Ich muss ja zugeben, dass mir der Reboot von Need For Speed (sowohl als Film, als auch als Spiel) ziemlich sonstwo vorbeiging. Den Film mit Aaron Paul hab ich mir dann irgendwann doch angeschaut. So blöd war der gar nicht. Was man aus einer Lizenz eines Rennspiels alles machen kann ist schon verblüffend. Was das Spiel betrifft, bin ich durch Zufall in die Präsentation auf der diesjährigen gamescom gestolpert und war positiv überrascht. Ich bin ja ein großer Freund von Rennspielen, auch wenn ich die meisten nicht beende. Driveclub liegt hier zum Beispiel seit Monaten rum.

Aber das, was James Mouat, seines Zeichens Lead Designer bei Ghost Games (die bereits für Need For Speed Rivals verantwortlich waren) für Need For Speed, da gezeigt hat, sah einfach nur atemberaubend aus. Ich hätte das Ding direkt eintüten und mit nach Hause nehmen können. Ging aber leider nicht. Aber immerhin ist Mouat jetzt auch arrcade-Fan.

Dass ich das Reboot nicht direkt mitnehmen konnte, heißt natürlich nicht, dass ich es nicht spielen würde. Klar. Das Ding hat mich total angefixt. Nach der etwas hakelig funktionierenden Open Beta letzten Monat, liegt hier nun endlich die PS4-Retailfassung des Grafikmonsters.

Was beim Start sofort auffällt: EA hätte gerne, dass man das Spiel always-on spielt. Ich muss mich auf die EA-Server verbinden und werde gefragt, warum ich denn keine PSN-Plus-Mitgliedschaft besitze. Ich bin kein Freund davon, mit Wildfremden Autorennen zu spielen. Das liegt daran, dass meine Mitspieler entweder viel zu gut sind, oder sich aufführen, wie die Wilden. Ich mag es, alleine durch die Stadt zu fahren, Missionen zu erledigen und die – ich wiederhole mich hier – die wunderhübsche Grafik zu genießen. Glücklicherweise kann ich das in NFS problemlos tun, leider immer unter der Prämisse, vorher die Fehlermeldungen wegzuklicken.

Natürlich kommt ein Rennspiel im Jahre 2015 nicht ohne Story aus. Klar. So schlüpft der Spieler in die Rolle eines namenlosen Rennfahrers, der es irgendwie schafft, ohne auch nur ein Wort zu sagen, eine ganze Clique von Rennfahrern als seine Freunde zu akquirieren. Von diesen neuen Freunden, die im Spiel von echten Schauspielern gemimt werden, hat jeder ein Spezialgebiet. Der eine ist Schrauber, der andere Drifter, der nächste ist ein Speedfreak… Die Aufgabe des Spielers ist nun, die Kumpels in eben jenen Gebieten zu beeindrucken. Dadurch gewinnt man innerhalb der Rennen an Popularität und steigt in der Riege der Racer von Ventura Bay auf. Später trifft man dann noch auf die sogenannten „Icons“, also diejenigen Rennfahrer, die das Optimum auf ihrem jeweiligen Gebiet darstellen. Dazu zählen Größen wie Magnus Walker und Ken Block (ja, genau der), die aber irgendwie nur schmückendes Beiwerk sind und viel zu spät eine wirkliche Rolle im Spiel spielen.

Dass dies durch die real gedrehten Zwischensequenzen in der Egoperspektive unfreiwillig komisch ist, war bereits auf der gamescom klar. Die Schauspieler bleiben zwar stets in der Rolle, man merkt aber deutlich den wohl etwas niedrigeren Anspruch, den Ghost an die Mimen hatte. Vermutlich wurden hier Phänotypen gecastet, keine Schauspieltalente. Zudem wirkt es immer etwas unbehaglich, wenn ausnahmsweise – anstatt Polygonpuppen – einmal echte Menschen dauernd in die Kamera sprechen. Immerhin haben alle Charaktere eine passable deutsche Synchro spendiert bekommen. Wer seinerzeit die Open Beta von Need For Speed gespielt hat, wird, sofern sein Englisch nicht allzu passabel ist, über viel Umgangssprachliches gestolpert sein. Da gilt nicht nur für die Synchronisation, sondern auch für alles Geschriebene. Ausnahmsweise hat die Lokalisation hier gute Arbeit geleistet, das ist man ja leider kaum noch gewohnt.

The YouTube ID of vLQGXHy5m6Y is invalid.

Der Frostbyte 3-Engine sei Dank – und hier kehre ich wieder zu meinem Lieblingsthema NFS betreffend zurück – sieht das Reboot unfassbar gut aus. Teilweise kann kaum zwischen Spielegrafik und Realfilm unterschieden werden. Dies haben sich die Macher zu Nutzen gemacht und sehr oft das Spielerauto als 3D-Modell in den einzelnen Szenen verbaut. Dies macht diese Sequenzen einzigartig für jeden Spieler – ein netter Touch, wenn man die Zwischensequenzen schon nicht überspringen kann. Dies tritt meistens auf, wenn sich die Mimen in der Garage der Gang aufhalten. Hier kann man nicht nur unendlich viele optische Einstellungen am Boliden vornehmen, sondern auch maßgeblich Leistung und Fahrverhalten des Autos verändern.

Und genau hier finden wir den Knackpunkt von Need For Speed. Ghost Games hat hier ein schweres Kreuz zu tragen, denn die Rennspielserie hat sich über die Jahre eine enorme Fanbase aufgebaut. Und in diesen Jahren hat sich Need For Speed enorm gewandelt, weswegen Customization im Mittelpunkt des Reboots steht. Ob man jetzt eher gewohnt ist, 100% Grip zu haben, wie in den klassischen Need for Speed-Games, oder ob man lieber arcadig um die Kurven driftet – Jedes Auto kann nach den Vorstellungen und Vorlieben des Spielers konfiguriert werden, das nötige Kleingeld für einstellbare Autoteile vorausgesetzt.

Großer Vorteil von Need for Speed gegenüber beispielsweise Ubisofts The Crew ist, dass man nicht immer als Erster die Ziellienie überqueren muss. Der allgemeine Fortschritt im Spiel ist wichtiger als der ewig gleiche Trott, als Sieger aus einem Rennen hervorgehen zu müssen. Das widerspricht sich zwar mehr als ein Mal mit der anschließenden Zwischensequenz, aber die Story ist ohnehin so dünn, dass das nicht wirklich etwas ausmacht. Auch die Spielwelt ist bei Weitem nicht so gigantisch, wie bei den Ubis. Zwar bewegt sich der Spieler in einer großen Stadt umher, die Anzahl der befahrbaren Straßen ist aber überschaubar und dient, wie man es z.B. aus den Underground-Teilen gewohnt ist, als Kulisse für verschiedene Renn- und Streckenvariationen. Man bewegt sich größtenteils in tiefster Nacht durch eine hochstilisierte Stadt, die hollywoodreife nasse Straßen und Neonlichter ihr Eigen nennt. Dies führt zum Teil – gerade in Polizeiverfolgungsjagden – zu einem absoluten Overkill an optischen Eindrücken, der, vermischt mit dem brachialen, basslastigen Soundtrack, der bei hohen Geschwindigkeiten einige Dezibel an Lautstärke dazu gewinnt, die die Immersion auf ein machbares Maximum anhebt. Sogar ein deutscher Rapsong ist dabei: Genetikk mit „Wünsch dir was“ dröhnen da durch die Boxen. In der Gesellschaft von The Prodigy, Netsky, Major Laser und The Glitch Mob scheint sich die Rap-Gruppe aber durchaus wohlzufühlen.

Wenn man über die Zwischensequenzen mit Fremdscham-Potenzial und die extremem Gummiband-Rennen hinwegsieht, bekommt man mit dem Need For Speed-Reboot ein solides Rennspiel mit einer Menge Möglichkeiten der Customization geliefert, das beide Fan-Lager der Franchise bedienen möchte und dies auch mit Bravour meistert. Wer auf flashige, fast hypnotische High-Speed-Rennen in der nächtlichen Großstadt steht, kommt um den Titel nicht herum und darf sofort zuschlagen. Wahrscheinlich wird der Preis spätestens zum PC-Release um einiges in den Keller purzeln, weswegen Unentschlossene mit dem Kauf noch einige Woche warten können.

Auch interessant

Need For Speed was last modified: November 12th, 2015 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.