Ich hasse Horrorspiele.

Nein, ernsthaft. Ich hasse sie. Ich bin eigentlich von Natur aus kein schreckhafter Mensch, auch Gruselfilme lassen mich in 95% der Fälle einfach nur kalt. Aber Horrorspiele… nichts für mich. Ich schreie ja schon wie ein Mädchen, wenn jemand bei Bioshock Infinite plötzlich hinter mir steht.

Und da liegt es vor mir. Kholat. Blahblah „Horror„, blahblah „unheimlich“ – Satzfragmente, die eigentlich nicht auf Games-Verpackungen stehen, die sich in meinem Spieleregal befinden. Und dennoch, vier Worte reizen mich sehr, Steam anzuschmeißen und mich ordentlich gruseln zu lassen: „Erzählt von Sean Bean„. Unser aller Liebling, größtenteils dafür bekannt, regelmäßig in Filmen und Serien das Zeitliche zu segnen, leiht dem Spiel seine Erzählerstimme. Wie schon einst dem Train Simulator. Kaum ein anderer schafft es, so etwas Banales wie einen Zugsimulator, so attraktiv zu verkaufen.

Ich steige aus dem Zug, draußen erwartet mich eine kleine Ortschaft. Schnee, überall. Ich spüre regelrecht die Kälte, die die hübsche Engine in reinstem Weiß auf den Bildschirm zaubert. Basierend auf einer wahren Begebenheit kämpfe ich mich durch den eisigen Wind. Beim „Unglück am Djatlow-Pass“ im Ural kamen 1959 neun Skiwanderer auf mysteriöseste Art und Weise ums Leben. Die genaue Todesursache konnte nicht ermittelt werden, weswegen das Areal des Unglücks für mehrere Jahre abgesperrt wurde.

Nachdem ich das kleine Dorf am Fuße des Gebirges hinter mit gelassen habe, wird es bereits übernatürlich. Nur mit Landkarte und Kompass bewaffnet, kämpfe ich mich durch unwegsames Terrain. Schließlich möchte ich herausfinden, was die armen Seelen getötet hat. Ich bereite mich darauf vor, mich hoffnungslos zu verlaufen und mehr als einmal vor Schreck vom Stuhl zu fallen. Aber Fehlanzeige. Wer halbwegs mit Kompass und Karte umgehen kann (und die russische Beschriftung des Geräts entziffern kann), wird keine Probleme haben, die langen Fußmärsche zwischen den Orten, an denen gewisse Events getriggert werden, zurückzulegen. Dabei wird schnell klar, dass Kholat kein wirkliches Horrospiel ist. Ich atme erleichtert auf. Zwar verdichtet sich die Atmosphäre während des Wanderns mitunter zu etwas, was man „gruselig“ nennen könnte, aber mehr als die Unterstreichung der narrativen Komponente, die Sean Bean hier abliefert, wird es zu keinem Zeitpunkt.

Und unterm Strich ist Kholat genau das: Ein Walking-Simulator mit ordentlicher Backgroundstory. Kein Inventar, keine Rätsel. Zwar kann man so etwas wie „sterben“, einen kurzen Ladebildschirm später ist man allerdings wieder auf den Beinen und kann in weiser Voraussicht die Hufe schwingen, um der „Erscheinung“ zu entkommen. Und wenn man am Schluss dann vor noch mehr Fragen steht, als beantwortet werden, erinnert man sich mit Sicherheit zumindest an die tolle Landschaft und die faszinierende Atmosphäre und das männliche Raunen von Sean Beans Stimme im Ohr. Und an die nette Editon, die Headup Games in gewohnter Qualität auf den Retailmarkt geworfen haben. Während Steam-Spieler rund 18 Euro (ohne Rabatte) bezahlen, zahlen DVD-Käufer momentan rund 17 Euro (also weniger) und bekommen dafür ein Poster, ein Comic und einen Button zusätzlich.

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Kholat was last modified: August 3rd, 2015 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.