Zieht die Köpfe ein – Es wird wieder scharf geschossen. Ist der jüngste Ableger der Reihe seinem Vorgänger überlegen?

Um die Antwort vorwegzunehmen: Ja, Sniper: Ghost Warrior 2 ist besser als der Vorgänger, was aber ehrlich gesagt nicht viel heißt, war jener Titel doch ein Absurdum in Sachen KI, Physik und Schwierigkeitsgrad. Klar, dass das Entwicklerstudio CI (City Interactive) da nachbessern musste und die Mängel ausmerzen wollte. Heraus kam GW2, mehr als nur ein Update des ersten Teils.

Singleplayer

Eine zu vernachlässigende Storyline mit allerhand bösen Buben, die es zu erledigen gilt, gepaart mit dem genretypischen Schleich- und Kopfschussgameplay ergibt eine überaus erträgliche Mischung. Das Problem: Ewig gleiche Missionsabläufe und eine kurze Spielzeit von ca. 5-6 Stunden pro Durchgang ist leider etwas mager. Zwar macht es irre Spaß, sich durch Büsche und dunkle Ecken zu schleichen, an seinem Campingplatz an der Spitze eines Berges oder im obersten Stockwerk eines Turmes anzugelangen und von dort aus Headshots ohne Ende zu verteilen, jedoch erlangt die Routine einen zu großen Stellenwert – von Abwechslung kaum eine Spur. Um dem Ganzen noch den Überraschungseffekt zu nehmen, ist (annähernd) immer ein „Spotter“ (oder ein entsprechendes Äquivalent) an unserer Seite, der uns detailliert sagt, was wir zu tun haben. „Erschieße den hier“, „Geh hier lang“.

Besonders hübsch: Die Waffenmodelle

Dafür haben die Mädels von CI einiges an der Physik gedreht. War der Vorgänger – wie eingangs erwähnt – ein kleines Desaster in Sachen Flugbahnberechnung, wird in Sniper: Ghost Warrior 2 so ziemlich alles mit einkalkuliert, was es einzukalkulieren gilt: Windgeschwindigkeit, Kugelgewicht, Erdrotation, Michaela Schaffraths IQ… Dass man per Zielhilfe allerdings genau den Aufschlagpunkt des Geschosses angezeigt bekommt (zumindest in den „leichteren“ Schwierigkeitsstufen), nimmt der Sache aber wieder etwas Großartigkeit. So sind Kopfschüsse über 1500 Meter Distanz fast blind zu bewältigen und bald türmen sich die Leichen fieser Schergen, die sich allesamt nicht sonderlich clever verhalten. Wenigstens spackt hier niemand durch die Wände wie bei anderen Spielen.

Daran hat wahrscheinlich die CryEngine3 Mitschuld. Obschon die Texturierung selbst auf höchster Einstellung (PC-Version)aussieht, als käme sie frisch aus dem Jahre 2001 und der Polycount gen Null zu fallen scheint, hauen die beeindruckenden Beleuchtungseffekte diesen Malus wieder raus. Auch die Bullet-Times, die man ja schon vom Genrekollegen Sniper Elite v2 kennt, machen einiges her, auch wenn wir hier nicht mit schmatzigen Endoskeletttrümmern rechnen können, sondern lediglich mit kleineren Blutfontänen in Zeitlupe.

Headshot voll ins Knie!

Reicht völlig aus, denn wo es an Blut und unnötiger Gewalt fehlt, durfte sich ein findiger Schreiberling an Dialogen auslassen, die man sonst nur aus dem Tele5-Abendprogramm kennt. Hier wird geflucht, was das Zeug hält und jedes stereotypische Armeeklischee wird von vorne bis hinten bedient. Dies mag mir anfangs noch das ein oder andere Lächeln abringen, nach Mission 3 driftet dieser Umstand allerdings leider etwas ins Lächerliche ab, zu gewollt ist die konzentrierte Streuung der Schimpfworte. Dabei fällt die mittelmäßige deutsche Synchro auf. Mittlerweile wohl leider zum Standard avanciert, labern die Sprecher ihre Lines nur halbherzig ins Studiomikrofon. Um ein authentischeres Feeling zu bekommen, sei jedem die Sprachumstellung ins englische Original empfohlen.

Multiplayer

Hat jemand den Gaskocher gesehen?

Hoffentlich hat jeder sein Zelt und seinen Schlafsack dabei, denn Camping ist im Multiplayerpart des Titels an der Tagesordnung. Folgendes Szenario: Zwei Häuserfronten, ca 100 Meter voneinander entfernt. Das Ziel: Punkte sammeln, in dem man dem gegnerischen Team Kugeln in die Polygonkörper jagt. Das Problem: Sonst ist nichts zu tun. Je nach Servereinstellung liegt man also zum Teil eine ganze Stunde pro Runde auf dem Bauch und versucht, einen unachtsamen Mitspieler dabei zu erwischen, wie er aus Versehen sein Köpflein ein wenig zu weit aus der Deckung herausragen lässt. Fehlende Aufgaben, wie z.B. das Sammeln von Gegenständen oder entschärfen einer Bombe lassen keinerlei offensives Gameplay zustande kommen, weswegen man sich oft ein wenig freut, endlich mal einen Gegenspieler zu Gesicht zu bekommen. Dafür ist das Erfolgserlebnis, einen Headshot landen zu können, entsprechend um einiges größer, als dies sonst der Fall ist.

Fazit

Es hätte so schön sein können – Endlich gescheite Scharfschützenaction im Multiplayer und abwechslungsreiche Kampagnenmissionen. Statt dessen ist Sniper: Ghost Warrior 2 ein etwas eintöniger Shooter, der zwar durchaus seine Daseinsberechtigung hat, aber über ein Mittelmaß nicht hinauskommt. Zu wenig Innovation und kaum Ideen, die jenseits des Tellerrandes in die Entwicklung einflossen machen zwar im Singleplayer-Modus kurzweilig Spaß, treffen im Mehrspielerabteil allerdings an ihre Grenzen und können das durchaus vorhandene Potential nicht wirklich ausreizen. Schade. Großer Trost: Der Titel ist ab Release nicht im Vollpreissegment angesiedelt. Der momentan schnelle Preisverfall lässt einen Kauf zu einem guten Kurs in greifbare Nähe rücken, wovon auch die Konsolenfassungen betroffen sein werden. Einsame Wölfe, die keinen großen Wert auf Online-Matches legen, dürfen getrost zugreifen.

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Sniper: Ghost Warrior 2 was last modified: April 6th, 2013 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.