Während man in Teil drei der Sniper Elite-Reihe noch Nazis in nordafrikanischen Gefilden zwischen die Beine geschossen hat, verschlägt Sniper Elite 4 den Spieler nach Italien. Das stiefelförmige Land ist im Jahre 1943 ebenso schön wie es gefährlich ist, weswegen sich das Überleben im nationalsozialistischen Revier als schwieriger gestaltet als ein Familienurlaub in der Toscana. Denn die Nazis haben eine neue Waffe entwickelt, die den Krieg zu Ungunsten der Alliierten entscheiden könnte. Grund genug für mich, ins stiefelförmige Land zu reisen und ordentlich Blei in deutsche Faschisten zu jagen.

Wenn du in Rom bist, töte ein paar Nazis

Sniper Elite III (hier geht’s zu unserem Review) ist mir noch sehr gut im Gedächtnis. Positiv gesehen. Denn Rebellion lieferte bereits 2014 ein absolutes Feuerwerk der Scharfschützenkunst. Und grundsätzlich hat sich daran nicht viel geändert, denn das Erfolgsrezept ist das gleiche wie vor zweieinhalb Jahren. So schleiche ich als Karl Fairburne erneut durchs Gestrüpp und mache deutschen Soldaten den Garaus. Wie man es von der Serie gewohnt ist, sind die Level wieder gigantisch groß und zeigen auf ihrer gesamten Fläche gleichzeitig Detailverliebtheit und Abwechslungsreichtum. Dabei kann das Wegfallen der Last-Gen-Konsolenunterstützung hier viel offenere Welten auf den Bildschirm zaubern. Keine Karte gleicht der nächsten, wodurch die äußeren Umstände und Möglichkeiten der Vorgehensweise von Level zu Level variieren.

Ein Beispiel: Während ich in der ersten Mission Nazioffiziere zur Strecke bringen muss und ein ländliches Hügelfeld inklusive kleiner Steinmauern und langer Strecken zu meinem Vorteil nutzen kann, wirft meine zweite Mission schon mehr Fragen auf. Ich muss die lokalen Widerstandskämpfer unterstützen, was im dicht bebauten Dorf mitsamt enger Gassen und dichter Vegetation gar nicht mal so einfach ist. Denn während das Scharfschützengewehr wirklich sehr komfortabel zu bedienen ist und auch mit dem Xbox One-Controller keinerlei Probleme macht, sind alle anderen Waffen der Alptraum eines jeden Snipers. Große Streuung, hoher Rückstoß, begrenzte Munition… Sniper Elite 4 belohnt die sneaky Vorgehensweise. Wer Gegner markiert, unentdeckt bleibt, Kopfschüsse verteilt, aus erhöhter Position angreift und möglichst seinen Schuss durch Umgebungsgeräusche übertönt, wird mit zusätzlichen Punkten belohnt. Außerdem können die KI-Gegner die Spielerposition, die bei unfähiger Spielweise durch Triangulation des Schussgeräusches, herausfinden. Und wenn das passiert, ist Italien offen. Das ist bei Fußtruppen schon kein Spaß, wenn aus allen Richtungen Blei um die digitalen Spielerohren fliegt. Wenn dann noch Geschütztürme und (ja, wirklich!) Panzer dazukommen, segnet man öfter als gewollt das Zeitliche.

Große Level, viele Aufgaben

Zwar hat man grundsätzlich in jedem Level eine Hauptaufgabe, die es zu beenden gilt, die einzelnen Spielabschnitte sind aber zudem mit vielen, vielen Nebenaufgaben gespickt. Diese sind über die gesamte Fläche verteilt, so dass man als Spieler getrost mehrere Stunden in einer Sektion verharren kann. Insgesamt gibt es acht Missionen, was bei einer Gesamtspielzeit von ungefähr 16 – 20 Stunden für einen unsauberen Durchgang resultiert. Unsauber heißt in diesem Fall, dass nicht alle Sidequests komplettiert werden.

Wer ein „guter“ Sniper ist und Gegner möglichst unbemerkt und genau tötet, sammelt Erfahrungspunkte. Diese befördern den Protagonisten auf der Karriereleiter immer weiter nach oben und schalten verschiedenste Fähigkeiten im Skilltree frei. Hier kann man sich pro Skillpunkt zwischen zwei Perks entscheiden, die sich positiv auf das Gameplay auswirken. Das Besondere hier ist, dass man sich jederzeit umentscheiden kann, fall einem der entsprechende Perk nicht zusagen sollte.

Mit den Augen eines Aspergers

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Für mich als Aspie ist es eine willkommene Abwechslung, meine Herangehensweise im Vorfeld planen zu können. Damit kann ich Hektik und Stress vermeiden und muss keine Angst haben, in Situationen zu kommen, die ich nicht kontrollieren kann. Ich kann schön weit hinten im Feld bleiben und von meiner sicheren Position aus Gegner ausschalten. Direkter Feindkontakt ist in solchen Spielen immer schwierig – Es wird stressig und hektisch, was sich auch auf mich und meine Spielweise auswirkt.

Bei Shootern stehe ich gerne im Hintergrund und habe einen gewissen Abstand zu meinen Feinden. In Spielen wie Overwatch greife ich deswegen gerne auf Charaktere wie Torbjörn oder Junkrat zurück, in Team Fortress 2 auf den Engineer und in Battlefield auf Heiler oder Supportklassen. Überblick, Rückzugsmöglichkeiten und risikofreies Spielen sind für mich besonders wichtig.

Sniper Elite 4 ist bei aller Distanz zum Feind spannend genug, um meinen Puls weit oben zu halten. Dabei lenkt die Szenerie trotz ihres Detailreichtums nicht vom eigentlichen Spiel ab, was meine Konzentration lange aufrechterhalten kann. Einzig die umfangreichen, langen Level zehren etwas an meiner Aufnahmefähigkeit, weswegen hier des Öfteren mal eine Pause eingelegt werden muss.

Kleinteiliges Tearing und offizielles Cheating

Grafisch gibt es kaum etwas zu meckern. Im Gros sieht Sniper Elite 4 noch aus wie sein Vorgänger, allerdings kann die Xbox One durch das Wegfallen der letzten Konsolengeneration ordentlich profitieren. Texturen sind wesentlich knackiger, die Sichtweite ist unglaublich hoch und auch die Framerate kann sich sehen lassen. Lediglich das sporadisch auftretende Tearing bei schnelleren Kameraschwenks stört etwas. Genau wie das merkwürdige Dithering bei der Transparenzdarstellung, wenn sich die Hauptfigur durchs Geäst kämpft. Hier wirken Blattwerk und Zweige etwas fehl am Platz und reißen den Spieler aus seiner konzentrierten Immersion des zweitweltkrieglichen Italiens. Die Kleinteiligkeit der Spielobjekte auf dem Bildschirm lässt mich des Öfteren näher an den Bildschirm rücken, damit ich auch auf sehr, sehr weite Distanz noch einen Treffer landen kann. Glücklicherweise unterstützt mich das Spiel hierbei auf eine Weise, die fast schon an Cheating grenzt. Ein tödlicher Schuss färbt das Fadenfreuz rot, ein nicht-tödlicher lässt es in gelber Farbe erstrahlen. So lassen sich selbst schwierige Situationen einfach meistern. Tolle Idee!

Das Spiel speichert sehr häufig selbst, meistens nach überstandenen Schusswechseln mit der künstlichen Intelligenz. Allerdings kann der Spieler hier über das Menü auch selbst eingreifen und manuell schnellspeichern. Das ist besonders praktisch, wenn man sich nicht ganz sicher ist, wie die perfekte Herangehensweise für bestimmte Situationen ist. Gut, dass man für solche Zwecke immer einen Feldstecher dabei hat. Dieser ist – neben dem Scharfschützengewehr – das wohl wichtigste Utensil in Sniper Elite 4. Denn mit diesem lassen sich Gegner aus der Distanz markieren und stets im Blick behalten, selbst durch Wände hindurch. Hierbei muss allerdings relativ sorgfältig vorgegangen werden, denn wenn man sich darauf verlässt, jeden Gegner markiert zu haben, vergisst man oft die gemeinen Fallen, die das Spiel dem Spieler zwischen die Beine wirft. Versteckte Patrouillen, Geschütztürme, enge Gassen… Der Alptraum eines jeden Langstreckenschützen.

Blut spritzt, Knochen fliegen

Sniper Elite wäre nicht Sniper Elite, wären da nicht die berühmt-berüchtigten X-Ray-Szenen. Bei circa 90% aller tödlichen Schüsse (und das sind viele, weil das Zielen wirklich kinderleicht ist), bekommt der Spieler eine Sequenz geboten, die den Flug der Gewehrkugel verlangsamt darstellt und eine Art Röntgenansicht des Treffers darstellt. Knochen und Muskelgewebe des getroffenen Soldaten liegen dadurch quasi offen und zeigen im Stile eines Mortal Kombat X, welchen Schaden Fairburne hier anrichtet. Gebrochene Knochen, zerschmetterte Kiefer, zerfetzte Organe und – der Klassiker – zerberstende Testikel gibt es hier quasi im Minutentakt. Das unterbricht zwar den Spielfluss, ist aber besonders am Anfang des Spiels eine bereichernde Erfahrung, denn so erfährt man, wo genau man den Gegner getroffen hat, was beim Kampf mit der gegnerischen Deckung von Vorteil für den weiteren Verlauf ist. Menschen, die gerne den Abzug drücken, aber kein dermaßen detailverliebtes Ergebnis sehen möchten, können bei Spielstart die X-Ray-Vision deaktivieren. Das senkt den Ekelfaktor um ganze 320% (habe ich nachgemessen!)

Für mich ist Sniper Elite 4 das beste, beste Sniperspiel auf dem Markt. Das liegt an seiner Einfachheit was das tatsächliche Schießen angeht, aber auch daran, dass der Spieler seine Strategie sehr genau planen kann und nur im absoluten Einzelfall direkten Feindkontakt hat. Somit bleibt der Frustfaktor gering und der Spielspaß weit oben.

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Sniper Elite 4 was last modified: Februar 20th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.