Dieses Review zu Mass Effect: Andromeda hat mich wirklich einige Nerven gekostet. Nicht oft kommt es vor, dass ich nicht so recht weiß, wie ich über ein Spiel denken soll. Einerseits: Yay, Mass Effect! Lange warte ich schon auf eine Fortsetzung (oder viel mehr einen Reboot), leider kommt da die andere Seite ins Spiel: Meh. Stellenweise dröge, schlechte deutsche Sprecher und Performanceprobleme halten den Titel für mich auf der Waage der Neutralität.

Hallo Ryder, Tschüß Shepard

Fünf Jahre nach dem enttäuschenden Abschluss der ursprünglichen Mass Effect-Trilogie schicken EA und BioWare den Spieler erneut in galaktische Weiten. Diesmal allerdings nicht in die Milchstraße, sondern in die weit entfernte Andromeda-Galaxie. Und anstatt in die Haut von Commander Shepard zu schlüpfen, schlüpft der Spieler nun die die von Pathfinder Ryder. Ein Neuanfang, sowohl was die Galaxie, als auch die Story anbelangt. Leider beschränkt sich Mass Effect: Andromeda fast ausschließlich auf diese Faktoren. Es scheint fast, als würde BioWare stark an Vergangenem festhalten und trotz Umstellung auf die eigentlich leistungsstarke Frostbite-Engine nicht viel mehr bieten, als schon vor fünf Jahren.

Besonders auf der Konsole (getestet wurde auf der PlayStation4) erinnert Andromeda start an vergangene Zeiten. Damals, als PS3 und Xbox 360 noch längst nicht so viel Leistung brachten, wie die aktuelle Generation, ruckelten die Spiele zum Teil ähnlich. Und das trotz spärlich bewachsener Fauna auf vielen Planeten. Das alles mag auf leistungsstarken PCs in 4K vollkommen anders aussehen, meine PS4 leidet zum Teil aber doch schon sehr stark. Das hauen auch die oft diskutierten Gesichts- und Körperanimationen nicht mehr raus. Alles erinnert mich sehr an Spiele, die schon 2010 in meiner Konsole rotierten. Sicher, Grafik ist nicht alles, bei einer 40-Millionen-Euro-Produktion kann man meines Erachtens aber schon etwas mehr erwarten. Gerade im Vergleich zum hauseigenen Dragon Age Inquisition, das um Längen besser aussah. Alle FMV-Zwischensequenzen, die allerdings ausschließlich aus Raumschiff- und Weltraumfilmchen bestehen, sind derart stark komprimiert, dass man die Artefaktbildung selbst vom Andromedanebel aus sieht. Zudem ruckeln diese zum Teil fast genauso stark wie stärker bewucherte Planeten, was mehr als unverständlich ist.

Mass Effect will be Mass Effect

So sehr ich aber auch meckere, Andromeda ist im Herzen offensichtlich immer noch ein Mass Effect. Zwar fehlen mir die vielen liebgewonnenen Charaktere aus den Vorgängerteilen, es macht aber auch im Jahre 2017 immer noch einen Riesenspaß, die endlos dummen Dialoge durchzuklicken. Gerade die Flirt-Option lässt mich ein ums andere mal lachend die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das Ganze hat schon wirklich Fremdschampotenzial, gerade im Deutschen wirken sämtliche Dialoge wie frisch aus einer Science-Fiction-Seifenoper. Dies (und die deutschen Sprecher) sind mal wieder ein Grund, die Sprache, die man im Spiel unabhängig von der Sprache der Konsole einstellen kann, auf das englische Original zu stellen. Dann lässt sich die Andromeda-Galaxie auch einigermaßen erträglich erkunden.

Das macht nämlich, genau wie in den Vorgängern, den meisten Spaß. Während man eine anfangs verwirrende, später allerdings unglaublich spannende Story genießt, kriegt man nämlich allerhand Abwechslung geboten. Abgesehen von blöden Weltraum-Sudokus machen auch sämtliche Aktivitäten Spaß, selbst das Fahren mit dem sechsrädrigen Nomad (der einigen noch als „Mako“ bekannt sein sollte). Zwischen Gegnermassen, die gewohnterweise in großen Räumen auf den Spieler einströmen und kleineren Erkundungen sieht die Welt zum Teil wirklich gut aus. Besonders im Gegenlicht machen architektonisch hübsch konstruierte Gebilde einen tollen Eindruck.

Dornröschen in Space

Nach 600 Jahren Tiefschlaf in einer Kryo-Kapsel wird Ryder unsanft geweckt. Eine mysteriöse Energiewolke hat das Schiff, das circa 2.5 Millionen Lichtjahre weit in die Andromedagalaxie gereist ist, beschädigt. Hier sollte die Menschheit ein neues Zuhause finden, allerdings sieht es hier vollkommen anders aus als versprochen. Statt des Paradieses, das die Reisenden hier kolonialisieren sollten, findet sich hier nur unwirtliches Terrain. Die vorausgeflogene Raumstation hat nach einem niedergeschlagenen Aufstand der Kolonisten kaum noch Ressourcen zur Verfügung. Und wenn das noch nicht genug ist, terrorisieren auch noch feindselige Aliens, die Kett, die Galaxie. Nachdem Alec Ryder, der Vater der Hauptfigur, stirbt, wird die Aufgabe des Pathfinders an seinen Sprössling (in meinem Fall eine junge Frau) weitergegeben. Nun liegt es am Spieler, die Kolonisten in der Andromeda-Galaxie auf „den goldenen Pfand“ zu führen. Die typische Underdog-Story wird hier mehr zelebriert als erzählt. Besonders zu Beginn werden dem jungen Pathfinder unglaublich viele Steine in den Weg gelegt, die sich nur durch Kompetenz und Erreichen der gesetzten Ziele irgendwann du helfenden Händen wandeln. Ryder wächst hier an den gestellten Aufgaben, sowohl spieltypisch in Sachen Skilltree, aber auch persönlich. Trotz der mittelmäßigen Schreibe aus Richtung BioWare merkt man hier auf lange Sicht eine Intention.

„Auf lange Sicht“ ist der Tenor, den ich bei Mass Effect: Andromeda ausmache. Vieles, was das Spiel innerhalb der ersten Stunden auffährt, zündet nicht sofort. Alles wirkt lächerlich, gewollt, halbherzig. Erst später wird klar, was das Entwicklerteam dem Spieler damit mitteilen möchte. Mir ist nicht klar, wie sehr man sich trotz seiner Erfahrung in diesem selbstgeschaffenen Genre derart selbst im Weg stehen und den Einstieg so immens verkomplizieren kann. Es scheint fast, als würde sich darauf verlassen, dass nur hartgesottene Fans den jüngsten ME-Titel spielen und man die Fußspuren, die Commander Shepard hinterlassen hat, ohnehin nicht füllen können würde. Denn diese Meta-Entwicklung funktioniert nur bedingt, weswegen ich mich auch nicht wirklich entscheiden kann, was genau ich von Mass Effect: Andromeda unter dem Strich denn halten soll. Eines kann ich aber sagen: Man muss sich darauf einlassen, damit es zündet. Mit etwas Geduld wird man schon sehen, was da eigentlich in der Konsole liegt. Ein liebevoll gestaltetes Spiel mit ordentlich Tiefgang, das mit seiner Grafik-Performance, seinen Animationen und seinen Dialogen zu kämpfen hat. Wer weiß, was da künftig nachgepatcht wird – vielleicht wird das ja noch.

Besonders Fans der Reihe, Freunde von Weltraum-Seifenopern und Rollenspieler mit Hang zu unglaublich langen Gesprächen sollten hier zugreifen.

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Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.