Ich muss ja gestehen, dass ich großer Fan des Reboots der wohl bekanntesten Rennspielserie war. Damals einfach plan Need For Speed genannt, konnte der Racer vor allem optisch überzeugen, vom Gameplay und von den Fremdscham-Cutscenes her war das Teil leider nur mäßig. Im Großen und Ganzen konnte Ghost Games allerdings punkten und hinterließ bei mir trotz allem Zerriss der Fachpresse einen äußerst positiven Eindruck. Was das schwedische EA-Studio allerdings als Reboot-Nachfolger jüngst in die Spieleregale der Welt geschleudert hat, lässt mich fragend eine Augenbraue heben und meine Lippen die Worte „Was ist denn hier los?“ formen. Obwohl EAs jüngstes Schätzchen Need For Speed Payback einige gute Ansätze verfolgt, versucht sich das Spiel offensichtlich gänzlich neu zu erfinden, mit relativ wenig Erfolg.

Holpriger Einstieg

Damals war die Welt noch in Ordnung. Need For Speed Underground was das Maß aller Dinge und Fans weltweit warten auf ein Remake oder gar Reboot der Reihe. Warum Electronic Arts dieses Feedback vollkommen missachtet und stattdessen ein Spiel auf den Markt bringt, welches das genaue Gegenteil auf die Bildschirme der Zockergemeinde zaubert, ist mir ein vollkommenes Rätsel. Und das fängt schon ab der ersten Spielminute deutlich auf. Ein absolut generischer Protagonist, dessen Namen ich nur behalte, weil er alle 30 Sekunden durch meine Lautsprecher an meine Ohren dringt, sitzt in seinem Auto und fährt durch die Gegend. Plötzlich wechsle ich das Fahrzeug und fahre unter sinnbefreitem Gerede in der Haut eines anderen Charakters weiter. Und wieder ein Wechsel, und der dritte Charakter wird vorgestellt. Das alles erinnert mich etwas zu sehr an das Opening von Forza Horizon 3, allerdings in unglaublich cringeworthy. Dies ist übrigens der rote Faden, der sich durch das gesamte Spiel zieht, also falls ihr das Ding irgendwann mal in eurer Konsole rotieren haben solltet, stellt euch auf Fremdscham vom Feinsten ein.

Too Fast, Too Furious?

Die gefühlt erste Stunde mache ich nichts anderes, als mir Cutscenes anzuschauen und zwischen blauen Checkpoint-Halbkreisen hin und her zu fahren. Ich kann weder an den mir zur Verfügung gestellten Autos schrauben, noch die offene Welt erkunden. Das mag zwar okay sein, um über einen kurzen Zeitraum die Steuerung zu erklären, aber Rennspiele sind jetzt wirklich keine Raketenwissenschaft. Gas geben, bremsen, driften, Nitro. Das war’s. Wobei ich wirklich erstaunt bin, dass hier jedes Auto einen Nitro-Boost verbaut hat, aber das hat wahrscheinlich mit dem Fast & Furious-Ansatz zu tun, den die Entwickler hier in den Tenor des Games pressen. Die Gang, der Tyler, unser charakterschwacher Protagonist angehört, legt sich dabei mit dem hiesigen Kartell, dem „Haus“ an, was (wie der Titel des Spiels bereits vermuten lässt) aus Rache geschieht. Dass diese Rache durch Straßenrennen und Raubzüge vollzogen wird klingt nicht nur hanebüchen, sondern das ist es auch. Gut, ich spiele ein Rennspiel nicht wegen der guten Story, weswegen ich hier einfach mal beide Augen zusammenkneife und das verschwommene Ganze betrachte, was sicherlich im Rahmen der Umstände mehr ist, als man erwarten sollte. Und definitiv mehr, als der Vorgänger mit seinen over-the-top-Fremdscham-Dialogen und seiner typischen Underdog-Story kredenzen konnte.

Explosionen auf dem ersten Platz

Ein „Mehr“ gibt es auch beim Variantenreichtum der Rennen. Während sich das 2015er Reboot gänzlich auf Straßenrennen konzentrierte, bringt Need For Speed Payback frischen Fahrtwind ins Spiel; Driftrennen, Offroad-Fahrten durch Wüstengebiete sowie Drag-Races stehen hier auf dem Programm. Dabei bleibt Payback an jeder Stelle unglaublich arcadig und umfährt jedwede Simulationslastigkeit weiträumig. Kurven werden beinahe selbstständig genommen, der Bolide des Spielers bewegt sind fast wie auf Schienen durch die karge Spielwelt. Das soll nicht heißen, dass Need For Speed Payback ein einfaches Spiel ist, allerdings ließen sich die Entwickler dazu hinreißen, drei verschiedene Schwierigkeitsstufen einzubauen. Das war eines meiner Probleme beim Vorgänger: Die Rennen waren zu lang und das Gummiband viel zu stark. Abhilfe zu letztgenanntem Punkt schaffen die spaßigen Story-Missionen, die mich beispielsweise einen LKW verfolgen oder vor einem Helikopter flüchten lassen. Natürlich kommen die Explosionen hier nicht zu kurz, was schon wieder Pluspunkte auf dem „Joa, ist cool„-Konto gibt. Explosionen gehen halt einfach immer. Leider greift dem Spieler bei allem Spaß ein Prinzip ins Lenkrad, welches bereits in Ubisofts The Crew negativ an der Punktewertung knabberte. So muss man in jedem Rennen Erster werden, um in der Story voranzukommen. Das ist nicht nur nervig, sondern (oft) auch unnötig und verdirbt mir persönlich den Spielspaß spätestens nach dem dritten Neuversuch. Da man wirklich jedes Event fahren muss, stellt sich die Frage, wie nötig eine so riesige offene Spielwelt ist. Die Rennabläufe sind derart steif, dass das Herumfahren in der Stadt um von Event zu Event zu gelangen, im Grunde überflüssig ist und sich beinahe anfühlt wie Zeitverschwendung. Denn die World-Events, die hier aufgerufen werden, machen fast so wenig Spaß, wie das Sammeln der Collectibles in der Spielwelt.

Driften in Eisenhüttenstadt

Anstelle von nächtlichen, regennassen Straßen präsentiert sich Need For Speed Payback größtenteils bei hellichtem Tage bei wunderbarstem Wüstenwetter. Das hat natürlich zur Folge, dass die Effekthascherei, die beim Vorgänger für einen regelmäßigen „Wow!“-Effekt sorgte, hier gänzlich ausbleibt. Es ist, als würde man das neue T-Shirt, das im optimierten Licht der Umkleidekabine des Lieblingsklamottenladens noch phänomenal aussah, plötzlich im heimischen Schlafzimmerspiegel betrachten und ernüchternd feststellen, dass das sicherlich noch mehr geht. Die PS4 Pro kann hier nämlich kein schönes Bild auf den Bildschirm zaubern. Verwaschene Texturen, mit der groben Kelle geschnitzte Umgebungsmodelle, fehlende Reflektionen; Zum Teil sieht Payback aus, als hätte es bereits einige Jahre auf dem Buckel und wäre nicht erst jüngst in die Läden gekommen. Die Landschaften sehen zum Teil ganz nett aus, die Stadtregion allerdings besteht zum Großteil aus rechteckigen gräulichen Klötzen.

Lootboxen dank Echtgeld

Irgendwann reicht der Motor des Rennboliden nicht mehr aus, das merkt man daran, dass sich die Punktewertung des Fahrzeuges unter der Anforderung befindet oder man – lapidar ausgedrückt – ständig Staub frisst. Da hilft nur eins: Aufrüsten. Dank Dingen wie Turbolader, Motor, Getriebe und Auspuff kann das Spielerauto auf höhere Leistung getunt werden. Während man in der 2015er Version noch Ingame-Währung dafür aufbringen musste, muss man in Need For Speed Payback Teile-Karten sammeln. Diese können nicht nur im Spiel erhascht werden, sondern können, EA-typisch, auch in Lootboxen gewonnen werden, die gegen Echtgeld erworben werden können. Schwieriges Thema, wie ich finde. Ich selbst kaufe keine Lootboxen, in keinem Spiel, nicht einmal in Overwatch. Das ändert sich für viele Spieler natürlich sobald Lootboxen nicht mehr nur kosmetische Items beinhalten, sondern (auch) Items, die den Charakter im Multiplayer stärker machen oder sogar erst die Möglichkeit beinhalten, die Kampagne zu gewinnen (siehe diesen Shadow of War-Murks). Dies ist In Payback glücklicherweise nicht der Fall; man kann das Spiel ohne größere Probleme – natürlich nur, was die Leistung der Autos angeht, nicht die spielerischen Fähigkeiten – durchspielen, ohne auch nur eine Lootbox käuflich zu erwerben. Ich bin aber sicher, dass es da genügend Menschen gibt, die hier den Geldbeutel zücken, besonders wenn es darum geht, jedes Auto, das sich im digitalen Besitz befindet, auf Touren zu bringen, immerhin gilt es, die verschiedensten Disziplinen zu bestreiten.

Fazit

Grundsätzlich ist Need For Speed Payback kein schlechtes Spiel. Die Steuerung mag für den einen oder anderen zu arcadig sein, die Grafik ist weit von dem entfernt, was Ghost Games kann, die Story-Progression ist sehr erzwungen und das Lootbox-System jenseits von Gut und Böse, unter der Haube findet sich hier aber ein auf kurze Dauer spaßiges Rennspiel. Sicher ist das, was wir hier bekommen vom Umfang her mehr als der Vorgänger von 2015, aber mehr ist nicht unbedingt immer besser. Was die Entwickler zu diesen fragwürdigen Entscheidungen getrieben hat, darüber kann man nur Vermutungen anstellen, fest steht allerdings, dass hier irgendwo Elemente in den Designprozess eingewoben wurden, die hier nichts zu suchen haben. Schade eigentlich, war ich doch bei Ankündigung Feuer und Flamme, dass Need For Speed endlich wieder zu dem werden könnte, was es einmal war. Natürlich kommt nicht wirklich ein Spiel an die Grandiosität eines Forza Horizon 3 heran (oder gar der erste Teil, der war auch mega!), aber zumindest ernsthaft versuchen könnte man es ja mal.

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Need For Speed Payback was last modified: November 16th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.