Ihr müsst jetzt ganz stark sein und eure Vorstellungskraft voll einsetzen. Stellt euch vor, wie ich, als Zehnjähriger (ohne Bart und ohne Plauze) im Jahre 1991 bei meinem besten Freund im Hornhaut-Umbrafarben gekachelten Partykeller auf einer ranzigen, ausrangierten Ledercouch sitze und mit wachsender Begeisterung auf die flimmernde Röhre vor mir starre. Denn mein bester Freund war, im Gegensatz zu mir, im Besitz eines SEGA Medadrives. Das ist diese schwarze Kiste mit den Croissant-förmigen Controllern, ihr wisst schon. Damals war Sonic The Hedgehog der heiße Shit. Das nannten wir damals nicht so, sondern sagten dazu „geil!“. 1991 hat man halt noch „geil!“ gesagt. Im Jahre 2001 wäre das Spiel wohl „voll fett!“ gewesen und 2017 wahrscheinlich „NAIS!“ oder so.

Nach dem ersten Sonic-Teil folgte dann irgendwann der zweite, und dann irgendwann der dritte. Und Sonic & Knuckles. Was zwischen diesem Teil und dem heutigen Tag mit der Marke „Sonic“ passierte, weiß ich nicht genau. Da ist irgendwie nur grauer Nebel in meiner Erinnerung; das muss ich wohl alles aus meinem Gedächtnis gelöscht haben. Gut, dass SEGA nun bestätigt, dass Sonic sich niemals geändert hat, niemals dreidimensional wurde und auch niemals an irgendwelchen Olympischen Spielen teilgenommen hat, denn Sonic Mania steht in den digitalen Spieleregalen der Welt. Ein klassischer 2D-Plattformer in glorreichen 32 Bit, der mich beim Aufpoppen des Startbildschirms und der ersten Töne aus den Lautsprechern des Flachbildfernsehers wieder zehn Jahre alt sein lässt. Sicher, meine motorischen Fähigkeiten sind heute um einiges trainierter und mein Jump-n-Run-Muskelgedächtnis ist in Höchstform. Außerdem darf ich Sonic nun im eigenen Apartment auf der PlayStation 4 spielen und muss nicht mehr im muffigen Keller meines ehemals besten Freundes sitzen, der heute Oberlippenbart trägt und Spieleeinladungen auf Facebook verschickt. Pfui.

Um es nochmal mit aller Kraft zu unterstreichen: Sonic Mania ist kein HD-Remake. Keine „hochauflösenden Texturen“ oder sonstiger Mist (*hust*Fan-Remake*hust*). Das will schließlich keiner. Hinterher sieht die Chose dann aus wie der erste Teil des Monkey Island-Remasters. Doppel-Pfui, man möchte sich die Augen mit einem Löffel entfernen. Nein, im Gegenteil: Zwar bietet Sonic Mania feinste 60 Frames pro Sekunde in 4K und 16:9, allerdings ist alles immer noch genauso pixelig und vorgerendert wie 1991. Genauso klassisch der Levelaufbau: Zwei Akte müssen pro Welt bewältigt werden, von denen es insgesamt zwölf Stück gibt. Der erste ist dabei – abgesehen vom Endboss – eine Kopie aus der Originalversion, die zweite birgt immer einige Überraschungen. Zwar wird hier in der Regel die gewohnten Tilesets und Assets verwendet, es werden aber stets neue Gameplayelemente verbaut, die es früher™ in dieser Form noch nicht gab. Beispielsweise sind die neuen Bosse einfach großartig, abgesehen, wie immer, von einigen wenigen Ausnahmen.

Außerdem spendieren uns PagodaWest Games und Headcannon als entwickelnde Studios hier tolle Bonuslevel, die für Komplettionisten, die alle Chaos Emeralds wollen (und zu denen ich hier garantiert nicht gehöre) absolute Pflicht sind. Diese sind zum Teil 1:1 den Originalteilen entnommen, zum Teil an Sonic CD-Levels angelehnt, aber allesamt nicht minder fordernd als das Hauptspiel. Denn am Schwierigkeitsfaktor hat sich hier über die Jahre nichts geändert. Ich mag zwar ein besserer Spieler geworden sein, Sonic ist aber immer noch eine Spur härter als ich. Zum Glück gibt es Speicherstände, die mich, trotz Verwirken sämtlicher digitaler Leben des blauen Igels immer wieder an den Anfang des aktuellen Levels gehen lässt und mich nicht zwingt, wie es damals™ üblich war, immer wieder von vorne anzufangen. Ich erinnere mich noch genau, als ich, nach jahrelangem Intensivtraining, in Sonic 2 endlich im letzten Level war, und eines der Geschwisterkinder meines besten Freundes über die Mehrfachsteckdose stolperte, in der der Megadrive eingesteckt war.

Wer nicht nur Lust hat, die – ich nenne es mal „Kampagne“ – durchzuspielen, der kann sich in diversen anderen Modi sonicmäßig so richtig austoben. Der Duell-Modus lässt zwei Spieler per Splitscreen im Kampf um Ringe und die Bestzeit gegeneinander antreten. Wer lieber zusammen spielt, kann – kann im Gedenken an das großartige Sonic 2 – mit Sonic und Tails gleichzeitig in den Kampf ziehen, wobei der kleine Fuchs mit den zwei Schwänzen (gnihihi) lediglich ein Nebendarsteller ist. Ganz wie damals.

Während des gesamten Spiels plätschert ein wunderbarer Soundtrack aus den Boxen. Gewohnte, aufgefrischte Klänge vermischen sich mit gänzlich neuen Tunes und ergeben ein solides Gesamtkonzept, welches das Feeling des pixeligen Highspeed-Plattformers perfekt einfängt. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Wirklich großartig.

In Sonic Mania stimmt einfach alles. Tolle Level, tolle Grafik, toller Soundtrack. Alles läuft absolut flüssig und fast gänzlich ohne Ladezeiten. Der Spielspaß, der vor einem Vierteljahrhundert bereits absolute Referenz war, funktioniert auch heute noch ohne Abstriche, was vor allem dem Feintuning am Gameplay zu verdanken ist. Leider ist der Schwierigkeitsgrad relativ hoch, weswegen absolute Sonic-Neulinge vielleicht etwas Geduld mitbringen sollten, damit die Frustgrenze auf einem angenehmen Level bleibt. Alteingesessene Sonic-Maniacs können hier bedenkenlos zugreifen. Geil. Oder auch „NAIS!

Ober-absolute Kaufempfehlung!

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Sonic Mania was last modified: September 26th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.