Obskure Jobs und die Liebe zur Musik – Yorck im Interview mit Beggars-Bassist Sharlee D’Angelo! 

Sonnenschein ist Beggars-Time! Zwischen Buddahstatuen, Bierbänken und dem enormen Beehive einer Rockpalast-Regisseurin nimmt sich Basser Sharlee D’Angelo (u.a. auch bei Arch Enemy an den vier Saiten) gehörig Zeit, um mit uns über den Earth Blues, seine ersten musikalischen Gehversuche und einem Drahtseilakt im Ventilationsschacht zu plaudern. Aber lest selbst:

Sharlee und Yorck im Gespräch
Foto: © Mumpi Künster

Good, nice, AWESOME“: Drei Worte, die nach Sharlee’s Ansicht das neueste Werk der Spiritual Beggars am besten beschreiben. Damit liegt der schwarzhaarige Hüne verdammt richtig. Back to the roots geht das Werk, aber wirklich weit davon entfernt haben sich die schwedischen Urgesteine der Stoner Rock-Szene sowieso nie. Der allgegenwärtige 70’s Einfluss spiegelt sich diesmal auch im (meiner Ansicht nach potthässlichen) Cover wieder. „Du bist wahrscheinlich zu jung, um das miterlebt zu haben,“ schmunzelt Sharlee (Leider hat er Recht!), „aber in den 70ern gab es zwei weit verbreitete Poster, die so ziemlich jeder in seinem Zimmer hängen hatte: Zum einen den Sonnenuntergang mit zwei nackten Menschen davor, zum anderen den Atompilz, es war ja schließlich die Zeit des Kalten Krieges. Also hat Per (Wiberg, der wohl umtriebigste Tastenkönig der Metalszene) diese beiden Motive zu einem zusammengefügt. Mann und Frau als Symbol für die Geburt und das Leben, die Wolke als Sinnbild für das Ende der Welt.“ Eingespielt wurde das Album größtenteils live, lediglich hier und da kamen einige Overdubs hinzu. Seinen Signature-Bass nutzte der sympathische Rauschebart jedoch nicht, „da dieser eher auf ein extremeres Umfeld zugeschnitten ist. Ich habe ein paar schöne alte Instrumente, die dem Klang eines Precision Bass sehr nahe kommen. Passive Elektronik, verschiedene Hölzer… Mit dem Bandumfeld ändert sich natürlich auch die Spielweise, man passt sich automatisch dem Stil an.“ Das heißt im Klartext: Entspannte Grooves statt straightem Fundament.

Sharlee D’Angelo im Einsatz
Foto: © Mumpi Künster

Auch wenn die fünf Musiker nicht am selben Fleck wohnen, hat sich das neue Line-Up inzwischen doch gefestigt, die Begheads brauchen keine Angst zu haben, dass die Band zu einem Nebenprojekt verkommen ist: „Natürlich ist es schwer, gemeinsam abzuhängen, wenn man nicht in der selben Stadt wohnt, aber sobald man sich über den Weg läuft, treffen wir uns selbstverständlich auch abseits der Bühne.“ So viel also zum Stand der Dinge. Aber was steckt eigentlich hinter ‚dem Bassisten von Arch Enemy‚?

„Als ich etwa 13 Jahre alt war, sah ich in einem Geschäft, das eigentlich Radios reparierte, meine erste Gitarre. Gott, war das Ding runtergekommen! Um sie mir leisten zu können, mähte ich z.B. den Rasen und sparte, wo ich konnte. Als ich sie dann endlich hatte, spielte ich einfach drauf los und erfuhr erst wesentlich später, dass man so ein Instrument auch stimmen kann… Die Songs klangen also jedes mal völlig anders!“ Ein Grinsen kann sich Sharlee dabei nicht verkneifen. Das schöne Stück besitzt er immer noch, jedoch wurde die Klampfe irgendwann einmal Teil einer Kollision mit einem Speaker… Erste Gehversuche in Sachen eigene Band wurden mit so jugendsündigen Krachern wie Fire, 666 oder Poison (nach eigener aussage noch lange vor dem allseits bekannten Hairmetal-Unfall!) betitelt. Musikalische Früherziehung seitens der Eltern beschränkte sich auf Jazz (Vater), Elton John, Stevie Wonder und Simon & Garfunkel, sodass sich der junge Sharlee schnell Vorbildern wie The Who oder Deep Purple zuwendete. Auch heute noch hält er nicht all zu viel von anderen Stilen und gibt ehrlich zu Protokoll: „Wenn ich heute neue Bands höre, sind es meist welche, die mich an meine alten Faves erinnern. Natürlich horcht man hier und da mal kurz auf, aber für mich und viele meiner Freunde gilt, dass man sich hauptsächlich auf die Bands beschränkt, die man bis etwa Mitte 20 gehört hat. Irgendwann bist du einfach total übersättigt und bleibts in deiner ‚Comfort-Zone‘!“

Es wäre super, sagen zu können, dass man mal Totengräber war…

Obskurer Job für die Musik: Sharlee hat’s gemacht!
Foto: © Mumpi Künster

Ein trockenes „Die Tür verriegeln.“ erhalte ich als Antwort auf die Frage, was Sharlee als erstes macht, wenn er von einer Tour heimkehrt: „Ein bisschen Ruhe und Frieden schaden nicht, allerdings rufe ich natürlich auch einige Leute an und melde mich zurück. Aber generell ist erstmal Entspannung angesagt. Man muss wieder in einen normalen Tagesrhythmus reinkommen. Während der Tour versuche ich, ab und zu Sightseeing zu betreiben, aber es ist viel wichtiger, sich tagsüber ruhe zu gönnen. Als Musiker musst du zusehen, dass du erst gegen 23:00 Uhr zu deiner Höchstform aufläufst, wenn ’normale‘ Menschen schon längst reif für’s Bett sind. Nach dem Gig ist man meistens noch total aufgedreht, so dass man erst sehr spät ins Bett kommt. Früher habe ich natürlich auch jede Aftershow-Party mitgenommen, aber ab einem gewissen Alter liegt der Focus hauptsächlich auf der Show.“

Jeder Musiker kennt das: Um die Proberaummiete berappen zu können, braucht man stilecht einen total obskuren Nebenjob: „Hm… obskurer Job… lass mich kurz nachdenken. Es wäre natürlich super, sagen zu können, dass man mal Totengräber oder so was war…“ Oder Florist, werfe ich ein.

„Ich glaube, das würde mir sogar noch Spaß machen! Ich habe aber mal Ventilationsschächte in einer Lackierstätte von Volvo gereinigt. Das war wirklich obskur! Dort musste natürlich alles staubfrei sein. Gemeinsam mit ein paar anderen Nichtsnutzen hing ich da an Kabeln in den engen Schächten rum, ca. 30 Meter über dem Boden“, erinnert er sich und muss selbst erstmal darüber lachen. „Aber es wurde gut bezahlt, von dem Geld konnte ich mir einen neuen Bass und eine Ampeg-Anlage leisten.“

Das Zeitalter von Downloads und Tauschbörsen geht natürlich auch nicht an den Szeneurgesteinen spurlos vorbei. Sharlee ist bekennender Vinyl-Verehrer, schert sich einen Dreck um CD’s und sieht den ganzen MP3-Hype sehr nüchternd und gelassen: „Man kann es nicht zurückdrehen, also sollte man sich damit abfinden. Das schöne ist, dass trotzdem wieder mehr Vinyl gekauft wird, vor allem auch von jungen Leuten, die nie eine CD in der Hand hatten. Es ist eben für viele Musikliebhaber schon ein Unterschied, ob man einfach nur etwas anklickt oder das Artwork auf einem aufgeklappten Gatefold bewundert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich früher zum Plattenladen gefahren bin, sogar den Geruch mancher Scheiben vergesse ich bis heute nicht! Burn von Deep Purple war meine erste selbstgekaufte Platte, die letzte war ein vier Scheiben umfassendes Boxset von UFO. Dagegen habe ich bis heute noch kein Exemplar von Earth Blues“, prustet es aus ihm heraus.

Mit diesen Worten entlassen wir den Tieftöner, damit er sich nach einer kurzen Photo-Session auf die bevorstehende Rockpalast-Aufzeichnung vorbereiten kann.

Das Interview wurde am 16.4.2013 geführt • Alle Fotos: © Mumpi Künster – http://www.facebook.com/monsterpics.de

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Im Interview: Sharlee D’Angelo (Spiritual Beggars / Arch Enemy) was last modified: April 25th, 2013 by Yorck Segatz

Videospiele sind ihm nicht hart genug, daher bemalt er in seiner Freizeit Warhammer-Männlein und hört währenddessen Death Metal. Lange Spaziergänge am Strand macht er nur mit, wenn er anschließend mit seiner He-Man-Figur spielen darf. Ansonsten ist er stubenrein und kann gut stillsitzen.