Ashmedi – Weltbürger und treibende Kraft hinter einer der facettenreichsten Metalbands der letzten Jahre, nahm sich während der laufenden Tour zum neuen Album Enki am 10.5.2015 Zeit, einige Fragen zu beantworten. Natürlich durfte am Ende eine Runde Modulok-Action nicht fehlen…

Aber lest selbst:

 

Wie verläuft die Tour bis jetzt?

turock_konzertAshmedi: Sehr gut! Gestern haben wir unser neuntes Konzert gespielt und es geht weiter bis Ende des Monats. Insgesamt haben wir drei Tage frei, morgen ist z.B. einer davon. Der nächste Day-Off wird in Barcelona sein, was ziemlich cool ist, da wir dann den Tag am Strand verbringen können. Aber nach 10 Gigs am Stück freue ich mich erstmal auf die morgige Pause!

Wie verbringst Du Deine Zeit abseits der Bühne?

Ashmedi: Mit ficken! Nein, natürlich nur Spaß… Ob Du es glaubst oder nicht, das wichtigste für mich ist Schlaf nach zu holen. Man kommt auf Tour zu selten dazu… Ansonsten spiele ich Xbox und sehe mir Filme an. Auf Tour wird man irgendwie zum Kind! Melechesh zu managen ist sehr anstrengend, aber jetzt habe ich einen Tourmanager und unsere Crew um mich herum, alles, was ich zu tun habe, ist auf die Bühne zu gehen und zu spielen. Daher nutze ich die Zeit, um mal so richtig abzuschalten.

Welche Games zockst Du und was für Filme schaust Du Dir an?

Ashmedi: Eigentlich bin ich kein Gamer, aber als ich meinen Laptop bei Media Markt kaufte, gaben sie mir die Xbox dazu. Ich bekam Halo und mochte es sehr, daraufhin spielte ich Halo 3 und spiele jetzt Halo 4. Die anderen Jungs spielen Mortal Kombat und DC Universe. Filme gucke ich eher selten, lieber schaue ich mir Cartoons oder Serien an, z.B. Bob’s Burgers oder Homeland. Die meisten Serien, die ich mag, habe ich komplett gesehen, mittlerweile downloade ich einfach Zeug, das ich gar nicht kenne!

Hast Du den Halo-Film gesehen?

Ashmedi: Ja, ich fand ihn cool! Ich stehe total auf diesen ganzen Sci-Fi-Kram.

Lässt du dich davon auch musikalisch inspirieren?

Ashmedi: Nein! Ganz und gar nicht. Wie gesagt, ich spiele nicht sehr viel, sondern eher nur 20-30 Minuten am Stück, wenn es hoch kommt. Das mache ich eher, um den Kopf frei zu bekommen. „Brain Vacation“, wie ich es nenne! Einfach mal das Hirn abschalten und sich berieseln lassen… Das tut ab und an ganz gut.

Kommst Du gut damit klar, zu später Stunde auf der Bühne Vollgas zu geben?

Ashmedi: Ja, mit der Zeit wurde es zur Routine. Ca. eine Stunde vor der Show putsche ich mich mental auf, mache Atemübungen und ein bisschen Stretching. Dann werde ich zu einem völlig anderen Menschen.

Überhaupt bin ich das Touren mittlerweile gewöhnt. Für unser letztes Album (The Epigenesis, 2010) haben wir insgesamt acht Touren absolviert. Eine davon war verrückt: Wir waren zunächst sechs Wochen in Europa, hatten fünf oder sechs Tage Pause und gingen dann nochmal fünf Wochen in die USA. Also beinahe drei Monate am Stück on the Road… aber es macht Spaß!

Wo trittst Du am liebsten auf?

modulok_komplettAshmedi: Einen speziellen Ort gibt es nicht, das variiert sehr! Es kommt auch immer auf die Zeit an. Wenn man z.B. sonntags oder montags in Rumänien spielt, während draußen ein Sturm tobt, ist es etwas völlig anderes, als dort an einem Samstag zu spielen, wenn die Fans ordentlich trinken und feiern können. Obwohl die Leute in Rumänien oder auch Litauen eigentlich immer ziemlich abgehen, wenn wir dort spielen. Über die Finnen sagt man, sie seien sehr reserviert, aber wenn wir beispielsweise in Helsinki spielen, rasten sie total aus. Das ist es, was wir wollen. das ist unsere Lieblingsshow: Wenn das Publikum Spaß hat und mitgeht!

Aber wenn du mich nach Orten als solche fragst, würde ich Barcelona oder Portugal nennen, weil man an den Strand gehen kann. Außerdem kenne ich dort auch ein paar gute Restaurants, die ich regelmäßig besuche, wenn es uns mal wieder dahin verschlägt. Los Angeles schätze ich auch sehr, weil meine Tante um die Ecke unseres Stammclubs wohnt. Als Kind lebte ich u.a. dort. Während unserer Headliner-Tour durch die Staaten hatten wir zufälligerweise unseren Proberaum nicht weit von dem Haus entfernt und meine Cousine brachte uns immer Kaffee, während wir die Songs runter spielten! Es fühlt sich eben immer noch wie meine Heimat an…

Vor einem Monat spielten wir in Israel, das war vielleicht abgedreht, kann ich Dir sagen! Der Promoter sagte mir während der Show, dass ich das Publikum beruhigen solle, weil drei Personen ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Von Anfang bis Ende war der Gig ein einziger großer Moshpit! Dazu musst Du auch wissen, dass die Tickets für solche Shows extrem teuer sind, umgerechnet 50 oder 60 €. Es ist eben kostspielig, Bands dorthin zu bringen. Nicht so wie hier, wo man für 20 € gleich mehrere bekannte Bands sehen kann. Daher drehen die Leute entsprechend ab. Hinzu kam sogar noch, dass der Club die Klimaanlage abstellte, was bei über 30° wirklich kein Spaß ist! Als ich nach der Ursache fragte, bekam ich als Antwort: „Damit die Leute mehr trinken.“ Ich dachte nur: Ihr Motherfucker! Daraufhin warf ich einige Wasserflaschen ins Publikum.

Du hast vorhin schon ein Thema angerissen, als Du von Serien und Filmen erzählt hast: Wie denkst Du über Filesharing und Streamingdienste?

Ashmedi: Lass es mich so sagen: Als wir jung waren, gab es im Mittleren Osten keine Metalheads. Heute gibt es eine Menge, was ziemlich cool ist. Das hat sicherlich damit zu tun, dass man einfacher an das Zeug ran kommt. Außerdem kommen mehr Leute zu unseren Shows.

Aber auf der anderen Seite gehen wir langsam daran zu Grunde. Ich hätte mir ein Haus kaufen können und hätte eine abgesicherte Zukunft! Aber die habe ich nicht… Wir werden gekaut und ausgespuckt. Darum gehen so viele Musiker mit Anfang 50 ein! Sie können ihren Lebensstil nicht an die neuen Gegebenheiten anpassen. Auf Tour machst Du gutes Geld. Neulich habe ich mit meinem Bruder darüber gesprochen und ihm erzählt: „Was Du in einem Monat verdienst, mache ich in 45 auf einem Festival.“ Meistens heißt das sogar zwei Tage lang Urlaub, Bier, Party und der ganze Zirkus. Aber ein Festival ist nicht jeden Tag! Danach ist es schwer, sich wieder an einen geregelten Arbeitsalltag zu gewöhnen. Ich bin jetzt seit 2006 professionell im Musikbusiness, mittlerweile kann ich einfach nicht mehr jeden Tag um sechs Uhr aufstehen und in die U-Bahn steigen! Fakt ist jedoch, dass ich andere Optionen hätte. Aber stell Dir all die armen Musiker vor, die eben keinen Plan B haben… Ich habe einen Master in Betriebswirtschaft und bekomme ab und an lukrative Angebote. Das letzte beinhaltete 10.000 € netto. Plus Haus & Auto! In Dubai. Das ist verdammt viel Geld. Ich habe es aber abgelehnt, weil ich lieber R’n’R mache! Verstehst Du mich?

Bei Spotify verdiene ich im Verhältnis dazu nichts. Es sind nur ein paar Cent, wenn jemand einige Songs streamt. Es gibt einfach zu viele Künstler, unter denen alles aufgeteilt wird.

Es überrascht mich außerdem, was aus den „Headbangern“ geworden ist. Sie galten einst als „Rebellen“. Früher gaben sie ihr Einkommen für Platten aus. Heute dagegen ziehen sie sich alles. Das tun sie aber nicht, weil sie kein Geld mehr haben. Das wandert nämlich zu den großen Corporations: Sony, Apple etc.! Handys, Kopfhörer… Auf der anderen Seite haben sie natürlich etwas mehr für Merchandise übrig, es ist also ein zweischneidiges Schwert…

Kannst Du mir etwas über das aktuelle Album Enki erzählen?

Ashmedi: Es war das bisher schwierigste Album. Fast schon traumatisch. Der Prozess war äußerst langwierig. Einen Monat lang haben wir in Deutschland jeden Tag geprobt, danach ging es für drei Monate nach Athen ins Studio. Am Ende waren wir aber mit dem Mix nicht zufrieden. Zum Glück schaltete sich unser Label (Nuclear Blast) ein und schickte uns in ein schwedisches Studio. Das war fantastisch, die Schweden haben ein großartigen Job gemacht! Das Album klingt sehr wütend, weil ich ziemlich wütend war. Ich habe aber versucht, diese Wut im positiven Sinn zu kanalisieren. Es ist ein tiefgreifendes Album, bei dem ich viele persönliche Dinge verarbeitet habe.

Ich finde, dass diesmal besonders der Drumsound sehr groß und wuchtig geworden ist.

Ashmedi: Bei Epigenesis (dem Vorgängeralbum) haben wir die Drums analog aufgenommen, für Enki jedoch digital. Die Hörgewohnheiten der Extrem-Metalfans haben sich einfach geändert. Einige Leute kamen auf mich zu und kritisierten den Sound von Epigenesis, woraufhin ich entgegnete: Das kommt dadurch, dass es wie auf Tape klingt! Dafür braucht man aber gute, große Lautsprecher. Heutzutage hören viele Menschen aber nur noch über kleine Lautsprecher am PC oder über die Kopfhörer vom Handy. Dementsprechend haben wir diesmal ganz anders produziert.

Du hast gerade erwähnt, dass du während den Aufnahmen sehr wütend warst…

Ashmedi: Davor! Die Aufnahmen selbst verliefen sehr entspannt. Die Jahre davor waren hart für mich.

Viele Bands, die heute angesagt sind, haben ein okkultes, aber vor allem düsteres Image. Bei Melechesh jedoch fühlt sich alles positiver an, obwohl die Musik immer noch sehr extrem ist. Wie siehst Du das?

Ashmedi: Es ist mystisch, aber es geht dabei um Erleuchtung und Erschaffung. Energie kann sein, was immer Du willst. Feuer kann dich verbrennen, es kann Dir aber auch Deine Mahlzeit erhitzen. Elektrizität kann dich töten, aber sie spendet auch Licht. Es geht darum, wie Du die Energie nutzt! Der menschliche Pfad sieht zunächst vor, dass man behütet aufwächst und Dinge in der Schule lernt, danach rebelliert man dagegen. Was aber darauf wiederum folgt, liegt bei einem selber! Ich möchte mich einfach nur an mir arbeiten und mich ständig verbessern. Das ist für mich Erleuchtung.

Wenn Du für einen Tag ein Superheld sein könntest: Wie würdest Du heißen und was für Kräfte hättest Du?

Ashmedi: Ich wäre Captain Chaos! Alle meine Freunde nennen mich eh schon so! Ich vereine Ordnung und Chaos in mir. Das ist wie bei der Entstehung eines Albums. Das wäre also mein Name. Aber ich wüsste nicht, was ich als Kraft wählen sollte… Vielleicht ein Röntgenblick, um Frauen nackt sehen zu können… Nein, ich wüsste ich wirklich nicht. Ich wäre aber gerne so reich wie Bill Gates! Dann würde ich mit den besten Scharfschützen und Programmieren eine Art Weltgerechtigkeitskomitee gründen. Wann immer jemand da draußen versucht, die Welt zu ficken, würden komplexe Computeralgorithmen bestimmen, ob der Typ wirklich böse ist und die Scharfschüzen würden ihn gegebenenfalls ausschalten. Wenn Menschen in so einem Entscheidungsprozess involviert sind, wäre immer ein Stück weit Befangenheit mit im Spiel. Nimm z.B. den Irak: Anstatt im Namen des Guten eine Million Menschen umzubringen und jetzt ein kaputtes Land zu hinterlassen, bringt man einfach Saddam um. Anstelle des zweiten Weltkrieges: bring Hitler um! So etwas könnte viele Kriege verhindern… Das würde ich gerne machen! Aber dazu müsste man schon Milliardär sein und obendrein noch verrückt genug, es dann auch zu tun! Es müsste natürlich auch noch heimlich geschehen… Mist, jetzt hab ich mich verraten und werde bestimmt ausgeschaltet!

Eure Musik bringt viele Menschen zusammen, die sich ansonsten gegenseitig die Köpfe einschlagen würden.

modulok_WIP2Ashmedi: Gestern haben wir in London gespielt, dort saßen Syrer mit Israelis zusammen und tranken Bier. Es gibt viele gute Menschen da draußen. Andere sagten mir, ich solle unsere Konzerte in Israel boykottieren, aber das hat nur mit Politik zu tun. Warum sollten wir nicht für unsere Fans spielen, die uns wegen der Musik mögen? Sie wissen, dass wir keine Israelis sind und mögen uns trotzdem! Wenn man etwas boykottiert, tut man das, weil es illegal ist. Wenn man z.B. Orangensaft auf annektiertem Land herstellt, kann man das meinetwegen boykottieren. Aber man boykottiert doch keine Headbanger! Außerdem: Ich biete ihnen eine Dienstleistung in Form von Unterhaltung an. Ich kaufe ja nichts bei meinen Fans…

Aber ich würde sagen: Die Musik bringt die Menschen einander näher!

Vielen Dank für das Interview! Da Du ja auf Tour gerne wieder zum Kind wirst, darfst du jetzt noch Deinen ganz persönlichen Modulok kreieren.

Bildrechte: Thorsten Fiolka + Nuclear Blast

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Im Interview: Ashmedi (Melechesh) was last modified: Mai 18th, 2015 by Yorck Segatz

Videospiele sind ihm nicht hart genug, daher bemalt er in seiner Freizeit Warhammer-Männlein und hört währenddessen Death Metal. Lange Spaziergänge am Strand macht er nur mit, wenn er anschließend mit seiner He-Man-Figur spielen darf. Ansonsten ist er stubenrein und kann gut stillsitzen.