Manchmal mag ich ja diese Comics, in denen die Autoren abgedrehte „Was wäre wenn?„-Szenarien erdenken. Das geht manchmal so weit, dass alle zwei Seiten eine neue Geschichte beginnt, weil mal wieder spaßeshalber das gesamte Universum explodiert. In Jeff Lemires Version von Moon Knight wird die Frage beantwortet, was wäre, wenn Marc Spector sich seine Abenteuer als Moon Knight nur eingebildet hätte. Diese sitzt nämlich in einer psychiatrischen Einrichtung und halluziniert sich selbst in eine Welt des ägyptischen Superheldentums. Die Pfleger misshandeln ihn und machen ihm ein ums andere Mal klarer, dass er kein Held ist, dass seine Gespräche mit Konshu nur seiner Fantasie entspringen.

Dabei orientiert sich Lemire stark an der Neuausrichtung Moon Knights durch Warren Ellis im Jahre 2016. Dieser verpasste dem Mondritter eine weitere Daseinsberechtigung als weißgekleideter Detektiv Mr. Knight. Neben seinen Alter Egos, dem Millionär Steven Grant und dem Taxifahrer Jake Lockley eine weitere Identität, die Spector in seinen vielen Ausflüchten in alternative Realitäten durchlebt. Dieser Umstand ist unabdingbar, um die Geschichte, die hier aus fünf Einzelausgaben (Juni 2016 bis Oktober 2016) in einem 128-seitigen Sammelband zusammengefasst ist, zu verstehen. Denn Spector läuft hier durch unzählige unterschiedliche Szenerien, hat Flashbacks an seine vermeintliche Zeit als Moon Knight, wird aber immer wieder in die traurige Realität zurückgeworfen, in der er lediglich dem Wahnsinn verfallen ist.

Greg Smallwood als zuständiger Zeichner, der schon seit 2014 an Moon Knight mitzeichnet, schafft hier eine beklemmende Welt in satten Farben und grandioser Texturierung. Dabei beruft er sich teilweise auch auf ungewöhnlichere Methoden, wie Kugelschreiberskizzen oder stark zerkratzte Panels. Dies setzt die jeweilige Situation optisch immer in den richtigen Kontext und hilft, die raschen Szeneriewechsel zu verstehen.

Aufgrund der Thematik ist dieser Sammelband nur bedingt für Kids geeignet. Dabei bleiben die Bilder – mit Ausnahmen (Vorsicht, Mumienzombies!) – allerdings fast immer im verträglichen Rahmen. Die Story aber wird wohl ein Brief mit sieben Siegeln bleiben und durch die raschen Szenenwechsel, Flashbacks und Wahnvorstellungen eher Verwirrung als Verständnis hervorrufen. Ich empfehle Moon Knight #1 mit dem Titel „Willkommen im neuen Ägypten“ vor allem für Fans des Mondritters und Comicfans, die mit der Materie vertraut sind. Ein wenig Vorwissen wird hier nämlich vorausgesetzt.

(Leseprobe von mycomics.de)

 

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Moon Knight #1 was last modified: März 26th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.