Now (1979) und dem Roman Herz der Finsternis von Joseph Conrad, geht der neue Titel der deutschen Spieleschmiede Yager einen relativ ungewöhnlichen Weg durch die Grauen des Krieges und des menschlichen Verstandes.

Aber erstmal alles auf Anfang.

Dubai, die prächtige Stadt mitten in der Wüste, liegt unter Tonnen von Sand begraben. Hier und da ragen noch einige Wolkenkratzer aus dem Boden, die wenigen Überlebenden eines verheerenden Sandsturms kämpfen ums Weiterüberleben. Colonel John Konrad (man beachte die offensichtliche Verbindung zum Namen des Autors der Romanvorlage) und sein Battalion wurde damit beauftragt, Dubai zu evakuieren. Dies ist allerdings nie passiert, lediglich ein letzter Funkspruch ereilt die Militärbasis: Die Evakuierung war ein Fehlschlag.

Und hier kommt der Spieler ins… naja.. Spiel halt. Eine Hubschrauberjagd durch sandige Häuserschluchten mit anschließendem Absturz stellt den Beginn des dreiköpfigen Teams, das die fehlgeschlagene Evakuierung unter die Lupe nehmen soll, dar (dies ist eine Szene aus dem letzten Drittel des Spiels, die hier vorweg genommen wird). Der Spieler schlüpft nun in die Haut von Captain Walker, dem Anführer der kleinen Truppe, die nun unspektakulär durch die Wüste stampft und beginnt, das Gebiet zu erkunden. Klingt bisher alles andere als aufregend – da stellt sich also die Frage:

Was macht das Spiel so besonders?

Eine wahrlich schwierige Frage. Das Spiel an sich nagt am unteren Durchschnitt – ein generischer Third-Person-Shooter mit mittelmäßiger Grafik, ständig nachladenden Texturen und sich immer wiederholenden Phrasen, die das Kampfgeschehen kommentieren. Nichts Besonderes; Das typische „von-Deckung-zu-Deckung hechten und ab und zu Kopfschüsse verteilen“-Spiel lässt den Gegner nicht einmal mit anständigem Trefferfeedback reagieren. Die Animationen hakelig und alles andere als flüssig, der Multiplayer langweilig – warum sollte man sich aus der Masse der Third-Person-Ballerspiele ausgerechnet Spec Ops: The Line aussuchen?

Das Geheimnis liegt in der Story. Zwar findet man hier auch Parallelen zu anderen Spielen (Beispiel: Call of Duty: Black Ops), dennoch erzählt das Spiel eine außergewöhnliche Geschichte und feuert Kriegsklischees auf den Spieler wie der Spieler Kugeln auf Bösewichte. Folter, Hinrichtung, Tötung von Zivilisten, innere Dämonen und Zwist innerhalb der Gruppe sind hier an der Tagesordnung, ob nun selbstverschuldet oder nicht. Im Laufe des Spiels kann man einige Entscheidungen fällen, die allerdings – und das ist ein großer Malus, der auf die Negativseite kommt – bis auf eine Ausnahme keinerlei Auswirkungen auf den weiteren Spielverlauf haben. Letztlich passiert, was passieren muss.

Von Dünen und Dämonen

Linearität ist ohnehin ein Makel von Spec Ops: The Line. Sämtliche Level führen schlauchförmig von Cutscene zu Cutscene, wenigstens unterscheiden sich die einzelnen Abschnitte enorm voneinander. Das Setting der Luxusstadt erlaubte es den Machern, beliebig viele unterschiedliche Umgebungen zu kreieren und diese sogar sinnvoll miteinander zu verknüpfen.

In Dubai gibt es nichts was es nicht gibt; Slums, prächtige Paläste, Hochhausdächer und unterirdische Wochenmärkte. Bei aller Varianz wirkt trotzdem alles wie aus einem Guss, besonders die Farbgebung bei Tag-/Nachtwechseln und bei starkem Gegenlicht ist ein Alleinstellungsmerkmal des Spiels. In Sachen Atmosphäre haben die Jungs von Yager hier ganze Arbeit geleistet, waren sie doch sogar selbst vor Ort und haben sich die Kampfschauplätze angeschaut um den größtmöglichen Grad an Realismus aus dem Leveldesign herauszupressen.

Spec Ops: The Line entführt den Spieler in eine dystopische Metropole, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Ein Stadt inmitten einer riesigen Wüste die dem Untergang geweiht ist und die Natur als größten Feind hat. Die von Zeit zu Zeit auftretenden Sandstürme machen dabei das Leben noch schwerer als es der Sand, der sich langsam den Weg durch jede Ritze bahnt, ohnehin schon tut.

Dabei geht nicht nur die Infrastruktur zu Bruch. Auch merkt man Captain Walker, dem Hauptcharakter, seinen eigenen Zerfall merklich an – innerlich wie äußerlich. Die Entscheidungen, die er als Anführer zu treffen hat, nagen an seinem Selbstvertrauen, seinem Verstand und seiner Fähigkeit, Situationen klar einzuschätzen. So wird innerhalb der Gruppe der Ton schroffer; Freundschaften existieren hier nicht. Es werden nur Befehle befolgt. So muss Walker nicht nur gegen eine Vielzahl von moorhuhnartig in die Kampfzonen strömende Soldaten kämpfen, auch seine inneren Dämonen machen dem Soldaten schwer zu schaffen.

Was bleibt hängen?

Dabei hakt die Erzählweise ein wenig zu sehr. Es ist nicht ganz klar, was jetzt eigentlich los ist. Es scheint, als würden hier nur zufällige Ereignisse aneinandergereiht, die am Ende im großen Knall enden (der leider etwas erzwungen wirkt). Beim zweiten Durchspielen (sollte mal definitiv machen) erkennt man einen tieferen Sinn in allem und schmunzelt – ob der tragischen Geschehnisse – heimlich in sich hinein.

Einige wenige Szenen bleiben dem Spieler auch nach Ausschalten der Konsole / des PCs im Gedächtnis und werden unausweichlich mit dem Namen Spec Ops verknüpft (Wer es gespielt hat, weiß welche Szenen ich meine). Damit haben die Entwickler ihr Zeil klar erfüllt und dürfen sich selbst anerkennend auf die Schulter klopfen.

Ich würde einen Nachfolger gerne anstelle der Unreal-3-Engine in der Frostbyte-2-Engine realisiert sehen. Dazu ein überarbeitetes Kampfsystem und eine doppelt durchgecheckte Story… Ein Traum!

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Spec Ops: The Line was last modified: Juli 17th, 2012 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.