Overwatch ist eines der wenigen Spiele, die es geschafft haben, mich über ein Jahr an die Konsole zu fesseln. Sicher gab es da immer mal wieder Zeiten, in denen ich den Overwatch-Konsum reduzieren musste, aber im Großen und Ganzen war Overwatch für mich immer mehr als ein Spiel. Blizzard hat sich hier viel Mühe gegeben, die Spielebene zu erweitern; von purem taktischen Gameplay auf Kurzfilme, Hintergrundgeschichten, Shipping, Merchandise und Comics. Die kurzen Bildergeschichten, die in unregelmäßigen Abständen als kostenlose, digitale Fassung im Netz landeten, hat Blizzard nun gesammelt und nun auch in deutscher Sprache zusammen mit Dark Horse und Panini auf den Markt geworfen. Quasi pünktlich zum Start der OverwatchLeague.

Insgesamt 12 Kurzgeschichten (April 2016 – April 2017) haben den Weg in den Overwatch-Sammelband gefunden. Dass hier mittlerweile schon wieder so viel Zeit vergangen ist, dass die Spanne zwischen dem letzten abgebildeten Comic und Erscheinungsdatum über ein halbes Jahr beträgt, lässt auf einen bald erscheinenden zweiten Band hoffen. Dabei sind die Kurzgeschichten so unterschiedlich wie die Charaktere, von denen sie handeln.

McCree am Zug

Jesse McCree, der Revolverheld, erlebt in der ersten Geschichte eine rasante Zugfahrt. Man lernt hier ein Bild abseits des High-Noon-Duellisten kennen, denn McCree ist ein Verfechter des Gerechten und Guten. Der Zeichenstil von Bengal (Batgirl, Guardians Team Up, Spider-Women) ist nicht wirklich meins, die Geschichte auf 10 Seiten aber ist faszinierend und kurzweilig erzählt. Robert Brooks, quasi ein Blizzard-Stammschreiber, hat die Essenz des Cowboys gut zusammenfassen können und liefert eine emotionale und actiongeladene Story.

Drachentöter

In der zweiten Geschichte steht Reinhardt im Vordergrund. Der deutsche Hüne mit dem großen Schild und sein Team stolpern geradewegs in eine Situation, in der sie ein Dorf von einem „Drachen“ befreien müssen. Auch hier wird der Charakter des Protagonisten wieder in den Vordergrund gestellt, die Story wird fast zur Nebensache. Viele Elemente, die Spieler aus dem Videogame kennen, werden in „Drachentöter“ herangezogen, unter anderem Reinhardts massive Rüstung. Matt Burns‚ Geschichte wird hier stilvoll von Nesskain bebildert.

Ehrlich geht die Welt zugrunde

Was wäre Junkrat ohne Roadhog? Und was wäre Roadhog ohne Junkrat? Das explosive Duo von anderen Ende der Welt räumt in dieser Geschichte ordentlich auf. Die beiden Söldner nehmen hier einen Corporate-Job an, bei dem es darum geht, möglichst behutsam vorzugehen. Irgendwie klar, dass das alles nicht so recht klappen will. Eine kleine, sehr witzige Geschichte, die die Beziehung der zwei Chaoten etwas schärft und somit auch einige Eastereggs im Spiel erklärt. Hier durfte wieder Robert Brooks den Schreibstift ansetzen, während Gray Shuko die Zeichnungen beisteuerte.

Eine bessere Welt

In Geschichte Nummer vier darf Symmetra zeigen, was sie kann. Die Kämpferin ist hier äußerst widrigen Umständen ausgesetzt und gerät von einer gefährlichen Situation in die nächste. Ihr Sinn für Gerechtigkeit ist Symmetra hier Hilfe und Hürde zugleich. Die tollen Zeichnungen von Jeffrey „Chamba“ Cruz (Street Fighter, Marvel vs. Capcom) bringen eine tolle, aber teils bedrohliche Atmosphäre in die Story.

Nur die Mission zählt?

Pharah ist die Hauptfigur der nächsten Geschichte. Die zugleich actiongeladene wie auch emotionale Story wurde von Andrew C. Robinson geschrieben und die Zeichnungen stammen von Nesskain (bereits verantwortlich für die Reinhardt-Geschichte). Wer Pharah kennt, wird hier nicht überrascht sein, dass viel Feuer vom Himmel regnet; wirklich großartig umgesetzt!

Der Zerstörer

Unser Lieblingsschwede Torbjörn ist auf einsamer Mission. Ein riesiger Zerstörer wütet um sich und vernichtet alles, was im vor die riesigen metallischen Füße fällt. Gut, dass Torbjörn zur Stelle ist und auch genau weiß, was er zu tun hat. Die Story ist von Mickey Nielson, die unglaublich coolen Zeichnungen von Gray Shuko.

Vermächtnis

Unsere liebste Sniper-Heilerin ist auf einer Mission, während der sie auf alte Bekannte trifft. Für die Story um Ana, Pharahs Mutter, durften wieder Andrew C. Robinson und Bengal ran. genau wie in der nächsten Geschichte, die sich „Alte Soldaten“ nennt. Wieder gezeichnet von Bengal, dafür geschrieben von Michael Chu. Hier begegnen Soldier: 76 und Ana dem sprichwörtlichen Tod. Diesen Teil finde ich besonders spannend, da Reaper einer der Charaktere ist, die die meisten Geheimnisse umweben. Sehr cool!

Junkenstein

Die Halloween-Ausgabe der Overwatch-Comics handelt – wie sollte es anders sein – von unserem liebsten Doktor Junnkenstein. Die Charaktere treffen sich zur lustigen Kostümparty und erzählen sich das Schauermärchen von Junkensteins Monster. Eine der am besten illustrierten Storys (Gray Shuko ist hier verantwortlich) und zugleich eine der unterhaltsamsten (Matt Burns und Michael Chu haben hier gemeinsam Hand angelegt). Wirklich großartig.

Reflexionen

Die Kurzgeschichte um Tracer ist wohl die, die den größten Aufruhr in der Community verursacht hat. Hier wird die Titelheldin von Overwatch als lesbisch „geoutet“. Ich finde das unglaublich hervorragend und die Story transportiert diese Enthüllung sehr charmant. Dieses Weihnachsspecial trägt sehr viele Emotionen mit sich und man begegnet vielen Helden, die ihr Weihnachtsfest getrennt voneinander an den verschiedensten Orten verbringen. Autor ist Michael Chu, Zeichner Miki Montlló (Warship Jolly Roger).

Binäre Welt

Bastion und Torbjörn sind die Hauptfiguren dieser besonderen Geschichte. Man könnte fast meinen, als würden die Autoren zum Ende des Sammelbandes noch einmal die großen Emotionen auspacken. Ein verwirrter und angeschlagener Bastion soll vernichtet werden, doch Torbjörn erkennt das wahre Wesen des Kampfroboters. Die Zusammenarbeit des Autorenteams Matt Burns und James Waugh, zusammen mit den Bildern von Joe Ng trägt zu einer spannenden und kurzweiligen Kurzgeschichte bei, die zeigt, dass die Welt nicht nur aus Einsen und Nullen, Schwarz und Weiß besteht.

Der Aufstand

Pünktlich zum ersten Jahrestag des Spiels und dem damit verbundenen Jubiläumsevent „Der Aufstand“ (Uprising) veröffentlichte Blizzard den Comic zum wohl gravierendsten Ereignis der Welt von Overwatch. Die Omnics haben sich gegen ihre Erbauer erhoben und Tracer muss zu ihrem ersten Einsatz nach King’s Row. Hier trifft sie auf Torbjörn, Soldier und andere Helden. Toll gezeichnet von Gray Shuko, den ich unterm Strich als meinen bevorzugten Zeichner des gesamten Sammelbandes prämieren darf, geschrieben wurde die Geschichte von Michael Chu.

Am Ende der Overwatch-Anthologie finden sich noch Sketchbooks, die die zeichnerische Entwicklung von bestimmten Panels oder ganzen Seiten zeigen. Ich hätte mir noch eine Galerie gewünscht, die die Cover (ohne Beschriftung) im Großformat zeigt (und nicht nur klein in der Heftkladde) oder sogar einzelne, lose Seiten mit den Covermotiven, damit diese im heimischen Spielezimmer in hübschen Rahmen ihren Platz finden können. Diese sind nämlich grandios gezeichnet und zeigen die jeweiligen Titelhelden in wunderbarster grafischer Darstellung. Vielleicht ja nächstes Mal ;)

Overwatch: Anthologie Band 1 ist ein Must-Have für alle Fans, die die Comics nicht mehr nur auf dem Bildschirm lesen wollen, sondern hübsch aufgemacht in Papierform im Comicregal stehen haben möchten. Der Preis von 16,99 ist für die 128 Seiten mehr als fair.

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Overwatch: Anthologie Band 1 was last modified: Januar 19th, 2018 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.