Immer, wenn ich an Sherlock Holmes denke, denke ich an Olga. Olga Ryzhko. Die junge Mitarbeiterin des für den jüngsten Spross der Franchise um den berühmten Detektiv war eines der Highlights der gamescom 2013, wo sie bereits erste Szenen aus dem Schnüfflerspiel präsentierte. Wer genau wissen möchte, worum es bei der ominösen Story geht, darf sich gerne hier umschauen. Bereits seit dem 30. September diesen Jahres ermittelt der findige Brite nun in flammneuen Fällen, Zeit genug also für mich, das Ding ausgiebig unter die Lupe zu nehmen.

10Alles wie immer: Holmes und sein treuer Kompagnon Dr. Watson werden gerufen, um Inspektor Lestrade, seines Zeichens Mitarbeiter des berühmt-berüchtigen Scotland Yard, bei einem rätselhaften Mordfall unter die Arme zu greifen. Ein ehemaliger Schiffskapitän wurde in seiner eigenen Gartenhütte per Harpune an die Wand genagelt. Doch von wem? Und vor allem: wieso? Dies herauszufinden wird uns die nächsten anderthalb Stunden beschäftigen, denn so lange braucht der Spieler ungefähr pro zu lösendem Fall, die letztlich alle nach dem gleichen Schema ablaufen: Status Quo, Ermittlung, Deduktion, Täter überführen.

09Dabei übertrifft sich Frogwares, verantwortlicher Entwickler, selbst. War das vorhergehende Sherlock-Game aus der fernen Ukraine bereits ein großartiger Rätselspaß, setzen die Jungs und Mädels hier noch einen drauf. Wesentlich komplexer scheinen die Ermittlungen, die im Vorgänger eher linear und berechenbar verliefen. Die Minigames sind 2014 wesentlich einfacher und – obschon die Option besteht – müssen eigentlich selbst bei akuter Unlust nicht übersprungen werden.

19Ob das nun das Zusammenmischen von Substanzen an Holmes‘ höchsteigenem Experimentiertisch oder willkürliche Puzzlereien in altgriechischen Tempeln ist. Dabei war ich erstaunt, wie gut Crimes and Punishments aussieht. Das Entwicklerteam hat das Ding von Grund auf neu geschrieben und dabei auf die Unreal Engine 3 zurückgegriffen. Das Ergebnis sind sehr detailliert, weiträumige Umgebungen, die allerdings auch entsprechende Ladezeiten (zumindest auf der Xbox 360) mit sich bringen. Die sehr oft vermeidbaren 10-Sekunden-Besuche der verschiedenen Locations sind nervig, passen allerdings gut in das Gesamtkonzept der vollkommen selbst erwählten Ermittlungsstrategie.

17Aber so liebevoll und detailreich die Welt um Sherlock Holmes und seinen treuen Recken Dr. Watson auch gestaltet ist, so hölzern und rückständig wirken die Spielfiguren an sich. Starre Gesichter, steife Animationen und merkwürdig flimmernde Texturierungen trüben das Gesamtbild etwas. Was ist denn da schiefgelaufen, wo der Rest derart stimmig ist. Denn Crimes and Punishments fühlt sich nicht wirklich an wie ein Adventure-Spiel – anders als der Vorgänger. Der jüngste Teil der Reihe versetzt den Spieler tatsächlich in die Situation, überlegen, nachdenken und schlussfolgern zu müssen, wer der potentielle Täter (in den meisten Fällen sind es natürlich Mörder) ist und wieso? Denn alle Fälle lassen verschiedene Kombinationen von Beweisen und Schlussfolgerungen zu, die man selbst zusammensetzen kann. Entsprechend kann jeder Fall auf unterschiedliche Arten und Weisen abgeschlossen werden, natürlich auch vollkommen davon abhängig, welche Indizien der Spieler im Verlauf des Spiels in der Lage war, zu finden. Passé ist die Linearität eines Testament of Sherlock Holmes, Vergangenheit die Gewissheit, alles den Vorstellungen der Entwickler gemäß vollbracht zu haben. Zwar liefern Komplettlösungen im Internet stets die „korrekte“ Deduktion, aber um sich den Spielspaß zu bewahren, sollte man wirklich nur im Notfall eine solche zu Rate ziehen. Denn einfach wird das alles nicht. Sehr viele Hinweise, die man tatsächlich nur entdeckt, wenn man weiß, wonach man suchen muss (entsprechend des Verständnisses des Falls) stellen ein nicht zu unterschätzendes Hindernis für halbherzig den Controller bedienende Spieler dar.

20Die Sprachakteure mimen ihre zugewisenen Rollen (in englischer Sprache) exzellent, allerdings hatte ich beim Spielen oft das Gefühl, dass einige Aufnahmen, insbesondere die des Protagonisten zum Teil etwas übersteuert sind und auch unangenehme Pop-Geräusche mit sich bringen. Das ist allerdings auch der einzige Kritikpunkt in der Hinsicht, denn ansonsten ist die Immersion perfekt (auch wenn die Dialoge oft unsinnig und durch ihren Umfang verwirrender sind, als dass sie helfen). Beachtlich, was ein vergleichsweise kleines Studio mit etwas Liebe zum Spiel auf die Beine stellen kann. Der Zauber der investigativen Ermittlungen ist leider viel zu schnell vorbei (auch wenn das Gefühl eher subjektiver Natur ist, beträgt die Nettospielzeit doch etwa 12 Stunden), durch die verschiedenen Lösungswege ist ein erneutes Durchspielen – zumindest einmalig – definitiv zu empfehlen. Die langwierigen Dialoge kann man ja zum Großteil wegklicken, grundsätzlich weiß man ja nach dem ersten Durchspielen, was gesagt wurde – die Optionen verändern sich nie.

Freunde des klassischen Adventures müssen allerdings keine Angst vor dem Meisterdetektiv haben. Trotz der dreidimensionalen Third-Person-Steuerung verläuft man sich niemals, dafür sorgen prägnante Landmarken und strikte Restriktionen der Laufwege. Wer hier ordentlich arbeitet (wie ein guter Detektiv das nun mal tut), der findet auch irgendwann alle erforderlichen Hinweise. Kombiniere: Toll. Noch besser als der großartige Vorgänger. Man möchte eigentlich ohne Umschweife weiterspielen, aber wer weiß, wann (und ob) Frogwares wieder die Muße besitzt, einen Nachfolger auf den Markt zu hauen.

 

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Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.