Yo-Ho! Macht euch bereit für eine Menge Piratenjargon, denn „Risen 2“ lichtet jetzt auch auf Xbox und PS3 den Anker.

Tief in der Karibik… Melee Isla… nein, Moment! Sorry. Die ganzen unterschiedlichen Piratengeschichten bringen mich ganz durcheinander. Zwar hat die Piraterie ihren Höhepunkt vor einigen Jahren mit Erscheinen des gefühlt hundertsten Fluch der Karibik-Ablegers bereits hinter sich gelassen, gefragt sind die ruchlosen Freibeuter dennoch enormst. Ein überzeugender Grund für das deutsche Entwicklerstudio Piranha Bytes (das Wortspiel ist immer wieder gut), das auch schon die Sacred– und Gothic-Serie (bis auf den vierten Teil – der war dafür auch grausam) als Kerbe im Videospielregal hat, dem magischen Abenteuer Risen aus dem Jahre 2009 eine Fortsetzung zu spendieren.

Vom PC auf die Couch

Die PC-Version von Risen 2: Dark Waters ist ja schon etwas länger auf dem Markt, der Konsolenport benötigte anscheinend – und ich mutmaße einfach mal, dass dies aufgrund von Performanceproblemen war – ein wenig mehr Zeit, um den Weg in die heimischen Wohnzimmer zu finden. Jetzt ist es aber endlich soweit – Badewannenpiraten daheim können wieder selbst mit dem Säbel rasseln und Rum trinken, als wäre er Wasser. Als Entschädigung für die Wartezeit gibt es den DLC  „Der Lufttempel“ als Downloadcode obendrauf. Der DLC befindet sich allerdings bereits auf der Spiel-DVD, wird durch den DLC lediglich aktiviert, Normalpreis ist 800 MS-Points bzw. 9,99 € im PSN-Store.

Der Spieler wird relativ prompt in die Handlung geworfen, auf ein großartiges Introvideo wird gänzlich verzichtet. Eine Stimme erklärt kurz, was seit dem ersten Teil passiert ist und los geht’s. Auch ein Tutorial wurde als überflüssig erachtet. Zwar bekämpft man zunächst kleine, schwache Gegner – Der Spieleintritt wird aber damit schwerer gemacht als er sein sollte und man braucht eine ganze Weile, bis man herausgefunden hat, was das Spiel eigentlich von einem erwartet. Veteranen, die bereits den ersten Teil hinter sich gebracht haben dürften weniger Probleme haben.

Von Tentakeln kriege ich nie genug!

Wir schlüpfen wieder in die Rolle des namenlosen Helden aus Teil ein. Das scheint so eine Piranha Bytes-Masche zu sein – Im Laufe des Spiels wird relativ ungeschickt vermieden, den Helden beim nicht vorhandenen Namen zu nennen, dass es schon fast peinlich ist: „Ich bin’s… Dein Freund!“ oder „Woher kennst Du meinen… kleinen Helden?“ Nachdem dieser im ersten Teil die Feuertitanen verdroschen und dabei sein Auge verloren hat, steht der nächste Bösewicht auf der Matte. Mara – eine bläuliche Meerjungkrake, die nichts Gutes im Schilde führt. Was das genau ist weiß man nicht so genau, dazu taucht die Dame zu selten auf. Auch die Motive des Helden, solch ein enormes Engagement in einen fadenscheinigen Befehl („Finde die Waffe, die das Biest zerstört! Falls jemand fragt: Wir haben Dich nicht geschickt!“) zu legen bleiben dem Spieler schleierhaft. Nach dem holprigen Start kommt aber spätestens bei den ersten Quests Freude am Spielen auf.

Die Questreihen sind, besonders am Anfang, nicht darauf ausgelegt, möglichst viele Gegner zu besiegen. Hier wird dem Spieler beigebracht, wie die Welt der Piraten funktioniert. Wer hier bestehen will muss sich hocharbeiten. Das erinnert schon fast an ein Adventure aus der guten, alten Zeit. Ein Hemd finden, einen Job annehmen um Geld zu verdienen, Feilschen, Handeln, Gefallen einfordern. Zum Erlernen der Fähigkeiten wird nicht auf ein traditionelles Level-Up-System zurückgegriffen. Vielmehr bestimmt man selbst, in welche Richtung man sich entwickeln möchte; Für erfüllte Quests und getötete Gegner erhält der Spieler sogenannte „Rufpunkte“, die er dann auf die verschiedenen Oberkategorien (bspw: „Stichwaffen“, „Gerissenheit“ oder „Voodoo“) vergeben kann. Die Kosten dafür steigen von Stufe zu Stufe an – wodurch man durchaus Punkte sparen muss, um aufs nächste Fähigkeitenlevel zu gelangen und sich eher auf eine Kategorie konzentriert.

So gibt es auch – je nach dem, welchen Weg man einschlagen möchte – verschiedene Möglichkeiten, bestimmte Quests zu lösen. Schlägt man sich auf die Seite der Inselbewohner oder sympathisiert man mit der hiesigen Inquisition? Löst man das Problem durch Überzeugung und Diebstähle (Talent: Gerissenheit) oder prügelt man sich seinen Weg zum Ziel durch? Dabei sind sämtliche Dialoge komplett vertont – auch die Sprecher sind absolut überzeugend. Wenngleich die ein oder andere bekannte Stimme unter den Sprechern ist, findet man, gerade bei unwichtigen Charakteren, oft die gleiche Stimme mehrmals vergeben. Ist nicht weiter tragisch – fällt nur leider negativ auf.

Das schönste Daumenkino der Welt…

Was ebenfalls negativ auffällt, ist die grafische Umsetzung des Konsolenports. Sicher, Risen war nie das Grafik-Biest schlechthin, aber atmosphärisch immer ganz vorne mit dabei. So bringt die Konsolenfassung des Spiels relativ matschige Texturen, regelmäßige Einbrüche der Frameraten und grobpixelige Schatten mit sich. In Zusammenspiel mit hakeligen Animationen (die „Ich muss ganz dringend kacken“-Laufanimation fand ich sogar relativ lustig), lächerlich starren Gesichtern und jeder Menge Clippingfehlern ergibt sich ein hübschhässlicher Gesamteindruck. Mag daran liegen, dass ich kurz vorher noch an meinem Skyrim-Savegame gespielt habe, aber der erste Eindruck von Risen 2 war ernüchternd.

Sicherlich gewöhnt man sich daran, lernt es auch irgendwann lieben, allerdings dauert das seine Zeit. Gerade das Fehlen der Kernschatten in Bereichen, die die Sonne nicht direkt erreichen kann, lässt die ungewollte Illusion schwebender Charaktere aufkommen. Allerdings ist die Schuld für diese radikalen Kürzungen der Optik beim Detailreichtum der Dschungelwelten zu suchen. Die mittlerweile doch etwas in die Jahre gekommenen Konsolen bedarfen dringend einer Ablösung, bis dahin müssen sich Couchzocker mit starken Rucklern und einem pixeligen Texturmatsch zufrieden geben.

Der oben genannte Detailreichtum zieht sich durch die verschiedenen Inseln, die der Spieler nach ca. 9 Stunden Spielzeit frei bereisen darf. Hübsche kleine Dörfchen, Tavernen und viele, viele Quadratkilometer Dschungel mit Affen (die man später trainieren kann), Schätzen, alten Tempeln und schönen Sandstränden. Gerade die Schätze sind es wert, gefunden zu werden, nicht nur wegen des darin enthaltenen Goldes, auch gibt es legendäre Gegenstände die die Charakterwerte permanent pushen. Lediglich das Schlossknacken ist ein unnötiges Übel – auch hier findet sich wieder der Vergleich zu Skyrim. Während der Bethesdakollege mit einem fordernden Minigame und brechenden Dietrichen daherkommt, darf man in Risen 2 ohne Zeitlimit und so oft man möchte probieren, das Schloss der jeweiligen Schatztruhe zu öffnen. Das mindert die Freude über den Inhalt der Truhe aber nicht im Geringsten, denn Gold ist Mangelware.

Wie passend – Du kämpfst wie eine Kuh!

Die Kämpfe sind gewohnt schwierig – besonders gegen menschliche NPCs. Paraden, Konterangriffe – das macht schon Spaß, ist aber auch nervig, wenn man nur mal kurz wen umhauen möchte. Gerade Gegnergruppen, in denen einer oder mehrere Gegner eine Fernkampfwaffe (Muskete, Wurfspeer etc) haben kratzen oft an der Frustationsgrenze des Spielers. Aber irgendwie sind alle Kämpfe (besonders mit freundlichen NPCs, die sich ab und an zurückhaltend ins Getümmel schmeißen) zu schaffen. Kämpfe gegen Tiere sind allerdings noch etwas schwieriger da man die Attacken der wilden Kreaturen nicht blocken kann – auch ein Ausweichen ist unmöglich. Da kommt der Tipp aus dem Ladebildschirm „Häufiges Speichern ist sinnvoll“ gerade recht. Denn wer nicht grade mit der Muskete die Gegner aus sicherer Entfernung kitet und das Kämpfen so zu einem eintönigen Hit-And-Run-Brei machen will, wird wohl zum Teil oft seine zuvor gespeicherten Spielstände laden müssen.

Besonders hervorzuheben ist der Realismus des Loots. Gegner droppen grundsätzlich nur die Waffe, die sie tatsächlich bei sich trugen; Darüber hinaus vielleicht etwas Gold und ein wenig Proviant. Tieren kann man oft lediglich Fleisch entnehmen; Gold oder Schätze sucht man hier vergebens. Allgemein wird man nicht mit Ausrüstung zugeschüttet; Jedes neue Teil, das vielleicht einen Rüstungspunkt besser ist als das vorherige, muss man sich hart erarbeiten oder mit viel Gold bezahlen. Quasi realistische Zustände.

Fazit

Risen 2: Dark Waters macht Spaß. Punkt, Aus, Nikolaus. Wenn man die etwas schwierige Anfangsphase übersteht – dazu gehört vor allem die Eingewöhnung an die Grafik und das außergewöhnliche Spielprinzip – steht einem spannenden Südsee-Abenteuer nichts mehr im Wege. Gerade die kniffligen Quests und die alternativen Lösungswege haben mich begeistert, aber auch die liebevoll umgesetzte „Neue Welt“ faszinieren enorm. Kleinere Bugs, Grafikfehler und die schleppend in Fahrt kommende Story trüben den Spielspaß nicht zu stark, so dass man die ca. 30 Stunden Spielzeit am liebsten am Stück runterzocken würde.

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Risen 2: Dark Waters was last modified: August 7th, 2012 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.