LEGO-Spiele und ich: Eine lange Liebesgeschichte voller Höhen und Tiefen. Bereits seit über zehn Jahren bin ich großer Fan der Klötzchenspiele, musste aber ob des gigantischen Pile of Shames, der sich in meinem Spieleregal angehäuft hatte (ihr kennt das), ein kurze Pause von den zum Teil doch sehr zeitfressenden LEGO-Eskapaden machen. Mein letztes Spiel der Reihe war LEGO Batman 3, bei dem ich, trotz aller anderweitig geforderter Aufmerksamkeit, dann doch noch Platin (PS4) holen musste. Dies dauerte zwar um einiges länger als bei einem meiner liebsten LEGO-Games, LEGO Batman 2, allerdings gibt sich Traveller’s Tales, die mit der LEGO– und der jeweiligen Zusatzlizenz die bekannten Welten formen, bei jedem neuen Spiel immer größere Mühe, die Spielzeit in die Länge zu ziehen. So auch beim just erschienenen LEGO Marvel’s The Avengers. Man merkt deutlich, dass hier das gleiche Team Hand angelegt hat, wie beim Vorgänger, der Duktus ist unverkennbar. Sowieso merkt man innerhalb einer verLEGOfizierten Franchise immer die Eigenheiten der zugeteilten Entwicklertruppe.

Gigantisches Gameplaychaos

Alles, was „Marvel“ im Titel hat, spielt sich etwas chaotischer, als es sein müsste. Die Rätsel sind hier immer etwas schwieriger, was allerdings einzig an Mängeln in der Anleitung während des Spiels liegt. Irgendwie schaffen es die Entwickler hier nicht immer, eine klar verständliche Linie hineinzubringen und den gangbaren Weg auch als solchen zu kennzeichnen. So verkommt die ein oder andere Situation beim Erstspiel zu einem frustrierten Herumgestochere in den digitalen Abgrenzungen der LEGO-Welt. Das hebt die USK für alle anwesenden Personen im Raum automatisch auf 18, wenn ich beginne, Schimpfwortetiraden gen Bildschirm zu schmettern. Dies trat während des Spielens des jüngsten Ablegers glücklicherweise nicht mehr als vier oder fünf Mal auf. Mein Herz hätte auch nicht viel öfter mitgemacht. Im Alter (*34 Jahre) wird man da ja schon mal etwas empfindlicher. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch an die Dame am Warner-Messestand auf der gamescom 2015, die mich nach dem Spielen der Booth-Demo dazu beglückwünschte, der Erste gewesen zu sein, der die Demo jemals hat durchspielen können.

Nah am Original

Dabei ist die Grundlage eigentlich wirklich ideal: Ein gekonnter Mix aus zwei Franchises, die ja schon in der Vergangenheit gut miteinander harmoniert haben und für Freunde des neuerlichen Superheldenbooms ein willkommenes zusätzliches Erlebnis zwischen den Blockbuster-Kinoreleases bietet. Denn LEGO Marvel’s The Avengers bietet eine ziemlich umfassende Rückschau auf die bisherigen Abenteuer der bunten Avengers-Truppe. Nach einem gekonnt inszenierten Einstieg, der fast 1:1 aus Age of Ultron entnommen wird, einem kurzen Intermezzo, in dem wir uns durch den ersten Captain America-Streifen prügeln, und einer umfassenden Behandlung des ersten Avengers-Filmes, wären die meisten Spiele jetzt schon vorbei. Oder würden den Inhalt, den LEGO Marvel’s The Avengers ab jetzt noch bietet, als DLC nachreichen. Denn nach den ca drei bis vier Stunden, die das Spiel bis jetzt bereits in Anspruch genommen hat, kloppen wir uns munter durch den gesamten Age of Ultron-Film.

Dabei achten die Macher penibelst darauf, die Filmvorlage möglichst originalgetreu umzusetzen. Die Dialoge, Schnitte und natürlich auch die Story sind dabei deckungsgleich zum Echtwelt-Pendant. Allerdings wurde hier wohl die englische Sprachfassung als Ausgangslage genommen und die deutsche Lokalisation, die auch Namen wie „Hydra“ oder „Strucker“ eindeutscht, völlig außer Acht gelassen. Das führt dazu, dass der gemeine deutsche Kinogänger sich häufig aus der Immersion gerissen fühlen könnte, wenn plötzlich von „Heidra“ oder „Stracker“ die Rede ist. Dabei ist Disney doch so stolz auf ihre Lokalisationen (was sie – mit Ausnahmen – auch sein können).

Leider fehlt mir in LEGO Marvel’s The Avengers (was für ein Name!) der typische LEGO-Witz. Klar, hier und da wird man mit Holzhammer-Slapstick ins Gesicht geschlagen, aber die Running-Gags, die nomalerweise verbaut werden (z.B. die Sache mit den Schweinen) sind nicht zu finden. Anders als beispielsweise beim Trailer zu LEGO Star Wars VII, musste ich hier nicht wirklich lachen, durch die Nähe zum Leinwandvorbild hatte ich aber trotzdem eine Menge Spaß.

Alte Probleme

Ein Manko, das sich quer durch alle LEGO-Games zieht, ist die Gestaltung der Menüs. Aber ich bin hier berufsbedingt vielleicht etwas pingeliger als andere. Schrecklich. Kaum lesbare Schriften, unglaublich knallige Farben und eine User-Experience aus der Hölle, wobei ich hier zugeben muss, dass sich seit 2005 hier einiges getan hat. Nachholbedarf besteht hier aber nach wie vor.

Der Umfang, den man für vergleichsweise schmales Geld – LEGO-Games sind bei Release immer etwas günstiger als andere Spiele – bekommt, ist allerdings gigantisch. Das Hauptspiel alleine frisst bereits ca. sieben Stunden Lebenszeit, und wer vorhat, das Ding auf 100% zu drücken und eine Platin-Trophäe (PSN) sein Eigen zu nennen, der muss noch einiges mehr investieren. Denn wie man es gewohnt ist, steckt das Spiel voller Geheimnisse, Collectibles und vielen, vielen Figuren. Das ist in LEGO-Games, die eine offene Welt haben, oft fast zu viel, diesmal aber hält sich der Wust an Sammelobjekten und die zu investierende Zeit allerdings in Grenzen, was dem Spielspaß auf Dauer zugute kommt und nicht im absoluten Frust endet. Denn wenn man sich ein Mal vorgenommen hat, 100% zu schaffen, gibt man dieses Vorhaben so schnell nicht mehr auf.

Fazit

Zusammengefasst rufe ich ein „Toll!“ in den Raum. Trotz der schwierigen Bedienbarkeit an einigen Stellen und der fehlenden Übersicht ist LEGO Marvel’s The Avengers wegen der Nähe zum Original ein großartiges Spiel. Der marginal gestreute Humor trübt zwar das typische LEGO-Erlebnis, die liebevoll gestalteten Levels, die Hand in Hand mit dem filmischen Vorbild gehen, machen das aber wieder gut und formen ein gelungenes Spiel, das viele Stunden vor dem Fernseher fesseln wird.

Wenn das kommende LEGO-Spiel zu Star Wars – Das Erwachen der Macht auch nur annähernd so kongruent zum Leinwand-Äquivalent ist, werde ich wohl vor Freude sterben. Denn sowohl Avengers: Age of Ultron, als auch Star Wars Episode VII, waren meine absoluten Lieblingsfilme 2015.

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LEGO Marvel’s The Avengers was last modified: März 8th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.