Capcoms neues Action-Adventure – Überschätzt oder eine Perle der Videospielgeschichte?

Wir schreiben das Jahr 2084. Ein Konzern hat quasi jeden Menschen auf der Welt mit einem Sensen-Gerät ausgestattet, das es ermöglicht, bewusst Zugriff auf Erinnerungen zu nehmen. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Da ist es eigentlich klar, dass das irgendwann schiefgehen muss, oder?

Alles nur geklaut?

Remember Me steigt genau 100 Jahre nach Orwells distopischer Zukunfsvision 1984 ein, ähnlich schlimm geht es hier zu. Der Memorize-Konzern, der die Geräte zur Kontrolle der Erinnerungen herstellt, nutzt dies natürlich aus und führt Böses im Schilde. Wer hätte das gedacht? Dies Erfahren wir in der (zugegebenermaßen genialen) Einleitung zum Spiel, in der wir auch die Protagonistin Nilin kennenlernen, in deren Haut wir schlüpfen. Sie war, bevor ihr Gedächtnis gelöscht wurde, Erinnerungsjägerin, und somit maßgeblich am Handel mit dem kostbaren Gut beteiligt. Aus etwas unklaren Motiven lässt sie sich aber sehr schnell von einem Mann namens Edge dazu überreden, gegen Memorize vorzugehen und wird zur Rebellin gegen das korrupte, kapitalistische System.

Kämpfe über den Dächern von Neo-Paris

Was sofort auffällt: Remember Me ist von vorne bis hinten dermaßen durchgestylt, dass man vom Hinsehen Gänsehaut bekommt, weil alles so perfekt ineinandergreift. Eine wunderhübsche Inszenierung von Bild und Schrift, die in die Umgebung integriert wird – Man möchte seinen Blick nicht mehr vom Bildschirm lösen. Als klassisches Third-Person-Action-Adventure erfindet der Titel sein Genre nicht neu, kombiniert aber gekonnt Althergebrachtes: Ein Kampfsystem, das stark an die Batman-Arkham-Reihe erinnert, Sprungpassagen á la Assassin’s Creed / Tomb Raider (nur viel gescripteter) und ein Gefühl im Bauch, das sonst nur Filme wie Blade Runner oder Minority Report produzieren können. In der Tat fühlt man sich wie in einem Luc-Besson-Streifen, selbst der Soundtrack passt immer genau zur Stimmung, zumal die Story sogar in Neo-Paris spielt. An einen Zufall glaube ich hier keinesfalls. Besonders die Detailverliebtheit der Stadt, ob ober- oder unterirdisch ist durchaus beeindruckend. Man fühlt fast, wie die Metropole lebt, ein erstklassiges Design, das mich mit offenem Mund durch die Stadt laufen lässt.

Eigene Kombos im Combo Lab

Leider bekommt man schnell das Gefühl, keine wirkliche Wahl zu haben, das Spielgeschehen zu beeinflussen oder seine Route durch die Welt wählen. Schlauchlevel mit lediglich einem möglichen Weg, die einzelnen Stationen der Story abzuklappern sind etwas zu linear, geben aber Neulingen die Möglichkeit, sich besser zurechtzufinden. Wirkliche Core-Gamer werden sich relativ schnell langweilen, auch in Anbetracht der immer gleichen Kämpfe. Die Ausnahme bilden hier nur die Bosskämpfe, die dafür nicht nur toll aussehen, sondern auch ziemlich fordernd sind. Nach und nach findet Nilin ihr Gedächtnis wieder – dieser Punkt passt natürlich perfekt in die Story – und „lernt“ entsprechend neue Fähigkeiten. Das zwei-Button-Kampfsystem bietet insgesamt 4 verschiedene Kombos, die der Spieler mit bestimmten Elementen bestücken kann. Dies ist erforderlich um bestimmte Gegnerarten oder Bosse besiegen zu können. Als Beispiel: Die erste lernbare Kombo besteht aus den Tasten X-X-X. Die erste Taste intiiert die Kombo, die nächsten Tasten können mit freischaltbaren Angriffsarten belegt werden. Möchte ich dem Gegner lieber Schaden zufügen, mich heilen oder meinen Fokus – die Spezialattacken – schneller verfügbar haben? Dies ermöglicht ob der begrenzten Anzahl an Kombos, eine Mannigfaltigkeit an verschiedenen Playstyles, je nach persönlicher Präferenz.

Im Remix

Neo-Paris sehen… und sterben?

Eine Besonderheit bietet Nilins Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen zu „remixen„. Das ist – und ich erzähle euch hier keine Märchen – echt so richtig, richtig cool. Leider wird diese Funktion innerhalb der Story viel zu selten (ca 3-4 Mal) angewandt. Hierbei erlebt man in einem Kurzfilm eine vergangene Begebenheit der manipulierten Person,  in der man die Möglichkeit hat, diese zu beeinflussen, in dem man Kleinigkeiten verändert und mit der Umgebung interagiert. Diese Begebenheit ist natürlich lediglich im Bewusstsein seines Gegenübers abgewandelt und kann somit eine feindliche Gesinnung schnell ins Gegenteil verkehren. Leider ist die Seltenheit dieses Features an die Story gekoppelt und entsprechen selten anzutreffen.

Remember Me ist ein trauriger Fall von „Tolles Spiel – Schlechte Synchro“. Ich persönlich lege großen Wert darauf, dass die Sprecher in der deutschen Sprachversion zumindest halbwegs viel Talent mitbringen und nicht klingen wie in einem Direct-to-DVD-C-Klasse-Horrorfilm. Mit Ausnahme einiger herausragender (und bekannter) Sprachtalente, die allerdings nur in Nebenrollen auftauchen, kommt hier aber leider das Trashfilm-Feeling auf, weswegen audiophilen Spielern nach Möglichkeit der Wechsel zur englischen Originalversion nahegelegt wird. Warum das bei vielen, ansonsten wirklich guten Spielen ein solches Problem ist, wird mir auf Ewig ein Rätsel bleiben. Schlechtes Mixing, besonders wenn zusätzlich Hintergrundmusik im Spiel ist, lassen Dialoge leider manchmal auf eine kaum verständliche Lautstärke absacken. Auch dies habe ich bereits in einigen wenigen Spielen negativ bemängeln müssen. Dieser Umstand lässt mich dann denken, dass, wenn die Entwickler sich hier keine Mühe geben, der Dialog auch nicht so wichtig gewesen sein kann.

Ab und an bugt Nilin fröhlich durch die Spielwelt. Woran das liegt? Keine Ahnung, aber plötzlich schwebe ich in der Luft oder mache einen Rückwärtssalto zurück zum Levelanfang. Das ist zwar urkomisch, nach dem dritten Mal allerdings etwas nervig, da die Kletter- und Sprungpassagen sich zum Teil doch sehr ziehen und fast das einzige Gameplayelement zwischen den Kämpfen sind.

Fazit

Capcoms leider sehr nachlässig beworbener Titel ist eine echte Überraschung, positiv gesehen. Ein visueller Leckerbissen, der mich als Designer in Verzückung versetzt, kombiniert mit den Gameplayelementen einiger der besten Spiele dieser Spielegeneration. Die lineare Story und die fehlende Abwechslung sind zwar enttäuschend, werden aber immer wieder durch wirklich coole Features – wie das Remixen fremder Erinnerungen – rausgehauen. Das Spiel wird nie langweilig und beeindruckt mit seiner Detailverliebtheit und dem atemberaubenden Soundtrack. Wer auf Action-Adventures steht und auf distopische Augmentierungs-Science-Fiction abfährt, der darf sich das Spiel gerne ins Regal stellen. Core-Gamer, die sich an langen, gescripteten Kletterpassagen, Quick-Time-Events und einem relativ einfachen Kampfsystem stören, sollten die Finger vom Titel lassen oder erst zugreifen, wenn wieder mal ein Sale stattfindet. Dann aber bitte auch richtig, denn alleine für die optische Schönheit lohnt sich der Kauf.

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Remember Me was last modified: Juni 6th, 2013 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.