Ich bin ja ein wirklich sehr geduldiger Mensch. Abgesehen von The Last Guardian und Super Meat Boy gibt es wenige Spiele, die ich aus Frustration gegen die Wand hätte werfen können. Ja, doch, da gibt es eine Spielereihe, die mich fast noch mehr als alles andere auf der Welt zur Weißglut treibt: Dark Souls. Ich habe seinerzeit, bevor ich den ersten Teil in die Ecke warf, angefangen, ein Tagebuch über meine Erlebnisse zu schreiben. Lange hielt ich nicht durch, denn offensichtlich bin ich einfach nich für diese Reihe gemacht. Den zweiten Teil habe ich auch (viel zu lange) gespielt – Mit dem gleichen Ergebnis. Ich bin einfach nicht dafür geschaffen.

Das ist nun allerdings bereits einige Jahre her. Seitdem ist viel passiert und ich habe einige Dark Souls-Games (inklusive Ableger) nicht gespielt. Vielleicht lag es am Spiel, vielleicht aber auch am verantwortlichen Studio From Software. Keine Ahnung. Um dies herauszufinden, habe ich mir Nioh angeschaut. Team Ninja, die passionierte Spieler noch von Games wie Dead or Alive oder Ninja Gaiden kennen, sind nämlich große Fans der Souls-Reihe. Wer denkt, dass die Japaner hier einfach nur zu Teilen abgekupfert hätten, irrt gewaltig. Vielmehr hat das Studio hier schamlos kopiert und mit Nioh einen Dark Souls-Klon geschaffen, der sich vom Gameplay her auf den ersten Blick kaum von seinem großen Vorbild abzuheben scheint. Lediglich kleine (aber feine) Änderungen bringen noch mehr Variation ins Spiel. Beispielsweise die „Stances“, die den Spieler seine Waffe auf verschiedenen Höhen halten lassen und somit einerseits verschiedene Angriffsgeschwindigkeiten und -stärken zulassen, andererseits aber auch Einfluss auf das eigene Blockverhalten und das Abprallen der eigenen Schläge in der gegnerischen Verteidigung haben. Das führt dazu, dass das Souls-typische Metagame des Auswendiglernens und Perfektionierens mit Nioh noch weiter vertieft wird.

You arr a Pirate

Der Hauptcharakter des Spiels ist der Pirate William, der nach dem Vorbild William Adams geformt ist. Dieser stellte auch das Vorbild für den 1975 veröffentlichten Roman Shogun von James Clavell, in dem es um einen kaukasischen Seemann handelt, der sich in die japanische Gesellschaft eingliedert. Dieser Roman hatte ebenfalls starke Einflüsse auf die Story von Nioh. Allerdings muss ich beim Spielstart verwirrt blinzeln, denn William ist Geralt von Riva (The Witcher) wie aus dem Gesicht geschnitten. Hier hat Team Ninja die Griffel offensichtlich in viele verschiedene Richtungen ausgestreckt um sich zu bedienen. Ist allerdings gar nicht schlimm, denn das fernöstliche Thema steht dem Titel wirklich sehr gut. Auch thematisch hat sich das Team hier gut eingearbeitet, denn schon relativ schnell stellt man als aufmerksamer Spieler fest, dass es zwar Unmengen an Schwertern, Äxten und Speeren gibt, aber nicht einen einzigen Schild. Das liegt daran, dass Samurai eben jedes Kampfutensil niemals verwendet haben.

Nioh mistakes allowed

Leider hat mich die narrativ holprige Erzählweise und die Lücken zwischen Einleitung, dem darauffolgenden Tutorial und der beginnenden Story etwas aus dem Konzept gebracht. Der Verlust der gesamten Ausrüstung, die offensichtliche Relokalisation während des Trainings und der anschließende Neustart in der magischen Welt haben mich kritisch eine Augenbraue gen Himmel heben lassen. Wenigstens hat man in Nioh eine Möglichkeit, das doch etwas sehr komplexe Kampfsystem zu erlernen und wird nicht ins kalte Wasser geworfen. Schwierig bleibt der Titel dennoch. Denn ganz getreu des großen Vorbildes, wird in Nioh jeder Fehler bestraft. Falsch pariert kassiert man oft mehr als einen Schlag, der gerade zu Beginn fatale Auswirkungen auf die Gesundheit der Spielfigur hat. Ebenso können Fehlkalkulationen der Ausdauer die Fähigkeit, gegnerische Schläge abzuwehren, kurzzeitig außer Kraft setzen. Stirbt man den Bildschirmtod, wird man am letzten Speicherpunkt wiederbelebt, allerdings sind auch alle Gegner wieder da, wo sie vorher waren. Speichert man das Spiel an einem der Speicherschreine, werden ebenfalls alle Feinde respawnt. Und genau diese Schwierigkeiten im Kampf- und Speichersystem lassen Nioh nahtlos in die Souls-Riege schlüpfen. Das kann man mögen, muss man allerdings nicht. Ich persönlich bin kein Fan von solchen Gameplayelementen und nage vor Wut entsprechend oft am Controller der PlayStation 4.

Ungeschliffen einzigartig

Grafisch allerdings kann Nioh an keiner Stelle punkten und bleibt weit hinter den technischen Möglichkeiten eines 2017er Releases zurück. Da sieht selbst das etwas betagte Dark Souls II wesentlich besser aus. An der Atmosphäre, die Nioh trotz seiner brutalen Unverzeihlichkeit an den Tag legt, nagt das allerdings nicht. Die sonderbaren Welten, die stets von Stile japanischer Architekturkunst durchzogen sind, wirken durch ihr schlauchförmiges Design zwar etwas einengend, aber vielleicht macht gerade dies den Charme aus, der das Knochenharte des Action-RPGs noch unterstreicht. Eine gewisse Ungeschliffenheit umgibt den Diamanten, den Nioh in seinem Kern darstellt, der sich danach sehnt, mehr zu sein, als eine bloße Kopie des großen Vorbildes. Ein sehr ambitioniertes Projekt, das hinter der Vorlage zurückbleibt, allerdings seinen eigenen Charme mitbringt. Team Ninja kann sich getrost auf die Schulter klopfen, denn so sehr ich mit dem Genre auch nicht zurecht komme, so sehr mag es Freunde von Dark Souls, Demon Souls und Bloodborne in seinen Bann ziehen.

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Nioh was last modified: Februar 7th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.