Disclaimer: Dieser Beitrag wurde nachträglich bearbeitet um den Poschmerz namentlich genannter Publikationen und Autoren zu lindern. Es wurde eine Anonymisierung vorgenommen und die Behauptung, gewisse Redakteure hätten keine Ahnung von Videospielen, entschärft. Wer jetzt noch ein gewisses Ziehen in der unteren Körperregion verspürt, muss wohl oder übel damit leben. 

Um den Krieg zu überleben, muss man selbst zum Krieg werden.

Und um schlechte Reviews zu schreiben, muss man anscheinend nur wenig Hintergrundwissen bezüglich Videospielen haben. So scheint es mir, als ich die bereits veröffentlichten Kritiken zum jüngst erschienenen Videospiel zu Rambo durchforste. „Dieses Spiel wird ihr Alptraum!“ titelt der Autor einer bekannten Publikumspublikation eloquent in seiner Kurzbesprechung zum Spiel. Der Tenor des Artikels ist hiermit determiniert: Kurze Sätze, großzügig gespickt mit bunten Adjektiven, erklären mir, dass ich das Spiel nicht kaufen soll, bezeichnen es sogar als „Mumpitz„. Besonders die Steuerung sei „völlig vermurkst„, schreibt der Autor.

Auch ein Fachmagazin widmet dem Rambo-Spiel nicht mehr als ein paar lieblos zwischen Abseilen und Abwischen niedergeschriebene Zeilen. Hier wird der Titel als „müder Moorhuhn-Verschnitt“ tituliert, er „bietet Magerkost auf dem Niveau eines Spiels aus den 1990er-Jahren„. „Dass man dafür 30 Euro berappen soll, zeugt vom geradezu schwarzen Humor der Entwickler…“ lautet das traurige Resümee des Magazins, das damit ganz klar vom Kauf abrät.

Ein Redakteur eines weiteren Magazins hat das Spiel zumindest durchgespielt, mehr als ich erstgenanntem Autor zutrauen würde. Zumindest nach dem knapp bemessenen Review, das jeder unbezahlte Blogger nach Genuss der Demo in den Äther jagen könnte. Aber auch dieser Redakteur ist alles andere als begeistert, doch begeht er auch den Fehler, das Spiel mit dem Film gleichzusetzen („Ich bin fassungslos, was die kleine Entwicklungsklitsche Teyon mit meinem Helden angestellt hat.„) und erliegt seinen Erwartungen, ein Spiel vorzufinden, das mit dem CoDs und Battlefields der letzten paar Jahre mithalten könne. „Hallo! Wir befinden uns im Jahr 2014!„, zetert er und spart nicht mit Moorhuhn-Vergleichen, wie sein zweitgenannter Kollege.

Trash, Rails und Arcades

RamboDoch betrachten wir Rambo: The Video Game doch mal mit etwas Abstand und gehen einen Schritt zurück. Noch einen, bitte. Wir schreiben das Jahr 1982 – viele Redakteure, die für angesehene Magazine schreiben, sind noch nicht einmal auf der Welt. Rambo ballert sich durch die Lichtspielhäuser der Welt, ist ein großer Erfolg und gilt heute noch als Klassiker der Filmgeschichte. Mit heutigen Maßstäben gemessen ist der Film natürlich – mit Verlaub – ziemlicher Schrott. Tonaussetzer, schlechte Schauspieler, miserable Effekte – Das bekommt man über 30 Jahre später doch sicherlich besser hin!

Selbstverständlich bekommt man das besser hin, doch gerade der Umstand, dass Rambo nicht den Anspruch erhebt, im Jahre 2014 noch sämtlichen Anforderungen an modernes Kino gerecht zu werden, vermittelt uns doch genau dieses Gefühl im Bauch, das wir haben möchten, wenn wir den Film zum dreißigsten Mal anschauen. Der Trash-Faktor schwingt immer mit, ist aber Teil der Erfahrung, die wir erwarten: Unterhalten zu werden.

house_of_dead_iii_04Einige Jahre nach dem dritten Rambo-Film, nämlich Mitte der Neunziger, tauchten die ersten ernstzunehmenden Lightgun-Games in den Spielhallen auf. House of the Dead, Virtua Cop, Time Crisis – Garanten für kurzweiligen Spielspaß mittels ewig gleichem Spielprinzip: Alles über den Haufen ballern, nachladen, wiederholen. Nicht umsonst waren diese Spiele über alle Maßen erfolgreich, denn gerade das Eingabemedium der waffenähnlichen Handfeuerwaffe war ein Publikumsmagnet sondergleichen. Die Reduktion aufs Wesentliche sorgte dafür, dass das Spiel schnell zu verstehen, aber schwer zu meistern war, schafften es die Bösewichte doch immer wieder, die Lebensenergie gen Nullpunkt zu treiben. Besonders viel Spaß machten die Arcade-Hits mit einem zweiten Spieler, der ein zweites Steuerkreuz über die Szenerie jagte und ebenfalls Kugeln in Schergenmassen pusten konnte.

Selbst vor den heimischen Bildschirmen machten diese Rail-Shooter nicht Halt – Sämtliche Plattformen wurden bedient, neue Titel kamen hinzu und irgendwann wurde auch die obligatorische Lightgun redundant. Gesteuert wurde fortan mittel Maus oder Controller. Sicher: Irgendwann war für diese Art von Spielen kein Markt mehr vorhanden, da die „echten“ Shooter die Bildfläche betraten und letztendlich die spielerische Vorherrschaft übernahmen.

Über Erwartungen und Empörung

Defending_Afghan_Camp2014: Ein Entwicklerstudio besinnt sich der alten Zeiten und wagt ein Experiment: Einen Film aus den achtziger Jahren, gepaart mit einem Rail-Shooter Marke „1995“. Das Ergebnis, das sie sich gewünscht hätten, wäre wohl gewesen, dass sich die Kritiker und Fans der alten Zeiten besinnen, darüber nachdenken, was ihnen vor 20 oder gar 30 Jahren Spaß gemacht hat, und sich den Allerwertesten abfreuen, in Anbetracht der Tatsache, dass diese beiden Herzstücke der Kindheit und Jugend nun zusammengefunden haben und eine nachvollziehbare Einheit bilden. Stattdessen wird solch ein Titel in der Luft zerfetzt, als hätte ihn der Teufel persönlich auf die Erde geschickt. Ob das nun mit absolutem Unverständnis der Intention oder Historie zu tun hat oder mit dem neugewonnenen Zwang, sich per se empören zu müssen, sei mal dahingestellt.

Forest_Hunt

Merkwürdigerweise sind aber genau die Kritikpunkte, die die Journaille Presse (Verzeihung, das war unabsichtlich gemein) als vollkommen inakzeptabel aufführt, genau die Punkte, die das Spiel zu dem machen, was es ist. Eine Hommage an vergangene Zeiten. Ein trashiger Ballerfilm. Ein Neunziger-Jahre-Spielkonzept. Tonaussetzer. Trash.

Selbstverständlich ist es ein spielerischer Alptraum; Quicktime-Events bis der Arzt kommt, stupides Geballer und Nachladeorgien. Aber genau hier liegt der Reiz: Das Gameplay ist affig-leicht zu verstehen, zu meistern bedarf es allerdings etwas mehr, als sich auf leichtester Schwierigkeitsstufe durch Call-of-Duty-esque Schlauchlevel zu ballern und das dann auf kommerziellen Websites in den Himmel zu loben. Da ist es klar, dass auch ein gestandener Redakteur Zeter und Mordio schreit, die Steuerung verflucht und Dinge gegen den Bildschirm werfen muss.

HopeDestructionDabei ist Rambo: The Video Game eigentlich recht einfach zu beherrschen. Ein Fadenkreuz wird per Analogstick über den Monitor gelenkt, ein Tastendruck feuert Bleisalven auf generische Gegner. Zwar bewegt sich der Charakter, wie man es gewohnt ist, selbstständig durch die Level, von Zeit zu Zeit ist es allerdings möglich, in Deckung zu gehen und von dort aus sein weiteres Vorgehen zu überdenken. Wen es überrascht, dass die Bösewichte zurückschießen, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Das Nachladen funktioniert per Minigame; Im richtigen Augenblick nachgeladen, erhält der Spieler das Doppelte an Munition. Bei schlechten Timing wird die Kugenanzahl in der Waffe halbiert. Das ist vielleicht nicht ganz logisch, aber setzt dem ohnehin schon hoch angesetzten Schwierigkeitsgrad noch ein Sahnehäubchen auf.

FinalBattleHier werden keine Grafikwunder erwartet – Sicher sehen die Zwischensequenzen hakelig aus, die Gegner könnten durchaus alle direkt miteinander verwandt sein und das Maschinengewehr klingt, als würde jemand mit einem Holzstock auf eine Blechdose schlagen… Aber auch hier müssen die Verhältnismäßigkeiten bedacht werden. Genau wie der Film hegt das Videospiel zum Hünen mit dem roten Stirnband keinerlei Ansprüche, State-of-the-Art zu sein. Niemand erwartet, dass hier die FrostByte-Engine wunderhübsche Welten auf den Screen zaubert, im Gegenteil: Das macht den Charme des Spiels aus. Genau das definiert den Spaß des Titels. Und Spaß hatte ich reichlich.

Verteufelt nicht das Spiel. Verteufelt den Redakteur, der das Spiel verteufelt. Und vor allem: Glaubt nicht jedem ohne nachzufragen. Spielt selbst, macht euch ein Urteil und entscheidet dann, ob ein Spiel „Schrott“ ist. Rambo: The Video Game ist weiß Gott kein Toptitel, aber alleine für das wohlige Gefühl im Bauch, die Originallines aus den Filmen und den Coop-Modus, der Mitte der Neunziger schon spaßig war, lohnt sich der Kauf. Ob das nun 30 Euro sind oder später 15. Ein angemessener Preis ist subjektiv – So wie bei jedem Spiel.

 

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Rambo: The Video Game was last modified: Februar 24th, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.