Seit sich der Bruder eines Freundes vor Jahren mal Mystic Heroes für den Gamecube gekauft hat, bin ich ein großer Warriors-Fan. Es gibt einfach nichts besseres, als sich mit übertriebenen Schwert-, Magie- und sonstigen Spezialangriffen durch tausende von strunzdummen Gegnerhorden zu schnetzeln, um am Ende den Chef der jeweiligen Mission ausfindig zu machen und in gleichermaßen grandioser Manier plattzumachen. Nach Mystic Heroes habe ich so ziemlich jeden Warriors-Titel gespielt, der hierzulande erschienen ist. Bis auf ein paar Ausnahmen (Dynasty Warriors 6 und Strikeforce existieren für mich nicht mehr) waren die Spiele allesamt sehr solide und konnten trotz des einen oder anderen Makels für viele, viele Stunden begeistern. Der für mich perfekte Warriors-Titel war allerdings Samurai Warriors 2 (später mit der Erweiterung Xtreme Legends). Hier hat einfach alles gepasst. Es gab Charaktere, deren Namen man zur Abwechslung auch mal aussprechen konnte, es gab viele verschiedene Modi, jeder Charakter hatte einen eigenen Story-Modus, die Musik war eine Klasse für sich, und durch das clevere Waffensystem konnte man sich kinderleicht den ultimativen Massenvernichter zusammenbauen. Dementsprechend aufgeregt war ich also, als ich nach dem sehr ernüchternden SW3 für Wii endlich die Disc von SW4 in meine PS4 einlegen konnte. Könnte das Spiel tatsächlich besser werden als das nahezu perfekte SW2?

Was es so zu tun gibt

Auf in die Schlacht!

Auf in die Schlacht!

Im sehr einfach gehaltenen Hauptmenü haben wir die Wahl zwischen dem klassischen Story Mode, dem altbekannten Free Mode, dem neuen Chronicle Mode, dem Dojo und dem Menü für herunterladbare Inhalte. Im Story Mode können wir zu Beginn zwischen vier verschiedenen Storylines wählen, die die Geschichte eines japanischen Clans während der Sengoku-Ära erzählt. Jede Story umfasst zwischen vier und acht Levels, die mit den Charakteren des jeweiligen Clans gespielt werden können. Ist eine Story abgeschlossen, werden andere freigeschaltet, sodass wir am Ende auf zwölf verschiedene Kapitel kommen.

Im Free Mode können wir jeden mal gespielten Level mit jedem der insgesamt 53 Charaktere auf einem beliebigen Schwierigkeitsgrad spielen, um dort Erfahrung zu sammeln, ultimative Waffen zu sammeln oder einfach mal wieder ein paar ungeliebten Leuten was auf die Schnüss geben. Es kann, wie auch im Story Mode, zwischen vier verschiedenen Schwierigkeitsgraden gewählt werden. Auf Easy kann ein blinder Affe ohne Hände spielen, während auf Nightmare auch Charakteren mit hohem Level sehr häufig schon vom Kanonenfutter der Arsch versohlt wird.

Mein jämmerlicher Versuch an einem Sephiroth-Charakter.

Mein kläglicher Versuch, einen bestimmten Final Fantasy-Charakter nachzubilden …

Bevor wir uns den Chronicle Mode ansehen können, möchte das Spiel von uns, dass wir uns einen eigenen Charakter erstellen. Dieser Charaktereditor ist tatsächlich überraschend umfangreich. Hier wird uns eine breite Auswahl an Augen, Ohren, Nasen und Frisuren geboten, mit denen wir uns unseren Traumkämpfer nach Art von Dr. Frankenstein zusammenflicken dürfen. Gesichtsform? Kieferbreite? Wölbung der Nase? Mundwinkel eher nach oben oder doch lieber was grimmiger? Kein Problem. Sogar die Tonhöhe der Stimme können wir festlegen. Dafür, dass man die Hälfte der Feinheiten im laufenden Spiel gar nicht wahrnehmen kann, wurde hier ziemlich viel Arbeit in den Charakter-Editor gesteckt. Wer sich intensiv damit beschäftigt, kann sich möglicherweise seinen Lieblingscharakter aus einem anderen Franchise basteln, mit dem sich dann durch den Free- oder eben den Chronicle Mode geschlagen wird.

... aber dafür gibt's sehr erheiternde Situationen.

… aber dafür gibt’s sehr erheiternde Situationen.

Haben wir also den eigenen Charakter nach unserem Gusto gespeichert, landen wir auf einer vereinfachten Karte von Japan, auf der wir uns brettspielartig zwischen festgelegten Punkten bewegen können. Auf einigen Punkten erscheinen nach und nach Missionen, die wir erledigen, um uns mit anderen Offizieren anzufreunden und diese anschließend mit in die Schlacht nehmen können. Ziel des Chronicle Mode ist es, durch das ganze Land zu streifen, der ganzen Welt zu zeigen, dass wir Freunde sind, gemeinsam in den Kampf zu ziehen und schließlich der Allerbeste zu werden. Auf dem Weg zur Spitze können wir die Freundschaften zu den anderen Offizieren ausbauen, indem wir sie auf der Karte besuchen und in einer kurzen Zwischensequenz die Auswahlmöglichkeit treffen, die dem jeweiligen Charakter am meisten zusagt (was, je nach Charakter, in unfreiwillig witzigen Dialogen endet). Wem das zu kompliziert ist, der nimmt den Offizier mit in den Kampf oder besiegt ihn in einer Mission, um den gleichen Effekt zu erzielen. Wir haben ebenfalls die Möglichkeit, ein sogenanntes Lebensziel zu wählen, welches uns Bonusziele stellt, die wir erfüllen müssen, um auch andere Offiziere treffen zu können.

Der Chronicle Mode ist ein schöner Modus, der das zugegebermaßen sehr seltsame Sugoroku-Brettspiel aus SW2 um Längen schlägt. Hier können wieder unzählige Stunden Spielzeit verbraten werden; vor allem, wenn man vorhat, jeden Offizier zu seinem BFF zu machen.

Unter dem Menüpunkt Dojo können wir einen Charakter erstellen, finden die Einstellungen (in denen wir sogar für jeden Spieler ein eigenes Button-Layout anlegen können!), Tutorials, insgesamt eintausendundfünfzehn Charakter-Biografien, die wir im Chronicle Mode freigeschaltet haben, und können uns im Vault die Zwischensequenzen noch einmal ansehen oder in sämtliche Musikstücke aus dem Spiel reinhören. Auch hier wurde sehr viel Arbeit in etwas nicht Selbstverständliches gesteckt. Hut ab.

Altbekanntes Gameplay mit Twist

Auf dem Bildschirm ist immer eine Menge los.

Auf dem Bildschirm ist immer eine Menge los.

Sowohl der Story Mode als auch der Free- und Chronicle Mode sind vom eigentlichen Gameplay her identisch. Vor der Schlacht sehen wir Warriors-typisch eine Übersichtskarte, können unsere Waffen und Items ausrüsten, suchen uns ein Pferd aus, das wir in die Schlacht mitnehmen und sehen uns an, welche Anforderungen wir erfüllen müssen, um von den feindlichen Offizieren besondere Gegenstände zu erhalten. Das Besondere an SW4 ist, dass wir nicht nur einen, sondern gleich zwei Charaktere steuern und jederzeit nahtlos zum anderen überwechseln können. Dies ist ein wichtiger Bestandteil des Spiels, da die Missionen diesmal so aufgebaut sind, dass es absolut notwendig ist, zwei Teile der Karte zur selben Zeit abzudecken. Natürlich werden beide Charaktere nicht gleichzeitig gesteuert. Während wir uns mit Charakter #1 um den Nordosten von Kawanakajima kümmern, erteilen wir Charakter #2 den Befehl, in den Südosten zu reiten und die Gegner dort in Schach zu halten. Das funktioniert tatsächlich überraschend gut, allerdings glaube ich nicht, dass dieses System jetzt unbedingt notwendig gewesen ist, um dem Spiel das gewisse Je-ne-sais-quois zu verleihen. Trotzdem ist durchaus positiv zu bewerten, dass es in SW4 keine Camps oder Festungen gibt, in denen man so lange ewig neu auftauchende Gegner klatschen muss, bis sich eine Leiste leert und man die Festung eingenommen hat. Keine Ahnung, wer sich dieses System ausgedacht hat – jedenfalls ist das meiner Meinung nach das schlimmste, was der Dynasty Warriors-Reihe in den letzten Jahren widerfahren ist – Renbu-System miteingeschlossen.

SW4 führt mit den sogenannten Hyper-Angriffen eine interessante Neuerung ein. Bislang bestand das Kampfystem eigentlich nur daraus, normale Angriffe mit Viereck auszuführen und nach einer bestimmten Anzahl an Attacken einen charakterspezifischen Move durch einen letzten Druck auf Dreieck mit einem schweren Angriff auslösen. Hyper-Angriffe funktionieren genau andersrum. Hier fängt die Combo mit einem schweren Angriff an, was den Charakter dazu bewegt, in übermenschlicher Geschwindigkeit nach vorne zu schnellen und allem, was im Weg steht, Schaden zuzufügen. Abgeschlossen wird die Combo mit einem leichten Angriff, was wiederum in einem besonderen Move resultiert. Klingt vielleicht nicht nach viel, fügt dem Gameplay aber eine strategische Facette hinzu, wenn man den Combozähler aufrechterhalten will und schnell einen weit entfernten Gegner erreichen möchte.

Je öfter normale, schwere, Spezial- und Hyper-Angriffe gegen hilflose Frontschweine eingesetzt werden, umso stärker werden sie. Wie schnell sie stärker werden, hängt vom jeweiligen Typ des Charakters ab. Starke Offiziere wie Tadakatsu Honda oder Keiji Maeda haben es leichter, schwere Angriffe aufzuleveln, als es eher flinke Charaktere, wie beispielsweise Mitsuhide Akechi, haben. Neben den Angriffsarten wird auch der Charakter stärker, je mehr Gegner er besiegt. Bonus-Erfahrungspunkte werden nach Missionsende für eine hohe Combo, erreichte Nebenziele, benötigte Zeit und die Anzahl der besiegten Offiziere vergeben. Je weiter ein Charakter im Level steigt, umso mehr Lebensenergie erhält er, bekommt zusätzliche Musou-Leisten, um verheerende Angriffe auszuführen, die hunderte Gegner auf einmal erledigen, und lernt neue Moves und Angriffskombinationen.

Nach der Schlacht gibt es die Beute. Leider sind die Waffen alle nur mit zufälligen Attributen ausgestattet.

Nach der Schlacht gibt es die Beute. Leider sind die Waffen alle nur mit zufälligen Attributen ausgestattet.

Leider ist das Waffensystem bei weitem nicht so ausgereift, wie es in SW2 noch war. In SW4 hat jeder Charakter nur zwei verschiedene Waffen – die normale und die seltene Waffe. Normale Waffen haben zufällige Attribute wie Elementarschaden, oder bieten dem Träger erhöhte Verteidigung. Leider gibt es keine Möglichkeit, diese Attribute auf andere Waffen zu übertragen, um so einen der eigenen Spielweise angepassten Totschläger zu bauen. Man kann sie nur durch im Kampf gefundene Edelsteine verstärken oder sie für ein paar Goldstücke auseinandernehmen. Man hat also entweder die Wahl zwischen einer zufällig generierten und möglicherweise recht schwachen Waffe, welche man durch das Besiegen gegnerischer Offiziere erhält, oder eben der nicht leicht beizukommenden, aber dafür umso stärkeren seltenen Waffe, die noch dazu festgelegte Attribute hat.

Ein Punkt, bei dem ich mir ebenfalls an den Kopf fassen muss, ist die Übersicht der Missionsziele im Story Mode. Diese Liste mit den Nebenmissionen kann vor Beginn des Levels nicht eingesehen werden. Lediglich bei der Auswertung nach dem Level wird sie einem gezeigt. Die einzige Möglichkeit, diese Liste vor dem Kampf einzusehen, ist, sich die betreffende Mission im Vault unter dem Menüpunkt Dojo herauszusuchen. Das ist unglaublich umständlich und hätte mit einem einfachen Unterpunkt im Vorbereitungsmenü des Levels miteingebunden werden können.

Jeder Spielmodus kann online oder lokal im Splitscreen zusammen mit einem Freund gespielt werden. Nur der Chronicle Mode funktioniert im Splitscreen leider nicht. Im lokalen Multiplayer kriegt die Performance des Spiels auch einen saftigen Tritt ab. Während man sich im Singleplayer mit butterweichen und beinahe konstanten 60 Bildern pro Sekunde durch das alte Japan metzeln kann, wird die Framerate im Splitscreen auf 30 runtergeschraubt. Wie es für ein Warriors-Spiel nunmal üblich ist, ploppen dann überall gegnerische Einheiten wie aus dem Nichts einfach so auf, was nicht nur optisch unschön ist, sondern das Spielen auch ziemlich lästig werden lassen kann, da man die Gegner, die man nicht sehen kann auch nicht treffen kann und so um einen herum ständig neue Energiebalken auftauchen. Dies passiert zwar auch im Singleplayer, allerdings tauchen die Gegner dort erheblich weiter vom Spieler entfernt auf, sodass es dem Spielfluss keinen Abbruch tut.

Im Splitscreen-Multiplayer ist nicht so viel los.

Im Splitscreen-Multiplayer ist nicht so viel los. Macht aber trotzdem Spaß.

Das Spiel bietet keine englische Sprachausgabe, sondern „nur“ die original japanischen Dubs mit englischen Untertiteln. Ist zwar nicht so schlimm, da man, auch wenn man die Texte nicht liest, jederzeit auf der Karte sehen kann, wohin man gehen und welchen Offizier man erledigen muss, aber trotzdem vermisse ich hier die grauenhaften englischen oder gar deutschen Sprecher, die der Serie bislang den gewissen Charme verleihen konnten. Was mir ebenfalls fehlt, ist eigentlich das, worauf ich persönlich am meisten gespannt war: die eingängige Musik. Während mir die japanisch angehauchte Rockmusik aus SW2 bis heute noch im Kopf herumschwirrt, lassen die Ohrwürmer in SW4 noch auf sich warten. Sicherlich ist der Soundtrack nicht schlecht (auch wenn das Herumzupfen an Shamisen-Saiten und das wilde Hämmern auf Taiko-Trommeln sicherlich nicht jeden beigeistern kann), nur wäre hier so viel mehr dringewesen. Als kleines Trostpflaster dürfte dem Warriors-Fan hier zumindest das vertraute Honda-Theme auffallen, welches immer dann gespielt wird, wenn der gleichnamige Krieger das Schlachtfeld betritt.

Warriors-Enthusiasten kommen voll auf ihre Kosten

Samurai Warriors 4 ist ein extrem umfangreiches Spiel. Der Story Mode hat viel zu erzählen, und wer im Chronicle Mode sämtliche Biografien freischalten (und auch lesen!) möchte, ist eine ganze Zeit lang beschäftigt. Das Gameplay ist solide, jeder der 53 spielbaren Charaktere spielt sich ein wenig anders und konstante 60 Bilder pro Sekunde sind im Singleplayer eine sehr willkommene Abwechslung. Die Optik braucht sich, besonders für einen Warriors-Titel, auch nicht zu verstecken. Mit Ausnahme der gemeinen Fußsoldaten sind die Charaktermodelle sehr hübsch gestaltet und zeigen besonders während der Musou-Angriffe ihre ganze Detailverliebtheit – in wunderbaren 1080p. Der Soundtrack wird auch nach längerem Spielen nicht eintönig, da es hier stolze 74 Stücke gibt, die das Trommelfell verwöhnen wollen.

Leider lässt das Waffensystem und die individuelle Anpassung dessen an den Spieler extrem zu wünschen übrig. Eine Wunschwaffe zu erstellen ist aufgrund des stark eingeschränkten Edelsteinsystems kaum möglich und zwingt den Spieler fast schon dazu, die einzigartigen Waffen zu sammeln. Das Spiel hat die Warriors-typischen Macken wie gelegentliche Slowdowns und Pop-ins, welche durch die Power der PS4 aber relativ gering gehalten werden können.

Abschließend lässt sich dennoch sagen, dass Samurai Warriors 4 einen verdammt guten Beitritt in die Warriors-Reihe darstellt. Zwar übertrifft es das wunderbare Samurai Warriors 2 nicht ganz, aber die Ansätze sind auf jeden Fall gegeben. Vielleicht schafft es Koei Tecmo mit der fast schon unvermeidbaren Erweiterung Xtreme Legends ja, hier noch eine Schippe draufzusetzen. Ich wäre jedenfalls nicht überrascht, wenn es sich dadurch zum besten Warriors-Titel mausern würde, den ich jemals gesehen habe.

 

Gespielt wurde die PS4-Version von Samurai Warriors 4. Phil bedankt sich recht herzlich bei Koch Media für die Bereitstellung des Review-Exemplares. Phil möchte außerdem anmerken, dass die Leute, die das extrem mittelmäßige Hyrule Warriors ach so toll finden, bitte mal ihren Horizont erweitern und bei Samurai Warriors 4 zuschlagen sollten. Phil denkt, dass Zelda zwar ein fantastisches Franchise ist, aber zu viele Leute davon geblendet werden, alles toll finden, was damit zu tun hat und gleichzeitig die Warriors-Spiele wegen des repetitiven Gameplays verdammen. Phil mag halt keine Heuchler.

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Samurai Warriors 4 was last modified: Oktober 27th, 2014 by Gastautor: Phil

Hier könnte eine atemberaubend interessante Biografie stehen, allerdings ist Phil damit beschäftigt, das Böse in der Welt zu bekämpfen.