Piraten, Voodoo, Magie – Klingt per se ja schon mal nicht verkehrt, mit was Risen 3: Titan Lords hier auffährt. Dass das in der Praxis anders aussieht, war eigentlich fast schon zu erwarten, zumindest grafisch waren die Risen-Games immer nur mit zugekniffenen Augen zu ertragen. Haben Piranha Bytes aus der Kritik am Vorgänger gelernt? Darf man endlich richtig kämpfen? Und werden die Piratenklischees immer noch maßlos ausgereizt?

Risen3-Screenshot--(2)_720pTief in der Karibik. Melée Isl… Nein. Sorry. Falsches Spiel. Außerdem habe ich den Gag schon bei der Besprechung zum Vorgänger gebracht. Naja… Jedenfalls: Zu Beginn des Spiels schlüpfen wir in die Rolle eines Piratenkapitäns. Dieser hat keinen Namen – ein roter Faden, der sich durch alle Spiele der Essener Spieleschmiede Piranha Bytes zieht, wozu die Gothic– und die Risen-Serie zählen. Zusammen mit unserer Schwester Patty (die ein übertrieben aufreizendes Dekolleté ihr Eigen nennt) absolvieren wir das Tutorial, an dessen Ende wir von einem dämonenhaften Wesen unserer Seele beraubt werden. Unter Steinen am Strand beerdigt werden wir drei Wochen später (erfreulicherweise konnten Wind und Wetter unserem Körper ob der dreiwöchigen „Todphase“ nichts anhaben) wiederbelebt und auf die Mission geschickt, eben die oben erwähnte Seele aus dem Reich der Schatten wiederzuholen. Puh.

Risen3-Screenshot--(4)_720pSchon während der Einführung fällt auf, dass das etwas schwierig zu lesende Kampfsystem des Vorgängers Risen 2 – Dark Waters verworfen wurde und wieder etwas freier zu bedienen ist. Statt einer rumpeligen Schwertkampfsimulation und unblockbaren Tiergegnern, darf wieder frei zugeschlagen und ausgewichen werden. Allerdings lässt sich hier auch viel Glitching betreiben; Hat man beispielsweise einen Kumpanen in der Gruppe, der selbstständig Schergen bekämpft, können wir durch Spammen der Ausweich-Taste eine Art Unverwundbarkeitsmodus starten, während unser Begleiter allen Gegnern den Garaus macht. Das ist mit Sicherheit nicht so gewollt, unterstreicht aber die mäßige Technik hinter dem Spiel. Unabhängig von unserer Position können wir nicht verletzt werden, sobald wir ausweichen – Da hat sich ein Coder billig aus der Affäre gezogen.

Auch das Schnellspeichern stammt offensichtlich aus der Programmierer-Trickkiste: Es scheint, als würde das Spiel bei Überschreiten eines bestimmten Punktes auf der Karte automatisch speichern. Egal, was passiert. Und egal, wie oft man über diese Schwelle tritt. Das wäre grundsätzlich kein Problem, würde die Xbox-360-Version nicht bei jedem Schreibvorgang mehrere Sekunden einfrieren, was besonders während Kämpfen schon weit jenseits von „extrem nervig“ ist.

Risen3-Screenshot--(3)_720pDie Story plätschert so dahin, was vor allem an der Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten liegt. Sehr schnell verliert man den Überblick, was jetzt eigentlich unser primäres Anliegen ist, da sich das unübersichtliche Questlog schnell mit verwirrenden Nebenaufgaben füllt, die in der gesamten, riesigen Spielwelt verteilt sind. Das artet schnell gefühlt in Sisyphusarbeit aus, hinzu kommt das Gefühl, als würde man nicht angemessen für die teils stupiden Suchaufgaben entlohnt. Zwar merkt man, dass hier sehr viel Liebe drinsteckt, effektiv ist es allerdings viel zu viel. Die Arbeit hätte man besser in andere Aspekte des Spiels investiert, wie beispielsweise das oben erwähnte Kampfsystem oder meinetwegen auch grafische Gesichtspunkte.

Dabei ist das Spiel an sich gar nicht mal so übel. Zwar braucht es sehr lange, um überhaupt in Fahrt zu kommen, was ebenfalls wieder den umfangreichen Entscheidungsmöglichkeiten direkt zu Beginn zuzuschreiben ist, wenn es dann aber mal läuft und man sich nicht von den Unmengen an Kleinstaufgaben ablenken lässt und völlig die Orientierung verliert, kann man durchaus Spaß haben. Vor allem das Levelsystem, das vom Vorgänger übernommen wurde, ist äußerst userfreundlich angelegt. So levelt man nicht, wie in klassischen RPG-Systemen auf, sondern kann durch Questing und das Töten von Gegner verdiente Ruhmpunkte, in bestimmte Attribute investieren. Das ermöglicht ein ausgeglicheneres Verbessern der Werte und stressfreieres Vergeben der Punkte.

Risen3-Screenshot--(1)_720pEs ist irgendwie schade, dass ich dies als einen der einzigen positiven Punkte aufführe. Während Risen 2 noch einen gewissen piratigen Adventurecharme aufbringen konnte, um die Gesamtsituation zu retten, versucht Risen 3 zu sehr die Gratwanderung zwischen dem ersten Teil der Reihe und dem hauseigenen Gothic, wofür Piranha Bytes aber selbst nicht mehr die Rechte hat. Doch dafür schleppt sich das Spiel zu voll beladen mit Klischees vorwärts, was darin endet, dass nicht ein Charakter eine wirkliche Entwicklung durchmacht. Nicht einmal der Protagonist. Zu festgefahren steckt der Karren im Dreck, weil man es jedem Recht machen möchte. Die Essener kombinieren hier unoriginelle Archetypen mit einem sinnlosen Moralsystem – mein Menschenverstand schüttelt langsam mit dem Kopf.

Immerhin stimmt der Wiederspielwert. Zumindest auf dem Papier. Wer es nämlich schafft, sich durch die Einleitung zu glitch-kämpfen, steht sehr bald vor der Qual der Wahl, sich für eine der drei „Fraktionen“, wenn man es so nennen mag, zu entscheiden. Dämonenjäger, Wächter oder Voodoo-Pirat sind die zur Verfügung stehenden Klassen, deren Erwerb sich aber erst einmal durch fraktionsspezifische Quests verdient werden muss. Das ist nerviger, als man anfangs denken mag, da – wie eingangs erwähnt – das Questlog mehr als nichtssagend ist. Das nervt noch mehr als das Tearing in der sonst ansehnlichen Spielwelt.

Risen3-Screenshot_(5)_720pDie Frage ist nun, zu welchem Preis man hier ungefähr 50 Stunden Spielzeit bekommt. Ist es unbedingt notwendig, den Titel in diesem Maße zu strecken, wenn dafür andere Gesichtspunkte vernachlässigt werden? Risen 3 erscheint unausgewogen und unfertig. Das Balancing stimmt hinten und vorne nicht, die Charaktere sind flach und die Dialoge sind so dumm, die schwimmen sogar in Milch. Zwar schafft es das Spiel dennoch – wie auch immer – den Spieler zu fesseln und den Endkampf erleben wollen zu lassen, nur um ihn dann passionslos in die Credits zu entlassen. Mein Rollenspielerherz ist zweigespalten, was es jetzt von dem Spiel halten soll. Eigentlich ergeben ausgewogen viele gute und schlechte Punkte ein „Mittelgut“, aus Sympathie und bodenloser Subjektivität tendiere ich aber eher zur positiven Seite, warne aber vor den Gefahren. Für die Rollenspiel-Elemente (ausgenommen der Dialoge und des Moralsystems) hat Risen 3 allerdings zu Recht den RPG-Award der gamescom 2014 eingeheimst. Gratulation.

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Risen 3: Titan Lords was last modified: August 28th, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.