Während in der schon gut gefüllten Konzert-Röhre der Bochumer Matrix bereits die scharzmetallischen Klänge der ersten Supportband in den Echoschlund entschwinden, quatschte ich Backstage einige Minuten mit Tomasz Wróblewski aka Orion, seines Zeichens Bassist beim heutigen Headliner Behemoth.

Tomasz Wróblewski Behemot Orion Interview

Der polnische Hüne entpuppt sich sofort als angenehmer Gesprächspartner, dem man seine Verwandlung zum Bassmonster einige Stunden später zunächst gar nicht abnehmen will. Der Eisbrecher zu Beginn lautet natürlich klischeebeladen: Wie läuft die Tour bisher? „Wir sind jetzt über eine Woche auf Tour und es läuft von Tag zu Tag besser. Wir präsentieren viel neues Material, aber mittlerweile sind wir gut eingespielt, so dass es uns immer mehr Spaß bereitet.“

Bevor wir aber weiter ins Detail gehen, will ich zunächst einmal wissen, wen ich hier überhaupt vor mir habe. Tomasz wuchs zur Zeit des Eisernen Vorhangs (U20? Klickst du hier!) in Polen auf, was natürlich Auswirkungen auf seine Liebe zum Metal hatte: „Es war sehr schwer, überhaupt an irgendetwas ran zukommen, seien es nun Instrumente oder die Schallplatten. Wir hatten es als Teenager nicht leicht, die Dinge zu tun, die wir uns in den Kopf gesetzt hatten und brauchten viel Zeit, bevor eine eigene Band überhaupt erst an den Start kam. Heute ist all das für die Kids natürlich sehr viel einfacher zu bewerkstelligen, nicht zuletzt Dank unserer Zugehörigkeit zur EU. Man kann sich einfach eine Gitarre für 200 € im Laden kaufen und loslegen, während ich als Kind mehrere Jahre für mein Instrument sparen musste.“ Die vielen Probleme, mit denen sich die Jugendlichen damals konfrontiert sahen, haben laut Tomasz aber auch eine gute Seite: „Wir waren umso fokussierter, je mehr wir für etwas kämpfen mussten und hatten den eisernen Willen, es damit zu etwas zu bringen. Einfacher Zugang zu hochwertigem Equipment macht noch lange keinen guten Musiker, wie ich finde.“ Ein kurzer Blick auf die heutige Musiklandschaft sollte dem Mann Recht geben, denke ich!

Ursprünglich startete Orion mit der Gitarre, wechselte aber in seiner zweiten Band zum Bass und kam 2003 bereits zu Behemoth. Sein allererstes Instrument, eine einfache Akustikgitarre, befindet sich erst seit einigen Wochen wieder in Tomasz‚ Besitz: „Als ich vor einiger Zeit bei meiner Mutter zu Besuch war, gab sie mir plötzlich eine Gitarre und meinte, ob ich wüsste, was das sei!“ erzählt er mit einem breiten Grinsen. „Ich weiß beim besten Willen nicht, wo sie die hergezaubert hat, aber ich war nach all den Jahren überglücklich, dieses Instrument wieder in meinen Händen zu halten.“

Erste Bühnenerfahrung sammelte Tomasz mit seiner Band Vesania in den verrauchten Clubs von Warschau. Ein Moment, auf den er bis heute immer noch gerne zurückblickt, spielte sich unmittelbar vor seinem ersten Auftritt mit Behemoth ab: „Wir spielten 2003 in Frankreich und als der Support loslegte, klappte uns erstmal die Kinnlade runter. Wir dachten blos: FUCK! Die ziehen uns ja gnadenlos ab! Bei dieser Gruppe handelte es sich um Gojira! Seitdem liebe ich diese Band einfach. Großartige Jungs und geile Musik.“

Das Bassmonster haut in die Saiten.

Das Bassmonster haut in die Saiten.

Soviel also zu Orion’s Vergangenheit. Kommen wir zur Gegenwart und seiner heutigen Rolle abseits der tiefen Töne bei Behemoth: „Auf der Business-Seite sind wir alle drei sehr eingebunden. Entscheidungen werden demokratisch gefällt, auch wenn Nergal nach wie vor der Kopf der Band ist.“ Wenn er mal nicht für Behemoth ackert, arbeitet Tomasz in einem Tonstudio. Da das alles sehr zeitaufwendig ist, hat er nebenher nur noch Zeit für eine einzige andere Band, nämlich die besagten Vesania.

Viel Freizeit bleibt ihm also nicht, da mit wachsendem Erfolg vor allem das Tourleben zunehmend den Alltag bestimmt: „Sobald man realisiert hat, dass man den Großteil seines Lebens auf Tour verbringt, wird man vernünftiger. Die Zeiten, in denen es noch um die Party ging, sind (fast) vorüber. Ich werde älter und merke das auch körperlich. Neben Promotion-Aktivitäten, wie z.B. diesem Interview, nutze ich daher die verbleibende Zeit, um mich fit zu halten.“

Mein Fragenkatalog nähert sich dem Ende, da darf eine kleine Selbsteinschätzung der größten Stärke/Schwäche natürlich nicht fehlen: „Puh, meine größte Stärke… Keine Ahnung…“ prustet Tomasz zunächst los. „Aber ich würde sagen, dass meine größte Schwäche definitiv mein Kontrollwahn ist. Grade die Dinge, die die Band betreffen, delegiere ich nur widerwillig an andere weiter. Ich glaube, manchmal wäre es besser, ein wenig Distanz zu diesem oder jenem zu wahren, um die Dinge von einem anderen Blickwinkel betrachten zu können. Aber ich will nun mal alles selbst erledigen.“
Da Behemoth ihre Vorab-Single zum Album zunächst nur auf 12“-Vinyl herausgebracht haben, interessiert mich noch Orion’s haltung zu Downloads, Streaming und Vinyl. In seinen Augen hat die CD als Medium ausgedient, er selbst streamt sehr häufig über Spotify. „Ich bezahle für Streams und Downloads, da ich der Meinung bin, den Künstlern etwas schuldig zu sein. Aber ich bin ein ebenso großer Fan von Schallplatten. Es ist einfach ein anderes Gefühl, sie in der Hand zu halten oder sich das große Inlay anzusehen. Genauso geht es mir übrigens auch mit echten Büchern und eBooks! Wann immer wir als Band die Möglichkeit haben, den Fans etwas besonderes zu bieten, tun wir das mit einem Vinyl-Release wie eben jener Single. Wir haben sie übrigens alle selbst nummeriert!“

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Zur Belohnung für die Geduld mit dem kleinen Fanboy (also mir…) darf Orion noch kurz mit Modulok spielen. Zunächst etwas verdutzt ob der Aufgabe, die Figur zusammenzusetzen, hat er dann doch sichtlich Spaß dabei!

Tomasz Wróblewski Behemot Orion Interview_4

Das Interview wurde am 15.2.2014 in der Matrix in Bochum geführt • Fotos: © Thorsten Fiolka, Header: © Nuclear Blast

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Im Interview: Orion (Behemoth / Vesania) was last modified: Februar 18th, 2014 by Yorck Segatz

Videospiele sind ihm nicht hart genug, daher bemalt er in seiner Freizeit Warhammer-Männlein und hört währenddessen Death Metal. Lange Spaziergänge am Strand macht er nur mit, wenn er anschließend mit seiner He-Man-Figur spielen darf. Ansonsten ist er stubenrein und kann gut stillsitzen.