Das Spiel mit dem dümmsten deutschen Namen 2017 ist endlich da. Lange, lange Zeit habe ich auf die Fortsetzung des RPG-Krachers aus dem Jahre 2014 gewartet. Die Promo-Aktion für  „South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe“ läuft dabei schon eine ganze Weile und konnte meinen Hype auf das Spiel fast konstant aufrecht erhalten. Nachdem ich auf der gamescom 2016 bereits einmal probespielen durfte, war ich bereits letzten Sommer bereit, das humoristische Rollenspiel durchzuspielen (hier geht es zu meinen Erlebnissen. Nosulus Rift, ho!).

Superhelden statt Tolkien

Nachdem die Clique rund um Cartman, Stan, Kyle, Kenny und „The new Kid“ ihr Mittelalter-Fantasy-LARP zu einem Ende gebracht haben, steht der neueste Trend ins Haus: Superhelden. Zwei rivalisierende Franchises, Coon and Friends und die Freedom Pals stehen dabei in direkter Konkurrenz. Jedes möchte seinen Ruhm auf den eines Marvel Cinematic Universe steigern und tut dafür, was eben notwendig ist. Coon and Friends beschließen, eine vermisste Katze zu finden um mit dem Finderlohn die Initialinvestition für ihr Comicheldenimperium aufbringen zu können. „Der Neue“, in dessen stumme Rolle der Spieler auch in „Die rektakuläre Zerreißprobe“ schlüpft, ist dabei die Schlüsselfigur. Denn er hat als einziger tatsächliche Superkräfte, und die haben es in sich. In gewohnter South Park-Manier kann der Protagonist nämlich die stärksten Fürze entfesseln und damit sogar die Zeit umkehren, anhalten oder vorspulen.

Dadurch können die Kämpfe, die im neuesten Teil der RPG-Reihe ordentlich aufgebohrt wurden, eine unterwartete Wendung nehmen. Während die Charaktere in „Der Stab der Wahrheit“ nur starr auf der Stelle standen und von dort aus ihre Attacken auf die Gegner losließen, können sie sich in „Die rektakuläre Zerreißprobe“ im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf dem Schlachtfeld bewegen. Ihre Attacken sind nun zielgerichtet und können nur auf bestimmte Felder, abhängig von der jeweiligen Attacke ausgeführt werden. Welche Attacken der Protagonist auf seine Gegner entfesseln kann, hängt davon ab, auf welche Kampfklassen er sich spezialisiert hat. Martial Arts-Fighter, Elementarmagier, Tank, Cyborg… Die Liste der Spezialisierungen ist lang, wie einzelnen Angriffe werden vor der Wahl aber leider nicht wirklich erklärt, so dass man hier leider böse Überraschungen erleben kann. Die Balance wird hier durch Doppelspezialisierungen und die Partymitglieder erst später im Spiel wieder hergestellt. Denn „Die rektakuläre Zerreißprobe“ lässt den Spieler seine gewählte Spezialisierung nur rudimentär einsehen und erst nach der Auswahl tatsächlich spielen. Das machen dann die unterschiedlich geskillten Partymitglieder, von denen insgesamt drei in der Gruppe sein dürfen, dann wieder gut.

Dauert der Kampf lange genug, wird eine ultimative Attacke freigeschaltet, die je nach Charakterklasse oder Begleitcharakter einen anderen Angriff hervorruft. Dieser wird stets von einer Animationssequenz begleitet, die man in diesem Ausmaße sonst fast nur von Final Fantasy-Spielen kennt.

Furzen bis die Zeit zerbricht

Und so entwickelt sich der Protagonist im Laufe des Spiels immer weiter. Er levelt auf, lernt neue Skills schaltet Artefakt-Plätze frei (die dann mit verstärkenden Items belegt werden können) und kann sich später sogar für ein Geschlecht entscheiden. Doch keine Entscheidung bleibt ohne Konsequenzen. Denn Matt Stone und Trey Parker, die Macher von South Park-Spiel und -Serie können einfach nicht anders, um wirklich alles durch den Kakao zu ziehen. South Park steht seit mittlerweile zwei Jahrzehnten für Satire, und auch im Jahre 2017 als interaktives Videospiel rauscht hier eine Pointe nach der anderen über den Bildschirm. Allerdings ist South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe wesentlich zahmer als der erste Teil. Während Teil eins noch mit Analsonden, Nazi-Zombies und Abtreibungen bei männlichen Charakteren die Selbstzensur in Europa auf die Spitze trieb, kann der Nachfolge vollkommen ungeschnitten (USK: ab 16 Jahren)  in deutschen Gefilden erscheinen. Lediglich zum Ende hin wird es etwas eklig, der Hauptteil wird aber bestimmt durch Gesellschaftskritik und Pupswitzchen.

Leider hat das Rollenspiel bei mir gegen Ende hin extrem gebuggt. Tote Teammitglieder nehmen am Kampfgeschehen teil während andere Teammitglieder fälschlicherweise gänzlich aus dem Fight entfernt wurden. Dafür, dass sonst alles reibungslos lief, die Framerate konstant in grünen Bereich liegt und das Teil gestochen scharf aussieht, darf man darüber eigentlich kaum meckern. Natürlich muss man beim Spielen damit rechnen, dass der ein oder andere Fehler auftritt, diese waren aber allesamt nicht kriegsentscheidend, selbst auf der schwierigsten Stufe kommt man auch locker mit einem Teammitglied weniger aus.

Super-Sammelwut

Eines der umfassendsten Features von South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe sind die Kostüme. in der großen Spielwelt, die die des Vorgängers winzig wirken lässt, sind Unmengen an Kopfbedeckungen, Oberteilen, Handschuhen, Bärten und Frisuren verteilt, die man nach Belieben miteinander kombinieren kann. Diese wirken sich, anders als in Der Stab der Wahrheit allerdings nicht auf die Stats unseres Charakters aus, sondern dienen nur der optischen Aufwertung. Somit wird vermieden, dass der Spieler sich nicht in seiner virtuellen Haut unwohl fühlt  und sein Aussehen nicht von seinen Werten abhängig macht, wie es normalerweise in Rollenspielen der Fall ist. Diese Kleidungsstücke und viele, viele andere Items und Collectibles sind an den abgelegensten Orten versteckt. Wer wirklich alles finden und somit auf der PS4 seine Platintrophäe einheimsen möchte, der braucht insgesamt 18 – 20 Spielstunden. Das beinhaltet die gesamte Story und alle Collectibles und Missionen. Wer stur die Kampagne durchspielt, wird um einiges schneller sein, wird allerdings auch einige Probleme bekommen, weil er unter Umständen unterpowert ist.

Zwar konnte Ubisoft die deutschen Sprecher zur Synchronisation gewinnen, allerdings sind diese (schon seit 20 Jahren) dermaßen schlecht, so dass man beim Spiel (genau wie bei der Serie) im O-Ton, der ganz einfach eingestellt werden kann, wesentlich besser dran ist. Soweit ich mich erinnern kann, kam der Vorgänger mit Zwangs-Englisch daher, korrigiert mich bitte falls ich falsch liege. Spätestens, wenn ich den mitgelieferten Code für die PS4-Fassung von Der Stab der Wahrheit einlöse und mich wieder in mittelalterliche Kämpfe stürzen kann, kann ich mich dann an dieser Stelle korrigieren. Das mit dem Code ist übrigens super-duper-erste-Sahne! Großes Lob!

Fazit

South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe fängt die Atmosphäre der TV-Serie gekonnt ein und bleibt von Anfang bis Ende unlogisch aber spannend. Das neue Kampfsystem sorgt für etwas mehr Spieltiefe und hebt die Spieleserie auf ein neues Level, wobei die Speicherstände hier immer mehr als fair gesetzt werden. Dieses Spiel kann wirklich jeder durchspielen. Leider wagen die Macher hier nicht so viel wie im Vorgänger, können aber so sicherlich ein breiteres Publikum ansprechen. Dafür spricht auch die 16er-Wertung. Das Missionsdesign ist nicht besonders abwechslungsreich, dafür erfindet sich das Drumrum jedes Mal neu und setzt die verschiedenen Missionen in immer neuen Kontext, was auch die Kampfsituationen einschließt. Wer es noch nicht gemacht hat, sollte den ersten Teil nachholen und sich erst dann in den Serienneuling stürzen, aber auch, wer den Vorgänger nicht gespielt hat, wird hier sehr viel Spaß haben. Man muss nicht mal South Park-Fan sein, um Die rektakuläre Zerreißprobe zu mögen.

Ehrlich, kauft euch das Teil.
(Oder spielt die Demo.)

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South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe was last modified: Oktober 25th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.