Ich warte ja immer gespannt wie ein Flitzebogen auf die neuen Videospiele um den berühmten (jedoch ausgedachten) Detektiv Sherlock Holmes. Frogwares produziert zwar schon verdammt lange in mehr oder minder regelmäßigen Abständen neue Holmes-Abenteuer in digitaler Form, so richtig gepackt hat es mich allerdings erst mit Das Testament des Sherlock Holmes, welches 2012 das Licht der Spieleregale erblickte. Seitdem hat sich nicht nur die Plattform weiterentwickelt, sondern auch das Spiel selbst. Zumindest in Teilen. Der jüngste Ableger, Sherlock Holmes: The Devil’s Daughter ist nach erneut viel zu langer Wartezeit endlich da und macht vieles anders und trotzdem vieles gleich.

Gelungenes Facelift, hakelige Performance

Fünf Fälle liefert uns das ukrainische Studio Frogwares in diesem Jahr; allesamt leichte (bis sehr starke) Abwandlungen der Originalgeschichten um die britische Spürnase und seinen Assistenten. Doch schon in den ersten Sekunden wird klar: Irgendetwas stimmt hier nicht. Sind das die Charaktere, die ich bereits vor vier Jahren über den Bildschirm schickte, um Morde aufzuklären? Nein, denn die Macher haben hier ordentlich das Facelifting-Skalpell geschwungen. Holmes, der zuvor aussah wie Mark Strong, ähnelt jetzt eher einem Jon Hamm, der eher graumäusige Watson hingegen ist nun eine Art Jude Law geworden. Ich bin erst etwas verdutzt, denn mit dem Facelift geht auch eine Überarbeitung der Charakterzüge der beiden Protagonisten einher. Keine schlechte Idee, wirkt Holmes jetzt um einiges menschlicher und nahbarer. Watson ist nicht mehr nur der nervige Sidekick, sondern trägt abseits der Ermittlungen wesentlich zu Holmes‘ Wohlergehen bei. Die Dialoge sind unverändert exzellent geschrieben, lediglich das (englische) Voice-Acting hakt an einigen Stellen, gerade bei den Nebendarstellern, sehr.

Apropos „haken“… Technisch gesehen ist Sherlock Holmes: The Devils‘ Daughter ein mittleres Desaster. Obschon es grafisch nicht sonderlich aufwändig ist und Bilder aus der PS4 lockt, die die Konsole mit Leichtigkeit bändigen sollte, ist die Performance sehr oft im Keller. Framerateeinbrüche, die das London des 19. Jahrhunderts in ein Daumenkino verwandeln und Tearing bis der Meisterdetektiv kommt sind keine wirklich Augenweide. Dabei wäre hier wirklich Potenzial vorhanden, könnte man nur die Engine auf die Plattform anpassen. Schade, dass hier so viel verspielt wird.

Frustrierende Action

Die Fälle, die der Spieler hier in grob 10 Stunden bearbeitet, sind allesamt extrem gut geschrieben. Zwar haben die Entwickler immer noch Probleme damit, den Verdächtigen, Opfern und anderen Seitencharakteren wirklich eine Tiefe zu verleihen um damit ein ernstgemeintes Interesse zu wecken, den Fall zu lösen, der Weg zum abschließenden Urteil ist aber (fast) immer höchst unterhaltsam. Einzige Ausnahme bilden bestimmte Rätsel oder Actionsequenzen, die einfach viel zu lange dauern und/oder absolut frustrierend sind. Nehmen wir als Beispiel eine Szene, in der Holmes dem Tod in einer ernsthaften Kneipenschlägerei entkommen muss. Es ist schier unmöglich, hier beim ersten Versuch zu entkommen, weil man nicht einmal im Ansatz weiß, was das Spiel an dieser Stelle von einem verlangt. Außerdem gibt es so viele Entscheidungen, die in kurzer Zeit erst auf dem Bildschirm entdeckt, dann anvisiert und ausgewählt werden müssen, dass man fast in Panik verfällt, schon wieder neustarten zu müssen.

Oder die finale Konfrontation, die einfach nur aus einer Aneinanderreihung von Dialogen besteht. Unzählige Antwortmöglichkeiten, die Einfluss nehmen auf den Ausgang der Szene, bringen meinen Hals vor Wut fast zum Platzen. Der Ausgang ist nämlich offensichtlich nur bei einer bestimmten Kombination aus geschätzt 35 verschiedenen Dialogoptionen über die gesamte Länge der Szene hin korrekt. Alles andere endet im Tod und damit im Neustart der Sequenz. Unglaublich nervig und unnötig. Das hat wirklich nichts mehr mit Spaß zu tun, sondern ist – wie einige andere Rätsel – ein schieres Herumstochern und hoffen, dass alles gut geht. Genauso spaßbefreit, wie gefühlte 10 Minuten das gleiche langweilige Mini-Game am Stück spielen zu müssen, in dem Holmes von einem Mann mit Gewehr davonläuft, sich ständig in Deckung bringen und seine Ausdauer auffüllen muss. Das ist wirklich zu viel des Guten und bleibt negativ im Gedächtnis.

Großer Spaß für Hobbydetektive

Dabei ist das Grundgerüst das gleiche, wie ich es bereits in den Vorgängern kennen und lieben gelernt habe. Kniffelige Fälle, die anfangs etwas unübersichtlich sind, sich aber mit dem Auffinden von Beweisen sukzessive aufklären und über das gewohnte Deduktionsbrett in Form von Hirnneuronen, zuende schlussfolgern lassen. Gerade hier fällt auf, dass bei mehreren Verdächtigen der wirkliche Bezug zu den Charakteren fehlt. Wer war nochmal Person X? Warum sollte er Sache Y machen? Das macht es etwas schwer, bestimmte Entscheidungen hinsichtlich der Verdächtigungen und anschließenden Verurteilungen zu treffen.

Dennoch macht es einen unglaublichen Spaß, die Fälle zu bearbeiten. Besonders die Situation, in der es um einen Unfall, der auf einer fast unmöglichen Kettenreaktion basiert, ist ziemlich cool und lässt mein Gehirn auf Hochtouren arbeiten. Der Aha-Moment, in dem plötzlich alles einen Sinn ergibt ist einfach unbezahlbar. So fragte ich mich an einer Stelle, wie das denn sein kann, da ja eine Prämisse nicht gegeben ist, woraufhin Holmes genau diesen Punkt bemängelte und den Dingen auf den Grund ging. Toll!

Allerdings scheinen die Macher es als gesetzt vorauszusetzen, dass der Spieler bereits den Vorgänger gespielt hat. Es wird sehr wenig erklärt und auch die Bezüge der Charaktere zueinander (beispielsweise Wiggins, der Straßenjunge oder Tobey, der Hund) werden an keiner Stelle erklärt. Auch die Steuerung, die Supersinne und die Bedienung der Hirnneuronenkombinationsdeduktionssache könnte gerade für Neulinge etwas undurchschaubar sein. Wer aber keine Angst hat, sich dort einzuarbeiten, dem sei Sherlock Holmes: The Devil’s Daughter wärmstens ans Herz gelegt. Alle Mini-Games und Rätsel kann man straffrei überspringen und auch die Schlussfolgerungen müssen nicht immer korrekt sein, so dass auch unerfahrene Hobbydetektive hier auf ihre Kosten kommen. Trotz aller nervigen Aspekte ein großartiges Spiel, das zwar relativ wenig Wiederspielwert besitzt, dafür aber ein tolles Erlebnis liefert, in dessen Anschluss man sich selbst auf die Schulter klopfen kann.

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Sherlock Holmes: The Devil’s Daughter was last modified: Juni 10th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.