Beobachtet Gore Verbinski, Jerry Bruckheimer und Charmebolzen Johnny Depp bei einer 250 Mio. Dollar teuren Grabschändung einer amerikanischen Legende! Wilder Westen, 1/36tel Indianer und frischer Pferdemist!

The Lone Ranger war von den Dreißigern bis in die frühen sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts in etwa das, was heute die Transformers sind: Massenkompatible Unterhaltung für eher… „einfache und ehrliche“ Menschen. Nur mit demokratische Werten, einem tadellosen Verhalten und einer kindgerechten Moral, die auf einer präriegrasdünnen Prämisse basierte. Schon damals gab es jedoch Schleichwerbung (allerdings eher für Waschmittel und Frühstücksflocken als für Softdrinks), eine eigene Spielzeugreihe (damals noch aus Blei, Papier und Pferdemist) und rund ein Dutzend halbgarer Adaptionen in sämtlichen verfügbaren Medien (früher: Steintafeln, Tastfunk, Brieftauben). Aber keinen Michael Bay. Und keine Roboterhoden. Aber auch keine Titten von dieser einen Brünetten aus der Wohnwagensiedlung in Tennessee, die seit dem nix mehr gedreht hat.

Der heiße Scheiß in Schwarz-weiß

Realisiert wurde The Lone Ranger mit rund 250 Mio. Dollar Budget und unter der Aufsicht der Spektakelspektabilitäten Verbinski, Bruckheimer, Elliott und Rossio (Fluch der Karibik) – und ich vermute einfach mal, mit nicht weniger als der Absicht, das Westerngenre wiederzubeleben. In Sachen Plot halten sich Gore und Konsorten nach einigen verworfenen Scripts mit einer Menge übernatürlichem Mumbo-Jumbo nahe an der „origin story“ des Rangers aus der ursprünglichen Hörspielserie:Interessanterweise ist der Lone Ranger dennoch nach wie vor nicht weniger als eine verdammte amerikanische Ikone und nebenbei für mindestens die Hälfte der Westernklischees auf http://tvtropes.org/ verantwortlich. Kickass Themesong, viel Geballer, noch mehr Kitsch! Damals war das der heiße Scheiß! Wenig verwunderlich also, dass Disney da einen Kinofilm drumrum schustern musste, da Unterhaltung aus der Zeit unserer Urgroßeltern schon letztes Jahr ganz super als Sommerblockbuster funktioniert hat, gell John Carter?

Schurke entkommt aus dem Knast und legt den heldenhaften Rangern, die ihm nachreiten, einen Hinterhalt. Fünf der sechs Gesetzeshüter stellen fest, dass exekutive Gewalt nicht kugelsicher macht. Dank der Hilfe eines Indianers überlebt Nummer 6 den Anschlag und greift zur Maske, um fortan als maskierter Held für Recht und Ordnung zu reiten, um den Schurken zur Strecke zu bringen. Und dabei natürlich nicht zu rauchen, zu huren und was sonst so alles Spaß macht.

In der 2013er Version kommt dann noch eine nette kleine Story um Brudermord, Bruderzwist und family values, ein bisschen mea culpa für den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern und bombastische CGI-Action dazu. Armand „Armie“ Hammer (aus nix, was man kennt) mimt in dieser Verfilmung den Protagonisten John Reid, der allerdings anders als in der Vorlage kein Texas Ranger, sondern (Staats)Anwalt ist (obvious metaphor is obvious). Entsprechend dürftig ist es um seine heldenhaften Fertigkeiten bestellt. Paragraphen zitieren und überteuerte Rechnungen ausstellen klappt super. Schießen, Reiten und böse Buben verhauen eher mäßig bis schlecht. Kurz – der neue Lone Ranger ist ne verdammte Pussy. Johnny Depp hingegen spielt Tonto, einen mysteriösen Kommanchenkrieger, der, von den Geistern seiner Vergangenheit heimgesucht, eine dämonsiche Kreatur namens Wendigo jagt. Hilfe erhält er dabei von einem offenbar magischen Pferdchen, das Tote erwecken und Seelen rückführen kann.

Wer ist hier der Held?

Range1Und hier beginnen die Probleme von The Lone Ranger. Der Held ist nicht nur ein blasser, charakterloser Penner, dessen Schicksal sogar den anderen Figuren der Geschichte ziemlich gleichgültig ist, sondern zudem auch noch ein verdammtes Arschloch, das seinen Lebensretter auch mal zum Sterben in der Pampa zurücklässt. Geiler Held, was? Offengestanden ist mir nicht ganz klar, weshalb der Streifen überhaupt The Lone Ranger heißt. „Tonto and his goofy Sidekick“ wäre der eindeutig bessere Titel gewesen. Nur um eins klarzustellen: Der vermeintliche Held des Films darf ruhig als Trottel und comic relief etabliert werden. Bei Scooby Doo und Hong Kong Phooey ist das die Prämisse der ganzen Serie.

Vorausgesetzt, dass man sich dann in den Sidekick einfühlen kann. Gerade das klappt aber beim Lone Ranger nicht – was am Script, an Johnny Depp und an der Regie gleichermaßen liegt. Depp spielt eine Figur, die zwar das Potential und die Geschichte für einen tollen Charakter hat, doch wieder und wieder für beschissene Witzchen missbraucht wird und Captain Jack Sparrow kanalisiert. Ein Beispiel: Nach einem veritablen Massaker an einem Indianerstamm wird die emotionale Szene mit einem Slapstick-Witzchen auf dem kotbesudelten Marterpfahl der grausamen Hure Comedy geschlachtet. Mal ehrlich Disney… ironische Brechung hin oder her, familiengerechte Unterhaltung gut und schön – aber das ist einfach handwerklicher Rotz und legt einen dampfenden Haufen Pferdemist auf die Vorlage.

Wenn Du den elenden, allgegenwertigen augenzwinkernden Humor ausblenden kannst, verbirgt sich noch immer ein unterhaltsamer Western unter all der Hollywood-Panade und der augenzwinkernden „Ach,-was-sind-wir-ironisch! Hihi,-ist-das-alles-cheesy“-Attitüde. In Sachen spaßiger Kampfchoreografie haben die „Fluch“-Macher nichts verlernt. Das furiose Final bietet eine Menge Schauwerte, unterhaltsame Anarchie auf der Leinwand. Leider vergeigt der unvermeidliche Hans Zimmer die charakteristische Wilhelm-Tell-Ouvertüre aus der Serie mit einer mehr als schwachen Interpretation. Selbst das schafft es aber nicht, dem Stück seine Wirkung im filmischen Crescendo zu rauben.

Critics gonna criticise

lone2The Lone Ranger wurde von den Kollegen in den Staaten in der Luft zerrissen. Leonard Maltin nannte ihn den schlechtesten Film des Jahres, andere Kritiker schimpften den Film ein kolossales „trainwreck“. Wir hier in der alten Welt haben die Gnade, dass uns weder der Charakter sonderlich am Herzen liegt, noch verfügen wir über ein unverarbeitetes kollektives Schuldbewusstsein in Beziehung auf ausgelöschte Stammeskulturen. Gore Verbinskis neuer Film ist bei weitem keine die cinematische Beleidigung, noch eine Schande für uns „Bleichgesichter“. Vielmehr ist es traurig, dass aus diesem einsamen Reiter für Recht und Gerechtigkeit nicht mehr als ein etwas fragmentierter und wenig origineller Möchtegern-Blockbuster nach aktueller Machart geworden ist.

Vielleicht liegt es an der gnadenlos ätzenden Ironie, die selbst vor dem „Hi-yo, Silver! Away!“ der Vorlage nicht haltmacht. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ein strahlender weißer Ritter ohne Ecken und Kanten nicht mehr in unsere Zeit passt. Helden sind nicht mehr die Pappspielzeugfiguren auf Basis der antiken Menschheitsmythen. Sie sind sterblich geworden. Und vielleicht sollte man das auch den Legenden der Vergangenheit erlauben… und sie nicht mit dem Gesicht voran durch Pferdekacke schleifen.

Und falls ich Hans Zimmer mal über den Weg laufen sollte, dann wird er notgezüchtigt! Mit einem Entenfuß!

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Lone Ranger was last modified: Juli 22nd, 2013 by Ingo Meuter

Er beurteilt Menschen aufgrund ihrer Meinung zu Rock n' Roll Racing, dem besten Spiel der Welt. Ingo steht auf großkalibrige Sturmgewehre, französische Comics und seinen Bonsaigarten. Er rechnet fest damit, 2015 in der ersten Goblinisierungswelle endlich zum Ork zu werden und hätte gern langsam mal einen Cyberarm.