Ich erachte mich ja selbst als jemanden, der sich eine gewisse Portion Common Sense zuschreibt. Ich beleidige selten andere Menschen und beschwere mich auch nur in Ausnahmesituationen öffentlich über gewisse Dinge. Um zu bemerken, dass nicht alle Menschen ihre Meinung nicht gezwungenermaßen der Allgemeinheit kredenzen müssen, reicht ein Blick in die sozialen Netzwerke. Gut zu erkennen ist hier das Mitläufertum, das inbrünstig um sich schlägt und die Twitter- und Facebookmeere aufschäumt. Einmal losgetreten, ist solch eine Welle der Wut kaum aufzuhalten und verwandelt sich schneller, als man „Was ist denn hier los?“ sagen kann, in einen Tobsucht-Tsunami.

Dabei wird eines völlig außer Acht gelassen: Es gibt bereits zur Genüge externe Kritiker, die mit Vorwürfen um sich werfen. Gewaltdarstellende Spiele seien der Auslöser für Amokläufe und Gewalttaten aller Couleur, warum wettern also Spielefans ebenfalls gegen ihr liebstes Gut? Da gebietet doch bereits der gesunde Menschenverstand den Gedanken, dass dies eher kontraproduktiv ist, nicht nur weil Spielehassern eben durch diese Argumentation ein Fundament nach dem anderen geboten wird.

Die neue digitale Empörung

Ein Phänomen, das ich gerne die „neue digitale Empörung“ nenne, wird hier zum traurigen Tenor und scheint fast als Selbstverständlichkeit, ja, sogar als Notwendigkeit zu gelten. Jeder ist ein Kritiker, jedoch wird die jeweilige Kritik im seltensten Fall konstruktiv dargebracht. Destruktive Dekonstruktion gibt es von allen Seiten zu jedem Thema; Film, Musik, Politik. Bedingt durch meine Filterblase, stoßen mir hier besonders die Gamer, also Enthusiasten des interaktiven Spiels, übel auf. Hier wird jede Neuigkeit einer jeden Franchise überanalysiert, jedes Spieldetail seziert, jedwede Lobhudelei bereits im Keim erstickt. Es scheint, als sei plötzlich nichts mehr gut genug, die Ansprüche der Gemeinde werden offenbar in den seltensten Fällen erfüllt.

Man könnte fast glauben, der Mob bilde sich, ein Mitspracherecht zu haben, was den kreativen Output der Entwickler angeht. Als seien sie die letzte Instanz, die entscheidet, ob ein Spiel in seinem momentanen Zustand ihren Ansprüchen entspricht. Selbstverständlich liegt es auch im Interesse der Verantwortlichen, das Echo aus der Community zu beachten, allerdings greift hier das Kleiner-Finger-ganze-Hand-System. Würde dem Ganzen nicht irgendwann der unvermeidliche Riegel der Ignoranz vorgeschoben werden, würde man sich hier im Kreis drehen. Die Masse agiert als subjektiv denkender Schwarm und kann nur begrenzt für voll genommen werden um ein gewisses Maß an Kreativität durchsetzen zu können. Denn nicht nur ist nichts gut genug, es ist gleichermaßen nichts korrekt genug.

Der Tod der Kreativität

Politische Korrektheit – wie auch immer geartet – kann nur den kreativen Tod eines Mediums zur Folge haben. Sich den „Regeln“ zu beugen bedeutet, den eigenen Intellekt an der Garderobe abzugeben, sich nicht entfalten zu können, um das Werk schaffen zu können, das im Geiste bereits Marktreife erlangte. Wer sich in dieser Situation noch fragt, warum Videospiele nicht endlich als Kunst anerkannt werden, darf sich beim forkenschwingenden Mob bedanken, der täglich eine andere Sau durch das Social-Media-Dorf hetzt. Dinge, die in anderen Medien wie Film, Musik und Buch nicht einmal beachtet werden, werden im Medium „Spiel“ bereits im Keim erstickt. Ob das nun an der gängigen Politik liegt, einen konstanten Informationsfluss gen Zielgruppe aufrecht zu erhalten oder an der Möglichkeit, eben jener Zielgruppe dadurch ein Forum zu bieten und diese Informationen zu bewerten.

Doch woher stammt der Drang des Publikums, ein möglichst generisches Endprodukt in den Händen zu halten? Einerseits wird eine jährlich erscheinende Shooterreihe ob ihrer fehlenden Kreativität verflucht und verhöhnt (aber dennoch gekauft), auf der anderen Seite wird bei jeder entblößten Frauenbrust, unabhängig vom Kontext, sofort die Sexismus-Flagge geschwungen. Sehen Videospiele in absehbarer Zeit so aus, dass der Käufer einfach sieben Stunden eine graue Fläche gezeigt bekommt, damit der Entwickler auch ja niemandem auf die werten Füße tritt? Wie viel Wert besitzt ein Endprodukt ohne Kontroversen, ohne Vielfalt? Wie können Videospiele, die sich selbst in Konformitäten zwingen lassen, noch den Anspruch erheben, Kunst zu sein?

Hashtags und Totschlagargumente

Dabei sind viele Phasen der Empörung einmalig und nur von kurzer Dauer. Meist beträgt die Halbwertszeit eines drohenden Schlaganfalls, ausgelöst durch ungezügelte Wut, ganze 12 Stunden. Liebevoll erdachte, kennzeichnende Hashtags, die zum Mitmachen und Mithassen animieren sollen, werden selten weiter als bis zum nächsten Aufregen getragen. Nur einige wenige Auserwählte schaffen es, selbst nach Jahren des Kampfes noch Beachtung zu finden. Das mag daran liegen, dass diese Kritikpunkte auf einer Metaebene funktionieren, auf der Menschen, die ihnen nicht zustimmen, als Kriminelle dargestellt werden können. Das, was der Volksmund als „Totschlagargument“ bezeichnet, kann also drei Ausgänge der persönlichen Attitüde haben:

1. Zustimmung
Welcher Mensch argumentiert gerne gegen die Mehrheit? Ist es nicht viel bequemer, kopfnickend durch die soziale Medienlandschaft zu schlendern und seine Fahne nach dem Wind zu richten? Dabei wird das Konzept nicht hinterfragt, weil die Argumentation ja klar dargebracht wird: Sei für uns oder du bist gegen uns. Und das möchte natürlich niemand. Die Angst vor Isolation und Ablehnung lässt Individuen oft zu Opportunisten transmutieren, was der „moralischen Ladung“, also dem emotionalen Potential der Sache zuzuschreiben ist.

2. Ablehnung
Ob nun der Trend, dagegen zu sein, oder die tatsächliche eigene Meinung: Es wird immer Individuen oder Gruppen geben, die sich gegen den Trend richten. Das ist nicht nur verständlich, sondern auch gut so. Nicht immer ist der Trend, wie oben beschrieben, der richtige Weg. Die Problematik ergibt sich aber von selbst: Ächtung, Kriminalisierung, Ausstoßung der Querdenker. Das liegt nicht per se daran, dass die Meinung der Andersdenkenden „falsch“ ist, vielmehr lassen die Trendsetter die andere Seite als moralisch schlecht erscheinen.

3. Schweigen
Der einfachste Ausweg aus der Misere, sich entscheiden zu müssen und der Krux zu entgehen, sich auf eine Seite schlagen zu müssen, ist oft, einfach gar nichts zu sagen. Die Angst vor Ablehnung und – im schlimmsten Fall – Kriminalisierung, weil gegebenenfalls die Tendenz der „moralisch schlechten“ Seite Zuspruch zu liefern einen Rückschlag hinsichtlich des sozialen Status mit sich brächte, bedingt das phänotypische Schulterzucken der scheinbar nicht Interessierten.

Blinder Hass und Morddrohungen

Sind Gamer also nur ein Haufen Mitläufer ohne eigene Meinung? Oder einfach nur Antipathen, die grundsätzlich ihren Senf zu allem abgeben müssen? Oder gar ein Konglomerat von Cholerikern, die blinden Hass in alle erdenklichen Richtungen abfeuern? Oder anders gefragt: Wen wundert es, dass Gamer von Nicht-Gamern nicht für voll genommen werden?

Auf Außenstehende wirken Fanatisten – bei aller Liebe – immer befremdlich. Zwar hat jeder Mensch etwas, für das er schwärmt, Geld ausgibt, etwas, in dem er Erfüllung findet, was hier aber zum Teil seine Wellen schlägt, ist an Absurdität kaum zu überbieten: Morddrohungen gegenüber Entwicklern, Journalisten oder Netzaktivisten. Vergewaltigungsvorwürfe oder -drohungen, Hetzkampagnen und Hasstiraden übelster Sorte.

Warum? Weil man es kann. Weil man die Plattform hat. Weil man immer jemanden findet, der in den Kanon einsteigt und aus voller Brust mitsingt. Weil derjenige, der am lautesten schreit, immer Recht hat. Ein kehliges Gröhlen klingt durch die Blogosphäre und hallt als Aufschrei wider, der mit jedem neuen Hashtag und jeder unnötigen Attacke gegen andere Menschen an Substanz und Relevanz verliert. Selbstverständlich finden wir Schutz durch die Teilanonymität des Netzes, dürfen wir das aber als Ausrede gebrauchen, diesen Schutzschild als Tarnmantel zu missbrauchen? Die Antwort liegt klar auf der Hand: Nein. Missbrauch, in wie auch immer gearteter Form, sollte nicht als erstrebenswertes Ziel gelten. Durch die hohe Frequenz der Empörungsrufe, die um die Welt gehen, nimmt auch die Zahl der Schweigenden konstant zu. Jeder Tag, der mit Gemotze und Genöle gefüllt auf genervte und abgehärtete Ohren trifft, bringt neue Schulterzucker mit sich und nimmt den Kontrast aus wichtigen Argumenten. Das geht so lange gut, bis nur noch eine graue Fläche aus Gleichgültigkeit und Übersättigung übrig ist. Man kann es nicht mehr hören. Man möchte es nicht mehr hören.

Was kann man also um der Relevanz Willen tun? Auch hier ist die Antwort einleuchtend: Differenzieren. Abwägen, was nun einen Skandal wert ist, die Relationen beachten, das Gesamtbild sehen. Nicht jeder kaukasische, männliche Protagonist ist einen Sexismus-Skandal oder einen Rassismus-Vorwurf wert. Alleine, dass Menschen über solche Dinge nachdenken und anprangern, ist eigentlich ein Zeichen dafür, dass sie selbst nicht die Fähigkeit besitzen, alle Menschen als gleich zu betrachten (was sie sind), sondern immer noch in Geschlechtern, Hautfarben, Religionen und sexuellen Orientierungen denken. Solange sich noch Menschen darüber beklagen, dass der Protagonist ein bestimmtes oder falsches Geschlecht hat, läuft irgendetwas nicht so ganz richtig. Auf welcher Seite, lasse ich hier mal dahingestellt.

Was am Ende bleibt ist die Unfähigkeit, zu verstehen, warum Gamer konstant und mit unbeschreiblicher Leidenschaft und Vehemenz gegen genau das kämpfen, was ihnen am Liebsten ist. Man mache ihre Spiele kaputt. Mittlerweile glaube ich, dass es da weder einen unfähigen Entwickler, noch einen geldgierigen Publisher zu braucht. Das schaffen die Gamer schon ganz gut alleine.

Titelbild, Quelle: Classic Movie Monsters, „Frankenstein“

Mit Forken und Fackeln – Der unbändige Hass der Gamer was last modified: August 29th, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.