Horrorspiele und ich: Eine lange Geschichte voller Liebe, Hass und Wechselhosen. Während mich Horrorfilme absolut kalt lassen, führt die Interaktivität in Spielen dazu, dass ich stets mit einem Finger auf der Pausentaste spiele um notfalls den Stecker zu ziehen. So auch bei Resident Evil.

VR optional

Capcom setzt dieses Jahr noch einen drauf und verfrachtet das Ding als erster Triple-A-Titel dank PlayStation VR in die virtuelle Realität. Das hat mir schon in den beiden erschienenen, umfangreichen Demos Kitchen und Beginning Hour den Angstschweiß auf die Stirn getrieben. Im richtigen Spiel allerdings ist das alles noch viel, viel schlimmer. Glücklicherweise muss man Resident Evil 7 nicht gänzlich in VR spielen. Das würde zum Einen auf Dauer Übelkeit verursachen, zum Anderen wäre die Todesrate unter den RE7-Spielern wohl auch relativ hoch. Statt dessen kann man sich aussuchen, wann man das VR zuschalten und wann man ganz klassisch auf dem flachen Bildschirm zocken möchte. Dabei gibt es auch umfangreiche Einstellungsmöglichkeiten, die individuell auf das VR-Erfahrungslevel des Spielers angepasst werden können. Eine rudimentäre Version davon habe ich zuletzt bei Robinson: The Journey gesehen.

Erfrischend verrottend

Seit einiger Zeit bereits ködert uns Capcom häppchenweise mit Informationen, Trailern und Demos zu Resident Evil 7. Und von Anfang an war klar, dass das Ding vollkommen anders werden wird als alle vorangegangenen Resi-Titel. Ich erinnere mich noch genau an meine erste Erfahrung mit der Reihe. Damals noch auf dem PC (aus Mangel an PlayStation) war der erste Resident Evil-Teil meine Einführung in tatsächliche Horror-Spiele. Ohne Komplettlösung, ohne YouTube-Walkthroughs. Völlig ahnungslos schlich ich durch das Gruselhaus, erwartete hinter jeder Ecke den nächsten Herzinfarkt. Dazu das Haushalten mit Items, Rätsel, Zombies… Trotz voller Hosen war ich glücklich.

Leider verlor sich Resident Evil mit der Zeit immer mehr in Button Mashing, Roundhouse Kicks und doofen Quicktime-Events. Zu glatt, zu vorhersehbar, zu gewollt. Umso erfrischender ist der neue Ansatz, der den Spieler in der First-Person-Sicht in ein verrottendes, stinkendes Hillbilly-Haus versetzt. Denn hier ist mir schon unbehaglich, nur herumzustehen und die Atmosphäre der Umgebung einzusaugen. Viele kleine Details summieren sich hier zu einem großen Ganzen, dass mich am liebsten die PlayStation sofort wieder ausschalten lassen würden. Dass es noch viel schlimmer kommen würde, ist eigentlich klar. Aber da muss ich jetzt wohl durch.

Willkommen zuhause!

Ohne viel Gerede wird der Spieler ab Sekunde Eins direkt in die Story geschmissen. Ethan Winters‚ Frau wird seit drei Jahren vermisst. Nach einer Videobotschaft selbiger allerdings macht sich der Protagonist auf den Weg nach Louisiana, USA, um dort in einem heruntergekommenen Anwesen in den Sümpfen nach ihr zu suchen. Bis hierhin schreit das Spiel dem Spieler seine Hommage an vergangene Zeiten geradezu ins Gesicht. Nach gerade mal vier Minuten ingame betritt Ethan zum ersten Mal das Horrorhaus. Und genau hier beginnt bereits der Terror. Capcom hat hier einen perfekten Weg gefunden, die Grundstimmung zu setzen, bevor der Spieler mit Inventarmanagement und Crafting konfrontiert wird. Hilflos, ohne Waffen, schleicht man durch das dunkle, knarzende Anwesen und erwartet hinter jeder Ecke den nächsten Jumpscare. Das Spiel aus Antizipation und richtigem Timing lässt den nicht so schreckresistenen Mitmenschen ordentlich den Horror durch die Glieder fahren.

Klassische Mechaniken

Nachdem diese Einführung beendet ist, darf ich das Haus frei auf eigene Faust erkunden. Klar, dass ab hier wieder altbekannte Mechaniken greifen. Inventarsystem, Puzzles, verschlossene Türen, Waffen, Heilkräuter… – Resident Evil 7 hat alles, was das Oldschool-Herz begehrt. Gerade am Anfang wird hier viel Wert darauf gelegt, den Herzschlag oben zu halten. In Maniac Mansion-Manier muss der Spieler bestimmte Timings abwarten um durch die Patrouille des Hausherren schleichen. Hier ist zwar noch viel gescriptet, dem Ekelfaktor, der hier seine Zähne ins Gameplayfleisch schlägt, tut dies aber keinen Abbruch.

Leider geht mit der Einführung der ersten Waffe, einer 9mm-Pistole, die Gruselei etwas verloren. Ich höre auf, zu schleichen, bin viel selbstbewusster, denn ich habe schließlich ein Schießeisen (auch wenn das Aiming unter alles Kanone ist). Dadurch wird dem Spiel viel Atmosphäre genommen. Ich bin nicht mehr der wehrlose Schwächling, der sich erschrickt, wenn nur ein Knarzen hinter mir ertönt. Ich renne durch die Gänge, trete Türen ein (bildlich gesprochen) und ballere drauf los, wenn mir etwas zu nahe kommt (auch wenn man längst nicht jeden Gegner töten kann). So nimmt Resident Evil 7 sehr schnell den Weg weg vom modernen Horror-Game (wie beispielsweise Outlast eines ist) und transformiert sich zum Klassiker in neuem Gewand. Die First-Person-Perspektive, die den Spieler den Alptraum durch die Augen des Protagonisten erleben lässt, tut der Marke gut. Auch die offensichtlichen Zombiereferenzen halten sich anfangs noch angenehm zurück und lassen mich rätseln, was genau hier faul ist.

Als besonderes Schmankerl bieten VHS-Kassetten, die man im Spielverlauf finden kann und an Abspielgeräten wiedergeben kann, immer wieder wertvolle Hinweise auf versteckte Objekte und Schalter. Ein großartig umgesetztes Mittel, das die volle Aufmerksamkeit des Spielers erfordert.

Horror in der virtuellen Realität

Mir gefällt besonders der Abwechslungsreichtum des Spiels. Ich fühle mich nicht gezwungen, irgendwelche Collectibles zu sammeln, damit die Spielzeit künstlich gestreckt wird. Ebenso verbringe ich nicht das ganze Spiel über in dem verrottenden Herrenhaus. Dies ist zwar unglaublich gut umgesetzt – man kann den Ekel beinahe greifen – allerdings bietet Resident Evil 7 sehr viel mehr als das. Stealth-Parts, Endbosse, Rätsel, Jumpscares – und das in einer atemberaubend guten Grafik. Allerdings nur, solange man auf dem Bildschirm spielt. Wechselt man in die virtuelle Realität und setzt das PSVR-Headset auf den Kopf, verschwimmt alles zu einer pixeligen, flimmernden Masse. Das ist nicht die Schuld des Spiels, vielmehr die der Hardware, die einfach nicht die benötigte Auflösung fahren kann. Die Immersion ist dennoch sehr gut gelungen. Gerade für VR-Anfänger ist Resident Evil eine absolute Empfehlung. Viele Black-Cuts sorgen dafür, dass bei bestimmten Bewegungen (das Erklimmen einer Leiter, Bücken, das Aussteigen aus einem Auto…) selbige nicht dargestellt werden, um Motion-Sickness zu vermeiden. Stattdessen wird das Bild kurz schwarz und springt zum Ende des Bewegungsablaufs. Toll umgesetzt!

Grusel für die Ohren

Der dreidimensionale Sound, das die PSVR über ihren Kopfhörerausgang auf die Lauscher des Spielers feuert, zieht diesen noch mehr in die Spielwelt hinein. Denn auch hier glänzt Resident Evil 7, selbst für Nicht-VR-Besitzer. Denn alle Soundeffekte sind dermaßen on fleek, dass ich mich mehr als ein Mal in der echten Welt herumgedreht habe, weil ich dachte, hinter mir sei etwas. Das Knarzen des Gebälks, das Pfeifen des Windes am Fenster, das Geräusch von Kakerlaken, das an das Knacken von Frühstückscerealien erinnert wenn an die Milch hinzugibt – Alles unabdingbare Faktoren für wirksamen Horror.

Fazit

Resident Evil 7 ist eine gelungene Frischzellenkur für die Serie. Nach dem sehr actionlastigen, glattpolierten sechsten Teil, erfindet Teil Sieben das Genre zwar nicht neu, haucht ihm aber neues Leben ein. Mit der richtigen Menge an Referenzen vergangener Erfolge, konnte sich das Spiel schnell in mein Herz gruseln. Auch wenn gerade im letzten Drittel durch relativ schnöde Bosskämpfe einiges verloren geht, kann der Titel auf ganzer Länge von sich behaupten, ein abwechslungsreiches, durchgestyltes und spannendes Gruselkabinett zu sein. Das bekannte Retro-Feeling von vor 20 Jahren versetzt den Spieler in angenehmen Dosen zurück in die Hochzeit der Serie während der Pauls am Anschlag ist. Durch die wohlproportionierte Verteilung von Waffeneinsätzen fühlt der Spieler sich nicht vollkommen wehrlos, was die Frustationsgrenze, gerade auf dem leichten Schwierigkeitsgrad, auf ein Minimum reduziert. Für mich ganz klar das beste Resident Evil 7 und eines der besten Horrorspiele seit sehr, sehr langer Zeit.

Prädikat: Besonders Awesome!

Auch interessant

Resident Evil 7: Biohazard was last modified: Januar 24th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.