Spaßiger Wahnsinn oder wahnsinnig spaßig? Der Open-World-Kracher „Saint’s Row“ geht in die vierte Runde!

Während der Rest der Welt in Los Santos Spaß hat, mache ich mir ein paar schöne Stunden mit Saint’s Row 4 und genieße den Wahnsinn, der vollkommen an politischer Korrektheit und Realismus vorbeifliegt, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Eine absurde Story mit völlig überdrehten Charakteren – Klingt perfekt, hat aber so seine Macken.

Panik im weißen Haus

Als Präsident hat man es wahrlich nicht leicht. Ob man nun vor der Wahl steht, welches Übel – Welthunger oder Krebs – man ausmerzt oder ob man sich gegen eine außerirdische Invasion zur Wehr setzt, das wäre kein Job für mich. Selbst mein Superheldentum hat Grenzen, weswegen ich ganz froh bin, nur virtuell in die Rolle des US-Oberhauptes schlüpfen zu können. Denn mittlerweile sind die Saints in der weltweiten Beliebtheit dermaßen weit aufgestiegen, dass der Spieler nun den amerikanischen Präsidenten und somit die Geschicke des Landes steuern kann. Das beginnt mit oben genannten einfachen Fragen, artet aber innerhalb der ersten Minuten in eine Schlacht mit extraterrestrischen Eindringlingen aus.

Sex-Appeal auf Maximum!

Aber bevor ich den Invasoren meine präsidentalen Fäuste entgegenschleudern kann, erfolgt die obligatorische Charaktererstellung. Bekannterweise bietet Saint’s Row hier einige Einstellungen, die andere Spiele, unter anderem der schon äußerst umfangreiche Editor von Skyrim, nicht im Repertoire haben. Hier blinzle ich beispielsweise auf den „Sex-Appeal“-Regler, der weiblichen Charakteren die Oberweite aufbläst oder Männern den Schrittbereich vergrößert. Gefühlte drei Stunden später steht meine Spielfigur („Sex-Appeal steht natürlich auf Maximum) und ich stürze mich ins Abenteuer.

Heile-Welt-Hölle in der Matrix

Heile-Welt-Hölle in der Matrix

Die Aliens haben mich nämlich gefangen genommen und meinen Geist in eine Art digitale Kopie der Realität gesteckt. Das erinnert nicht nur an Matrix, sondern ist schamlos geklaut. Auch die offensichtlichen Seitenhiebe gegen den Open-World-Platzhirsch Grand Theft Auto – und ich entschuldige mich dafür, dass ich, wie so ziemlich jeder andere auch, diesen Vergleich ziehe – arten in Teil vier manchmal ins Peinliche ab. Das ist aber alles halb so wild, denn Saint’s Row möchte gar nicht ernst genommen werden, vielmehr ist der jüngste Spross der Serie selbst eine Parodie auf die Vorgängerteile.

Während der Spieler in Saint’s Row The Third noch unabdingbar darauf angewiesen war, zur schnellstmöglichen Fortbewegung durch die einigermaßen karge Großstadt in fahrbare Vehikel zu steigen, hat sich dieser Umstand mit den neuen Spezialfähigkeiten erübrigt. Durch Glitches innerhalb der „Matrix“ kann sich unser Alter Ego nun nämlich Superkräfte aneignen, beispielsweise Supersprint und Supersprung. Ordentlich aufgepowert bedeutet das, dass der Präsident wie der Wind durch die Spielwelt flitzen kann und im Weg stehende und fahrende Autos einfach wegprügelt. Wenn dann gleichzeitig noch Feuer- und Eisblitze auf Bösewichte geschleudert werden können, merkt man, wie sehr an der Skalierung im Vergleich zum Vorgänger geschraubt worden sein muss.

Der Mann der 1000 Stimmen

Es sind nicht die gigantischen Übertreibungen, sondern eben die kleinen Dinge, die Saint’s Row 4 so besonders machen. Kleinere Anspielungen auf populärkulturelle Medien treffen den Spiler dann, wenn er es am wenigsten erwartet. Das war immer schon eine Stärke der Reihe. Ganz besonders positiv fällt diese Tatsache bei oben erwähnter Charaktererstellung auf. Hier darf man neben den üblichen drei männlichen Stimmen zusätzlich die von Nolan North wählen, also die Stimme des Typen, der letztlich so ziemlich jeden Charakter in jedem Videospiel der Welt gesprochen hat (ja, gut, ich übertreibe etwas). Damit sind die Möglichkeiten unbegrenzt. Clever.

Die Dubstep-Gun. WUB WUB.

Die Dubstep-Gun. WUB WUB.

Ein weiterer Vorteil des Spiels ist seine Vielseitigkeit. Damit man nicht nur damit beschäftigt ist, sämtliche Collectibles aus der offenen Welt zu pflücken, haben sich die Entwickler allerhand Gimmicks einfallen lassen, um die verschiedenen Missionen etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Ein sehr umfangreiches Tutorial stellt dem Spieler die Welt und die neuen Spielelemente vor, danach darf sich ausgetobt werden: Zerstörungsmissionen, Eskorten, Rennen… Volition hat sich in keiner Hinsicht lumpen lassen, und das ob der schwierigen Situation des Studios. Früher unter der Fuchtel von THQ stehend, kauften die Mädels von Koch Media nach dem THQ-Konkurs kräftig ein. Knapp 22 Millionen kostete der Spaß Anfang des Jahres (wir berichteten); Da war noch genug Geld um das Metro-Franchise mit in den Warenkorb zu legen. Und – ohne THQ was zu wollen – anscheinend läuft das unter neuer Flagge etwas besser als unter der alten Herrschaft.

Fazit

Ein absolut abgedrehtes Spiel, das reinhaut wie ein auf’s Wesentliche reduziertes GTA auf Cheats und Speed. Zum Teil etwas zu übertriebene Gags lassen die Szenerie sehr gewollt erscheinen, auch die digitale Matrix-Welt wirkt sehr bedrückend und eintönig, was dem Spielspaß der Superkraftbenutzung allerdings nichts nimmt. Es macht unheimlich viel Spaß, die Stadt aus der Luft zu erkunden und ist trotz seiner Unperfektheit eine willkommene Abwechslung zum bierernsten Einheitsbrei der Spielelandschaft.

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Saint’s Row 4 was last modified: September 23rd, 2013 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.