Rutger Hauer ist ein Name, der in Hollywood’schen Gefilden ja schon seit Jahren keine große Begeisterung mehr hervorruft. Die größte und bekannteste Rolle des Niederländers ist wohl unbestritten die des Replikanten Roy Batty (Blade Runner, 1982), die ihn wohl für immer irgendwie mit dem Genre Cyberpunk in unserem Hirn verbunden hat. Grund genug für das polnische Studio Bloober Team, die man mittlerweile vor allem durch den Horrortitel Layers of Fear kennen könnte, den guten Rutger für ihr neuestes Werk, genannt >observer_ zu akquirieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der gute Mann all zu viel gekostet haben wird, zumal dem Schauspieler nicht besonders viel Arbeit zugeteilt wurde. Der Titel wurde auf der E3 2016 im Rahmen der PC Gaming-Show vorgestellt. Die knapp 30 Sekunden, die dort gezeigt wurden, weckten durchaus mein Interesse und ließen mich dem Release am 15. August 2017 mit Freude entgegenfiebern.

Horror im Cyberspace

Wir schreiben das Jahr 2084. Der Spieler schlüpft in die Rolle von Daniel Lazarski, einem Neural-Detektiv, der Teil einer vergesellschaftlichen polnischen Polizeieinheit ist, genannt Observer. Lazarski ist nicht mehr der Jüngste, seine Cyber-Implantate wollen nicht mehr so recht und auch er selbst ist ziemlich fertig mit seinem Job. Als er jedoch eine merkwürdige Nachricht von seinem Sohn erhält, den Lazarski schon sehr lange aus den Augen verloren hat, macht sich der Cop auf den Weg, um den Verbleib seines Filius zu untersuchen. Doch damit beginnt eine Abwärtsspirale, die Lazarskis Verstand zu zermartern droht. Während seiner Ermittlungen stößt er auf immer mehr Leichen, in deren Gedächtnis er dank seine Implantate eintauchen kann. Doch statt der erhofften Antworten findet er nur Horror, verwirrende Szenen und Verzweiflung.

>observer_ weiß durchaus zu überzeugen, allerdings nur, solange keine wirklichen Gameplay-Elemente ins Spiel kommen. Während sich der Protagonist in wirren Cyber-Träumen fortbewegt und das Spiel lediglich einen Walking-Simulator darstellt, habe ich tierischen Spaß. Es ist toll, alles zu entdecken, die Inszenierung ist großartig und die merkwürdigen Cuts und Zeitsprünge hieven die Erfahrung auf ein völlig neues Level. Sobald man aber ermitteln muss oder – Hilfe! – Schleichpassagen auftauchen, rutscht der Spielspaß in den Keller. Irgendwie möchte das alles nicht wirklich ineinerandergreifen und hinterlässt große Lücken im Spielspaß.

Ruckelige Voicelines

Während dessen liefert Rutger Hauer fast konstant irgendwelche Voice-Overs, die aber mehr als oft massive Betonungsfehler aufweisen. Selbst das gesprochene Intro, das an klassische 80er-Jahre-Zukunftsstreifen erinnert, ist vollkommen daneben, Hauers Voicelines klingen fast wie One-Takes eines Textes, den der Niederländer noch nie zuvor im Leben gesehen hat und auch keinen Schimmer hat, worum es im Spiel geht. Schade eigentlich, sind doch die restlichen Voice-Actors recht passabel, auch wenn der gezwungene Polnisch-Englische Akzent auf Dauer etwas nervt.

Grafisch ist >observer_ für einen Indie-Titel wirklich gut, auch wenn die getestete PS4-Fassung zum Teil unspielbar ruckelt. Und das, obwohl a.) das Spiel auf der wirklich gut skalierbaren Unreal 4-Engine basiert und b.) meine PS4 eine PS4 Pro ist und eigentlich zum Teil unspektakuläre Szenen gut darstellen können sollte. Bloober Team ist sich dessen bewusst und verspricht, sich dieses Problems anzunehmen. Dieses Problem bestand zu Release, es kann natürlich sein, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels alles glatt läuft.

Es ist wirklich faszinierend, auch welche Ideen die Entwickler in den Erinnerungs- und Traumsequenzen kommen. So wandelt sich der Cyberpunk-Thriller relativ schnell zum blanken Horror. Viele tolle Ideen und eine großartige technische Umsetzung verhelfen diesen Szenen dazu, zum absoluten Eye-Catcher zu werden und fesseln mit länger an die Konsole, als ich eigentlich wach bleiben wollte. Ich bin ein alter Mann und muss früh in die Heia. Dies ist aber ausgeschlossen, wenn ich gerade mitten in einer niemals endenden Achterbahnfahrt der geistigen Abgründe völlig kranker Köpfe feststecke. Toll gemacht!

Fazit

Wer sich auf das Experiment „Neurale Verbindung mit ermordeten Menschen“ einlassen möchte und den körperlichen und geistigen Zerfall eines Cops mit anschauen möchte, für den ist >observer_ ein Pflichtkauf. Ein gelungenes Experiment allerdings, welches deutlich Grenzen überschreitet und mich mit vielen Fragezeichen zurückgelassen hat. Die Gameplayelemente sind nebensächlich und machen selten Spaß, außerdem ist Rutger Hauer, der dem Protagonisten seine Stimme (und sein Gesicht) leiht, wirklich vollkommen daneben. Im PlayStation-Store kostet >observer_ knapp 36 Euro, was wohl etwas zu viel ist, um es „mal auszuprobieren“. Deswegen wartet entweder auf einen Sale und nehmt das Teil für nen Zwanni mit oder seid euch wirklich unglaublich sicher, dass das Spiel etwas für euch ist.

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>observer_ was last modified: September 2nd, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.