Das schwedische Classic Rock-Schlachtschiff Graveyard legte am 28.10.2015 in Köln am schönen Rhein, genauer gesagt in der Essigfabrik, an. Im Schlepptau: Die Landsmänner Imperial State Electric, unter dem Kommando von Mr. Hellacopter Nicke Andersson himself.

Das perfekte nordische Doppel, auch wenn sich im Vorfeld so manche/r Besucher/in verwundert fragte, weshalb Graveyard den Headliner-Slot belegen sollten. Desweiteren fiel der verhältnismäßig hohe Eintrittspreis von über 30 Tacken im VVK negativ auf, aber die Halle war schon kurz nach Einlass für einen Kölner Wochentag beträchtlich voll, was eindeutig für die Qualität des Billings sprach. Die Bandbreite reichte dabei vom bärtigen Kuttenträger über alternde Flammenhemd-Veteranen bis hin zum süßen Indie-Girly, das aus der Visions von dieser „Tour mit so schnuckeligen Schweden“ erfahren hat.

Um kurz nach acht entern dann Nicke und seine Mitstreiter die Bühne. Wer die Mitglieder aus ihren früheren Kapellen kennt, wusste, was hier gleich geboten werden sollte: High Energy Rock’n’Roll bis zum Anschlag, große Posen und keine Zeit für unnützes Gelaber! ISE ließen von der ersten Sekunde an nichts anbrennen und feuerten einen Kracher nach dem anderen ins Publikum. Bei der Nummer Reptile Brain vom gleichnamigen Album übergab Tieftöner Dolf de Borst (The Datsuns) den Bass an Tobias Egge, um seinerseits voller Inbrunst den fanatischen R’n’R-Prediger am Mikro zu geben. Mit einer ausgedehnten Version des Knallers Throwing Stones vom ersten Album verabschiedeten sich die Elektriker und hinterließen verbrannte Erde in der Domstadt. Neben der geringen Lautstärke der einzige Wermutstropfen: Die Hymne Rock Science, welche zum gleichnamigen Brettspiel verfasst worden ist, schaffte es nicht in den Set.

Nach dieser R’n’R-Breitseite hatten es Graveyard schwer, um 21:15 Uhr mit ihrer doch recht minimalistischen Bühnenshow anzuknüpfen: Ein Backdrop sowie ein paar Blinder bildeten den Rahmen für die kommenden 90 Minuten. Die Band wirkte auf der großen Bühne ein bisschen verloren, auch wenn der „neue alte“ Bassist Truls Mörck auf der linken Seite ordentlich in die Saiten langte. Nach dem Einstieg mit dem Opener Magnetic Shunk vom aktuellen Album Innocence & Decadence begingen Graveyard leider den Fehler, ihren Hit Hisingen Blues zu früh zu verpulvern. So richtig wollte der Funke danach nicht überspringen, Band und Publikum wirkten irgendwie distanziert. Man kann an dieser Stelle selbstverständlich darüber philosophieren, ob den Songs eine extrovertierte Show überhaupt gut tut, aber Fakt ist: Die vier sympathischen Schweden sind bei einem schweißtriefenden Gig vor 200 Leuten wesentlich besser aufgehoben als auf einer weitläufigen Bühne wie die der Essigfabrik. Wer sie schonmal in Clubs wie dem Vortex in Siegen gesehen hat, weiß, was ich meine…

Unglücklicherweise hatte Frontmann und Frauenschwarm Joakim Nilsson zwischenzeitlich mit Mikro-Problemen zu kämpfen, was vielleicht auch zu einer gewissen Unlust beigetragen haben mag. Zwischen all den melanchonischen Stücken wie Exit 97 oder Slow Motion Countdown fiel ausserdem auf, daß neben eben erwähntem Hisingen Blues weitere ganz große Hits im Repertoire fehlen. Man leistete sich sogar den fragwürdigen Luxus, auf Goliath, die Single des letzten Albums, zu verzichten. Das grandiose Debüt wurde mit dem Übersong Lost In Confusion und Blue Soul zwar kurz angerissen, aber der Großteil des recht jungen Publikums schien die Gruppe erst ab der zweiten Platte für sich entdeckt zu haben. So blieb am Ende nur die Hoffnung, die „Satan’s Finest“ demnächst wieder in einer intimeren Atmosphäre erleben zu dürfen.

Ausführliche Interviews mit Musikern beider Bands demnächst hier auf arrcade.de!

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Konzertbericht: Imperial State Electric + Graveyard in Köln was last modified: November 3rd, 2015 by Yorck Segatz

Videospiele sind ihm nicht hart genug, daher bemalt er in seiner Freizeit Warhammer-Männlein und hört währenddessen Death Metal. Lange Spaziergänge am Strand macht er nur mit, wenn er anschließend mit seiner He-Man-Figur spielen darf. Ansonsten ist er stubenrein und kann gut stillsitzen.