Endlich ist es da, das Finale des gelungenen Mix aus Coming-of-Age und Zeitreisen. Es ist nicht allzu lange her, da stellten die Life Is Strange-Macher Dontnod den Umstand des „Reisens“ durch Fotos vor und damit die Schaffung von alternativen Realitätssträngen. Das ist nicht nur vom Film Butterfly Effect inspiriert, sondern schamlos abgeschaut, funktioniert im Spiel durch die filmartige, lineare Story aber sehr gut. Leider wird dieses Feature im Grande Finale etwas zu exzessiv eingesetzt und schafft so Plotlöcher und Logiklücken, die an keiner Stelle gefüllt werden. Ob das daran liegt, dass die Relevanz einer Erklärung als zu niedrig eingestuft wurde, oder ein tieferer Sinn der erzählten Geschichte weichen musste, kann ich nicht sagen.

Wohl aber, dass ich mir – besonders gegen Ende – etwas mehr erhofft hatte. Während die Konsequenzen von Entscheidungen während des Spiels immer den faden Beigeschmack von Effekthascherei hatten und nicht wirklich Einfluss auf die Entwicklung der Geschichte nahmen, beschränkt sich die einzige Wahl im gesamten Spiel, die tatsächlich etwas bewirkt, auf die Endsequenz. Jawohl. Rund drei Minuten am Ende von fünf Episoden, die den Spieler seine Entscheidung bewusst machen. Hätte man das nicht weiter nach vorne setzen können? Da wird so viel Arbeit in die Vision gesteckt, man könnte etwas bewegen, und eine reale Konsequenz wird erst nach rund 10 Stunden Spielzeit deutlich gemacht? Schade. Viel verschenktes Potenzial.

Die Kritik an der Spielmechanik ändert aber nichts daran, dass Life Is Strange ein großartiger Titel ist, dessen Großartigkeit aber durch eben jenen Umstand getrübt wird. Tolle Grafiken, Sprecher und glaubwürdige Charaktere geben dem Spiel die Tiefe, die es braucht um nicht als langweiliges Drama in der Ecke zu landen. Leider bot das episodale Abenteuer lediglich einen einzigen Cliffhanger, der mich die nächste Episode mit Hummeln im Hintern herbeisehnen ließ, alles andere plätscherte etwas dahin. Das lag vielleicht daran, dass Life Is Strange seine Releases zeitgleich mit dem unerreichten Tales from the Borderlands feierte, das zwar vom reinen Spielgenre ähnlich ist, aber einen völlig anderen Ton anschlägt und dadurch mehr Spannung und Spaß bietet. Es wird hier auch kein Hehl darum gemacht, dass TftB auf Schienen läuft, die letzte gewichtige Entscheidung fiel mir hier aber schwerer als im – auch von der Farbgebung her – immer düsterer werdenden Life Is Strange.

Immerhin können alle Menschen, die Episodentitel erst kaufen, wenn wirklich jeder Teil erschienen ist, bedenkenlos zugreifen, denn egal, wie ich jetzt die Scheinfreiheit ins Lächerliche ziehe, Life Is Strange ein tolles Spiel ist, das nicht übersprungen werden sollte. Denn ich bin sicher, dass dieser Titel noch einige weitere beeinflussen wird und das Genre in eine neue Richtung lenken könnte.

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Life Is Strange – Episode 5 was last modified: Oktober 29th, 2015 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.