Nach dem Hitzeinferno des zweiten Tages gibt es am Samstagmorgen bei Nieselregen nur eine Alternative zum Grind von Holocausto Cannibal: In die Karre verkriechen und Deaf Forever lesen! Die Possessed-Story ist dann so interessant, dass mich auch Hemdale noch nicht vor die Bühne locken können.

02 Evil Invaders 2Erst um 13:30 Uhr wage ich mich zu den Evil Invaders wieder auf’s Gelände. Die jungen Belgier zelebrieren den guten alten Speed Metal, als gäbe es kein Morgen und bereiten mir damit einen wunderbaren Auftakt. Das Bier schmeckt wieder und die Riffs wie auch das Stageacting machen Laune, ein Exodus-Cover rundet den Auftritt perfekt ab.

Diesen Energielevel können Zemial leider nicht halten. Mit vertrackten Songstrukturen und einer Bühnenshow, die wenn überhaupt nur bei Dunkelheit oder im kleinen Club funktioniert, tun sich die Griechen selbst keinen großen Gefallen. Nach diesem Auftritt fällt die Band für mich eher in die Kategorie „heimische Anlage & Starkbier“.

Die darauf folgenden Winterfylleth wehen leider auch nur als laues Lüftchen durch die brütende Hitze und wirken wie ein drittklasiger Agalloch-Abklatsch. Dem weiblichen Publikum und einigen Postmetal-Jüngern scheint das ganze jedoch zu gefallen: Die Briten, deren Bandname aus dem altenglischen stammt und übersetzt schlicht „Oktober“ heißt, ziehen für die Uhrzeit eine beachtenswerte Menge vor die Bühne. Auf dem Roadburn oder als exotischer Act beim Freakvalley würde mich die Show wahrscheinlich eher mitreißen.

03 KrisiunBei Krisiun werden dann endlich die großen Kaliber aufgefahren. Die neben Sepultura und Sarcófago wohl bekannteste brasilianische Band hat mit Forged In Fury ihr neues Album im Gepäck. So brandneu, dass es erst einen Tag zuvor offiziell erschienen ist! Ob neuer Kracher oder alter Gassenhauer, die drei Brüder kommen mit ihrem auf-die-Fresse Death Metal beim Publikum bestens an und geben entsprechend Vollgas. Bonuspunkte gibt’s in jedem Fall für Moyses und sein rotes Priest-Shirt!

04 Toxic HolocaustUm 17:30 Uhr ist es dann Zeit für eine meine Lieblinge Toxic Holocaust. Ein paar Tage zuvor standen die Jungs um Frontmann Joel Grind noch im Helvete zu Oberhausen auf der Club-Bühne, aber einen Festivalgig meistern sie genauso souverän. Mit den Bandklassikern Nuke The Cross und Bitch verabschieden sich die Amis nach einem energetischen Gig und geben die Bühne für Rotting Christ frei, die ich jedoch zugunsten der Zeltbühne auslasse.

Hier haben Lifeless zu Anfang des Sets leider mit Amp-Problemen zu kämpfen, Shouter Marc Niederhagemann nimmt es aber gelassen: „Dann müssen wir den Rest eben ein bisschen schneller spielen!“. Gesagt, getan, und so holzen die Dortmunder ihren Set mit äusserster Brutalität runter, was wohlwollend aufgenommen wird.

06 DeathriteDa der Weg zur Theke im Zelt nur wenige Meter beträgt, gönne ich mir direkt im Anschluss das nächste Bier und bleibe direkt vor Ort, um mir auch noch Deathrite aus Dresden reinzuziehen. Die Herren bieten ebenfalls sehr überzeugenden Death Metal und können mittlerweile schon auf Material von drei Alben zurückgreifen. Leider geht mein Plan, mir eines der extrem coolen Deathrite-Shirts zu kaufen, deftig in die Hose, sodass sich meine diesjährige Merch-Ausbeute tatsächlich nur auf zwei Deaf Forever-Patches beschränken soll… Langsam einsetzende Altersschwäche??? Man weiß es nicht…

Auf der Main Stage fangen grade Ghost Brigade an, eine Band, die all die Jahre irgendwie an mir vorbei gerauscht ist. So auch jetzt: Kurze Verschnaufpause zum Plausch bei Pils und Schwarzbier mit alten und neuen Bekannten im VIP-Bereich ist angesagt.

07 KataklysmUm 20:40 Uhr stürmen dann Kataklysm auf die Bühne. 2015 scheint das Jahr für die sympathischen Kanadier zu werden. Seit gut einer Woche ist ihr neues Album Of Ghosts And Gods raus, mit dem sie sich nun endgültig in die obere Death Metal-Liga gespielt haben. To Reign Again vom 2006er In The Arms… Album eröffnet den munteren Reigen, die Band wird frenetisch abgefeiert und lässt nichts anbrennen. Maurizio Iacono hat sichtlich Spaß und springt von einer Bühnenseite zur anderen, während Stéphane Barbe, der Frauenschwarm am Bass, beinahe ununterbrochen seine schwarze Matte rotieren lässt. Für einen kurzen Moment denke ich: Oldschool am Arsch – Die heimlichen Co-Headliner des heutigen Tages!

Kontrastreich geht es danach bei Mayhem zu, die es schon deutlich schwerer haben, das Publikum bei Laune zu halten. Während Fronter Attila Csihar in den Staatstopern dieser Welt bestens aufgehoben wäre, sieht Tieftöner Necrobutcher aus, als sei er grade aus dem Bett einer Entombed-WG gefallen. Alles in allem leider mehr Schein als Sein bei den Norwegern, obwohl mich die eine oder andere alte Schote dann doch noch für einen Moment mitreißen kann.

Als vorletzter Act stehen My Dying Bride auf dem Programm. Die graue Eminenz des britischen Doom zelebriert diese schwermütigste aller Spielarten wie kaum eine andere Band, aber letztlich bewegt mich lediglich der Titletrack ihres zweiten Albums, Turn Loose The Swans. Ich bin und bleibe eben ein Cathedral-Kind, wenn es um Zeitlupentempo geht…

10 SamaelSamael. Ceremony Of Opposites Special-Set. E-Drums… Es hätte so schön werden können! Über Sinn und Zweck des „Album am Stück“-Trends kann man streiten, aber Fakt ist, daß die schweizer Black/Industrial-Institution 1994 mit eben jener LP ein Monumentalwerk erschuf, das bis heute nichts von seinem schwarzen Glanz verloren hat. Stagnation ist sicherlich das letzte, was man der Band absprechen kann, aber wenigstens zu besagten ersten zehn Songs hätte ich mir allein schon aus optischen Gründen ein echtes Kit gewünscht. Abgesehen davon muss man Samael aber zugestehen, einen würdigen Headliner-Auftritt zu bestreiten. Bemerkenswert ist vor allem, daß in der zweiten Hälfte des Sets nochmal fünf von acht Songs aus der Phase ’95/’96 stammen. Insgesamt also eine 90er-Retrospektive mit leichten Abstrichen im aktuellen Soundgewand.

Tja, das war’s! Das P:S:O:A 2015 ist Geschichte. Zum Abschluss dröhnt What A Wonderful World über die PA und die letzten Liter werden im Partyzelt gekippt…

Abseits der Musik bleiben wieder mal nur positive Eindrücke: Security-Mitarbeiter, die auch ohne harschen Umgangston respektiert werden, trotz Hitzeoverkill immer ausreichende Getränkeversorgung, Qualitätsnahrung zu fairen Preisen und natürlich die familiäre Atmosphäre, die größeren Festivals häufig abhanden kommt. Ich freue mich schon auf’s nächste Jahr!

So war’s am ersten Tag

Und das Delirium von Tag 2

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Nachbericht Party.San 2015, Tag 3 was last modified: Oktober 21st, 2015 by Yorck Segatz

Videospiele sind ihm nicht hart genug, daher bemalt er in seiner Freizeit Warhammer-Männlein und hört währenddessen Death Metal. Lange Spaziergänge am Strand macht er nur mit, wenn er anschließend mit seiner He-Man-Figur spielen darf. Ansonsten ist er stubenrein und kann gut stillsitzen.