Die lange Liste der Exklusivtitel, für die ich mir eigens nachträglich eine PlayStation 3 anschaffen würde, wird zunehmend kürzer. Denn nach und nach schaffen es immer mehr Publisher und Studios, ihre Spiele für die Next-Gen anzupassen. Höhere Auflösung und Framerate hüllen die „Klassiker“ in ein neues, hübscheres Gewand.

So ist es nun auch Journey ergangen, welches während der letzten Atemzüge der Großvater-Konsolengeneration das Licht der Welt erblickte. Selbstverständlich stand nach dem tosenden Jubel der Spielerschaft auch dieser Titel auf meiner Nachhol-Liste. Als stolzer Besitzer einer PS4 konnte ich die jüngst erschienene, aufpolierte Version des Schätzchen spielen. Endlich.

Wüste. Die Silhouetten einiger Grabsteine auf der Düne vor mir zeichnen sich vor der grellen Wüstensonne ab. Ich stehe auf. Meine dürren Beinchen tragen meinen Körper, der in eine braune Robe gehüllt ist, erstaunlich gut. Hätte man ihnen vielleicht nicht zugetraut. Ich laufe los, erklimme den steilen Sandberg und nutze die Aussicht, um das Ziel meiner beschwerlichen Reise zu entdecken: Einen hoch aufragenden Berg, von dessen Spitze ein helles Licht alles Umgebende erhellt.

Kurze Zeit später wird mir klar, dass Journey nicht nur unglaublich hübsch aussieht, sondern auch ein unglaublich schnell zu erlernendes innovatives Gameplay im Gepäck hat. Laufen, springen und die Aktivierung eines Lichts sind dabei die einzigen Elemente, auf die sich der Titel beschränkt. Dabei ist es fast unmöglich, sich in der Welt des Spiels zu verlaufen, der Weg ist immer klar vorgegeben – Sei es durch den steten Blick auf den leuchtenden Berg oder durch geschickte Platzierung von wegweisenden Streuelementen.

So springe ich fröhlich durch die Welt um die ersten Geheimnisse zu lüften und die perfekt wortlos erzählte Story zu entdecken, da fällt mir auf, dass mein Bildschirmrand anfängt, zu leuchten. Ich folge dem Licht und erhasche den Blick auf eine Gestalt, die – genau wie ich – die Spielwelt erkundet und Aufgaben erledigt. Ein zweiter Spieler also. Ich weiß weder seinen Namen, noch habe ich irgendeine Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren. Also entscheide ich mich dazu, ihn auf seinem Weg zu begleiten, die Aufgaben aufzuteilen, um mich dann mit ihm am Levelausgang zu treffen und die Reise durch die Welt fortzusetzen.

Merkwürdigerweise ist – wie die Story es vormacht – hier der gänzliche Verzicht auf Sprache das Beste, was Journey passieren konnte. Die Unwissenheit über die Identität des Mitspielers wird unwichtig, vielmehr drängen sich ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und eine tiefe Verbundenheit in den Vordergrund und verschweißen mich mit meinem unbekannten Kompagnon. So kämpfen wir uns über hohe Berge, dunkle Täler, gleiten gemeinsam durch die goldene Stadt und sterben einen eisigen Tod, nur um am Ende wiedergeboren zu werden, damit wir unsere Reise zum leuchtenden Berg erneut aufnehmen können.

Erstaunlich, wie der Multiplayerfaktor ein ansonsten zwar hübsches aber spielerisch mittelmäßiges Spiel (mit einem bombastisch-atmosphärischen Soundtrack), zu einem solchen Erlebnis machen können. Während mich 14-Jährige in Call of Duty, League of Legends oder Counter-Strike aufs Äußerste beschimpfen, macht man hier quasi in Nullzeit neue Freunde. Man wärmt sich gegenseitig im Schneesturm. Man wartet, bis der Mitspieler endlich den schwierigen Sprunge geschafft hat. Man nimmt sogar Umwege in Kauf, um dem Gefährten versteckte Geheimnisse zu zeigen. Wenn der gemeinsame Weg dann endet, wird ein Herz in den Sand gemalt und das Lichtsignal aktiviert, als einziges Mittel der Kommunikation. Denn beide wissen, dass dies der Abschied ist. Und gleichzeitig die Wiedergeburt. Um den Weg erneut zu gehen, um neue Gefährten zu treffen. Um neue Erfahrungen zu sammeln. Um das Gelernte an den nächsten weiterzugeben.

Selten habe ich – selbst in einem nonkompetitiven Titel – erlebt, dass Spieler solch einen Zusammenhalt zeigen, besonders, wenn sie sich nicht kennen. Meist läuft ein Mitglied der Party vor, sammelt alles ein und verschwindet dann auf Nimmerwiedersehen durch den nächsten Levelausgang. Tschüss. Danke für nichts. Am Beispiel von Journey allerdings sehe ich, dass es auch anders geht, was meinen Glauben an die Menschheit wieder für einen kurzen Moment aufleuchten lässt. Und genau das macht dieses Spiel so einzigartig. Die circa einstündige Reise durch Pixel- und Polygonwelten als transzendentales Erlebnis, dass den ein oder anderen nach dem erstmaligen Durchqueren zwar mit grübelndem Blick, aber mit einem warmen Gefühl in der Bauchgegend auf der heimischen Couch verweilen und den Abspann auf dem Bildschirm betrachten lässt.

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Journey was last modified: Juli 23rd, 2015 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.